Film, Familie, Geschichten Voller Widerhaken

Thomas Harlan war ein schillerndes Nachkriegsprodukt. Sein Werk war geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Vater. Nun widmete sich eine Potsdamer Tagung seinen Filmen und Romanen.

Von Hans-Peter Kunisch

Vor etwa drei Jahren kamen knapp sechzig Umzugskisten zur Deutschen Kinemathek nach Berlin. In ihnen lag, unter anderem, "Das Vierte Reich", ein legendäres Projekt, für das Thomas Harlan, der älteste Sohn des berüchtigten NS-Hetzfilmers Veit Harlan, jahrelang recherchiert hatte. Er wollte, vom ebenso legendären Mailänder Verleger Giangiacomo Feltrinelli finanziert, mit 17 000 Lebensläufen die Verstrickung von Nazi-Tätern ins System Bundesrepublik dokumentieren. Nachdem Harlan 2010 gestorben war, bedauerte Inge Feltrinelli in der Wochenzeitung Freitag: "Es müssen ganze Zimmer sein, voll von Dokumenten, und keiner weiß, wo die sind." Über Harlan sagte sie: "Er ist schon ein schillerndes Nachkriegsprodukt Deutschlands gewesen, es gab ja kaum Leute mit so einer Ausstrahlung."

Noch heute hat die Deutsche Kinemathek offenbar kaum Mittel, Thomas Harlans Nachlass genau zu sichten. Immerhin gibt es ein erstes "Findbuch", wie am Wochenende auf einem Symposium zu erfahren war, zu dem die Medienwissenschaftler Michael Wedel und Jesko Jockenhövel nach Potsdam geladen hatten.

"Ich will Dich tragen, ich will Dich bis ans Ende der Jahre tragen wie eine Schuld."

Dass Veit Harlan - der einzige gerichtlich verfolgte deutsche NS-Künstler überhaupt - für unschuldig erklärt und im Triumph aus dem Gerichtsgebäude getragen wurde, ließ seinen Sohn, der noch von Goebbels persönlich eine Märklin-Bahn geschenkt bekommen hatte, nicht los. Noch in seinem letzten Buch "Veit", das Thomas Harlan Monate vor seinem Tod diktierte, finden sich beinahe wahnsinnige Sätze: "Ich will Dich tragen, ich will Dich bis ans Ende der Jahre tragen wie eine Schuld. (. . . ) Ich habe Dich geliebt. Lass mich Dein Sohn sein, Dein ältester, lass mich."

Thomas Harlan selbst, 1929 geboren, wurde mit elf Jahren Marine-HJ-Führer, aber seine Schuldfantasien waren überflüssig. Was er aus ihnen gemacht hat, nicht. In seinen letzten zehn Jahren schrieb er im Lungensanatorium bei Berchtesgaden seine Romane "Rosa" und "Heldenfriedhof". Wie Sieglinde Geisel, der Harlan "Veit" diktiert hatte, in Potsdam feststellte, sind diese Romane das genaue Gegenteil zur heute so gern verlegten "Literatur, in der nichts mehr stört." Schroff, voller Widerhaken, zeigen sie, nah am historischen Material, aber auch in ausschweifend künstlerischer Verwandlung, was man mit deutscher Sprache machen kann.

Christoph Hübner erzählte in Potsdam vom Werden seines großartigen filmischen Gesprächsporträts "Wandersplitter", das vorführt, was jeder in Erinnerung hat, der Harlan je in Berchtesgaden besuchte. Schon aufgedunsen von der Krankheit, aber auch ungeheuer zart und klein geworden, formulierte er mündlich so liebevoll-preziös wie ein uralter Engel, um gleich darauf verächtlich vom "luxuriösen Krepieren hier" zu sprechen. Harlan verweigerte sich jeder Alltagsplauderei. In jedem seiner Sätze ging es um Wahrheit.

Einen der fesselndsten Vorträge hielt Werner Renz vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Er brachte Harlans frühes Stück "Lux" in den Blick, in dem Harlan bundesrepublikanische Scheinjustiz als exaltierte Satire aufführt. Hitlers Kammerdiener Lampe, und besonders seine Schäferhündin, werden hier durch die Justiz zu den Hauptverantwortlichen der NS-Verbrechen erklärt. Der heute berühmte hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dem Harlan "Lux" zu lesen gab, war ein Vertrauter. Beide verband ein lange BRD-untypisches Rechtsverständnis, das nicht nur aktive Mörder zur Verantwortung zog, sondern auch Schreibtischtäter. Renz räumte mit der Legende auf, dass Harlan mit seinen frühen Forschungen in Polen den Auschwitz-Prozess mitbestimmt habe. In den Handakten der Staatsanwaltschaft, die er "Blatt für Blatt" kenne, gebe es Harlan nicht. Andererseits hat er, in wohl über 2000 Einzelfällen, für Anklageerhebung gesorgt.

Beide Künstler, der belastete Vater wie der Sohn, schufen Melodramen

Spannend auch, wie Jesko Jockenhövel am Beispiel von Veit Harlans spätem Film über den sowjetischen Spion Richard Sorge zeigte, wie Vater und Sohn, der umfangreiches Dokumentarmaterial einspeiste, eine Weile lang zusammenarbeiteten. Was Thomas dazu gebracht hat, bei Veits spektakulärer Zürcher Verbrennung der vermeintlich letzten "Jud-Süß-Kopie" dabei zu sein, weiß wohl keiner. Noch wichtiger aber ist der Hinweis, dass beide, Vater wie Sohn, Melodramen schufen. Thomas Harlan lehnte die filmisch-theatralischen Mittel seines Vaters nicht rundweg ab, wie Chester Harlan, Thomas' Sohn, erzählte, sondern überzog sie oft grotesk-grandios, ins "psychedelische". Wie im monströsen Film "Wundkanal", in dem Harlan den NS-Verbrecher Alfred Filbert mit der pompösen Musik aus dem "Immensee"-Schinken des Vaters zuerst einlullt, dann in die Enge treibt - indem Harlan ihm, während Filbert Musik hört, aus dem Off die eigenhändige Erschießung von 100 Lagerinsassen vorwirft. Hier wirkt Gewalt gegen Gewalt. Weil der selbstgerechte Mörder sonst nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen wäre; noch heute ein Film an der Grenze des Zumutbaren.