Film "I, Tonya" Die Frau, die sie Eishexe nannten

Mit Wut im Bauch aufs Eis: Margot Robbie als Tonya Harding im Film "I, Tonya".

(Foto: Mars Films)

Die US-Eiskunstläuferin Tonya Harding ging in die Sportgeschichte ein, weil ihr Ehemann einer Konkurrentin das Knie zertrümmern ließ. Der Film "I, Tonya" erzählt, wie weit Menschen gehen, um ihre einzige Chance im Leben zu verteidigen.

Von Johanna Bruckner, New York

Wer wissen will, woher das Böse kam, der muss zurückgehen zu den Anfängen. Der Film "I, Tonya" über einen der größten Sportskandale Amerikas will das. Er erzählt die Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding, der ersten Amerikanerin (und zweiten Frau überhaupt), die in einem Wettbewerb einen dreifachen Axel stand - eine der schwersten Übungen des Sports. Und die trotzdem vor allem in Erinnerung geblieben ist, weil ihr Ex-Mann 1994 ein Attentat auf Hardings Konkurrentin Nancy Kerrigan in Auftrag gab. Kerrigan wurde mit einem Totschläger das Knie zertrümmert. Videoaufnahmen nach dem Angriff, die immer noch bei Youtube zu finden sind, zeigen eine schmerzverkrümmt am Boden sitzende Eisprinzessin. "Warum?", ruft Kerrigan weinend.

Seit "I, Tonya" in den amerikanischen Kinos läuft, wird die Schuldfrage einmal mehr öffentlich diskutiert. Wie viel wusste Tonya Harding? Ist sie die Eishexe, als die sie die Medien Mitte der Neunziger brandmarkten? Die eifersüchtige "Little Miss Second-Best", wie amerikanische Comedians damals spotteten? Oder ist sie doch auch ein Opfer?

Wenn Tonya Harding, gespielt von Margot Robbie, im Film über den Vorfall spricht, spielt ein sarkastisches Lächeln um ihren Mund. Gewalt? "Für mich ist das ein Dauerzustand", sagt Harding. Passend dazu sind Schläge im Film kein sparsam eingesetztes Stilmittel, sondern ständiger Begleiter der Handlung.

Was einen Menschen formen kann

"I, Tonya" ist natürlich aus ihrer Perspektive erzählt, verwebt Interviewsequenzen einer gealterten Tonya Harding mit Rückblenden. Die Art der Inszenierung erinnert an Docutainment-Formate im Fernsehen: Das Reale verschwimmt mit dem Fiktiven. Nur dass die Interviewszenen im Film genauso nachgestellt sind wie die Reise in die Vergangenheit.

Tonya als noch nicht mal Vierjährige, ein Kleinkind, das im hellblauen Mäntelchen strahlend übers Eis gleitet. Tonya, der im Training der Urin die Strumpfhose hinunterrinnt, weil ihre Mutter sie nicht auf die Toilette lässt. "Dann fährst du eben nass weiter", sagt LaVona Harding. Tonya als Teenager in der Küche, der sich erbittert mit der Mutter streitet. Irgendwann steckt ein Steakmesser im rechtem Oberarm der Tochter. Als Tonya ihrer Mutter viele Jahre später Vorwürfe macht, bleibt diese unnachgiebig: "Du solltest mir dankbar sein. Ich habe dich zu einer Kämpferin gemacht. Mit Nettsein erreichst du einen Scheiß."

Wer wissen will, woher das Böse kam, der muss zurückgehen zu den Anfängen. Und so ist "I, Tonya" eben nicht nur ein Film über Tonya Harding, sondern auch ein Film über das, was einen Menschen formen kann. Armut, Eltern, erster Freund.

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Als Tonyas Trainerin LaVona Harding ermahnt, dass Rauchen auf der Eisfläche verboten sei, antwortet die: "Dann rauche ich eben leise." Selten hatte das Rauchen eine so eindringliche Symbolik wie in diesem Film. Wenn die Mutter mit stumpfem Blick an ihrem Zigarillo zieht, dann meint man zu sehen, wie der Rauch seinen Weg in ihren Körper findet, wie sich schwarzer Teer auf rot-pulsierende Lungen legt. Ätzend. Zerstörerisch. So wie Tonya Harding langsam vergiftet wird, von den Worten der Mutter und den Schlägen ihres Freundes und späteren Ehemanns Jeff Gillooly.

Ein Mann wie ein schlechter Witz

Craig Gillespies Film beruft sich auf biografische Fakten, echte Aussagen der Beteiligten, Polizeiberichte, und wirkt doch manchmal so grotesk überzogen wie ein sehr fantasievoller Comic. LaVona Harding - großartig: Allison Janney, die unter anderem bei den Golden Globes als beste Nebendarstellerin geehrt wurde - ist in den Interviewsequenzen mit einem Papagei auf der Schulter zu sehen, neben ihr auf dem Sofa liegt ein Sauerstoffgerät. Und dann ist da Shawn Eckhardt, der beste Freund von Tonyas Mann, der die Schläger auf Nancy Kerrigan ansetzte. Ein Mann wie ein schlechter Witz. Übergewichtig, dümmlich, der Reportern nach dem Attentat erzählt, er sei ein anerkannter Spionage-Experte.

Nur: Regisseur Gillespie hat sich diese Details nicht ausgedacht. Im Abspann sind die echten Interviewausschnitte zu sehen. Inklusive Papagei und James-Bond-Phantasie.