Film "Der seidene Faden" Die perfekte Liebe ist nur als Hassliebe zu haben

In Hitchcock-Manier: Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) liebt seine Muse Alma (Vicky Krieps) - bis sie ihn auch liebt.

(Foto: Photo : Laurie Sparham / Focus F; Verleih)

Daniel Day-Lewis glänzt in "Der seidene Faden" als manischer Schneider, der die Liebe auf Abstand hält. Es ist vermutlich die letzte Rolle des Schauspielers - und eine, die seinem Talent gerecht wird.

Von David Steinitz

Dieser Film beginnt mit einer peniblen Enthaarungsprozedur. Der gefeierte Londoner Upper-Class-Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) steht wie jeden Morgen vor dem Spiegel, streicht sich prüfend übers frisch rasierte Gesicht und trimmt mit fachmännischen Scherenschnitten Nasen- und Ohrenhaare.

Eine Szene, die diesen Mann auf den ersten Blick als manischen Perfektionisten charakterisiert und die zugleich eine ironische Abrechnung mit der Haarpracht vergangener Tage ist. Denn der Schauspieler Daniel Day-Lewis hat die letzten zwei Jahrzehnte seiner Karriere fast durchgehend hinter einer dichten Gesichtsbehaarung verbracht. Da wäre der nach oben hin gedrehte Moustache im Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisstil aus "Gangs of New York", an dem er ausgiebig zwirbelte. Oder der Schnauzer aus "There Will Be Blood", den er zornig beben ließ. In "Lincoln" trug er dann zuletzt einen Vollbart, den er präsidial kraulte.

Es gibt böse Zungen, die behaupten, all die Oscars und Golden Globes, die er für diese Auftritte bekommen hat, müsste er eigentlich an seinen Barbier weiterreichen, weil die Filmpreisjurys in Hollywood dazu tendierten, gelungene Maskeraden mit Schauspielkunst zu verwechseln.

Daniel Day-Lewis will sich aus der Schauspielerei zurückziehen, dieser Film soll sein letzter sein

Was für ein großer Schauspieler Daniel Day-Lewis aber ohne Frage ist, das hat er vermutlich noch nie so eindrucksvoll gezeigt wie im Liebesmelodram "Der seidene Faden" - auch ganz ohne Bart.

Die Geschichte spielt im prosperierenden Nachkriegs-London der Fünfzigerjahre. Die Queen ist frisch gekrönt, die gröbsten Kriegstraumata sind sublimiert, und die Frauen der britischen Oberschicht sehnen sich nach opulenten Kleidern, mit denen sie den wiederkehrenden Wohlstand zur Schau stellen können. Und auf Kleider, die so perfekt maßgeschneidert sind, dass noch die schüchternste Trägerin zur selbstbewussten Ballkönigin wird, versteht sich in dieser Welt keiner so gut wie Reynolds Woodcock, der aus jedem Stoff ein pompöses Kunstwerk zu machen weiß.

Warum genau aber reizt es einen dreifachen Oscar-Preisträger wie Daniel Day-Lewis, der schon so ziemlich alle menschlichen Extreme gespielt hat, die man spielen kann, einen Londoner Schneider zu verkörpern, der sehr darauf bedacht ist, dass ihm keine Haare aus der Nase wachsen? Natürlich weil er selber ein genauso manischer Perfektionist und Künstler ist wie dieser Schneider.

Day-Lewis ist einer der radikalsten Method-Acting-Vertreter des modernen Kinos. Er will eine Rolle nicht bloß spielen, er will sie sich einverleiben, in ihr aufgehen, sprich: Er will vergessen, dass er Daniel Day-Lewis ist. Auch wenn der Regisseur "Cut!" ruft, legt er seine Rollen nicht einfach wieder ab. Seine Kollegen haben oft fasziniert davon erzählt. Wie der Brite zum Beispiel bei den Dreharbeiten zu "Gangs of New York" auch beim Mittagessen weiterhin mit Ostküstenakzent sprach und auch nach Feierabend bedrohlich mit seinen Fleischermessern hantierte - er spielte einen Metzger -, weil er gar nicht mehr anders konnte, als in seiner Rolle zu bleiben.

Wie viel Normalität kann es für ein entstelltes Kind geben?

Die Verfilmung des Bestseller-Romans "Wunder" beschwört eine Form der Solidarität, wie es sie nur in Amerika gibt. Von Fritz Göttler mehr ...

Ein kräftezehrender Prozess, den er im Lauf der Jahre immer exzessiver betrieben hat und der dazu führte, dass er immer seltener drehte, weil er immer länger brauchte, um in eine Rolle hinein- und irgendwann auch wieder herauszufinden. Vielleicht ist die Bürde dieser Arbeitsmethode auch der Grund, dass Daniel Day-Lewis bereits im vorigen Jahr angekündigt hat, "Der seidene Faden" werde sein letzter Film sein, er wolle sich aus der Schauspielerei zurückziehen. Und da braucht es natürlich eine besonders irre Rolle für einen standesgemäßen Abschied.

Sein idealer Partner für diese Mission ist der Regisseur Paul Thomas Anderson, mit dem er schon "There Will Be Blood" gedreht hat. Der Perfektionismus, den Day-Lewis von sich selbst verlangt, zeichnet auch ihn aus. Andersons Filme - "The Master", "Magnolia", "Punch-Drunk Love" - sind von einer Formstrenge geprägt, wie man sie nur selten im Kino sieht. Viele Filme, zumindest aus Hollywood, entstehen heute ja vor allem in der Postproduktion, wo aus Pixeln das eigentliche Spektakel gebastelt wird. Was oft zu einer fahrlässigen Vernachlässigung des klassischen Filmhandwerks führt - also des besonnenen Schreibens und Inszenierens eines Films. Bei "Der seidene Faden" ist das Gegenteil der Fall, dieses Werk ist aus der eifrigsten, ja übereifrigsten Vorproduktion entstanden. Daniel Day-Lewis und Paul Thomas Anderson haben sich den Schneider in einem langen Pingpongprozess gemeinsam ausgedacht - eine Maßanfertigung für den Hauptdarsteller.

Die Liebesgeschichte wird zum Thriller, weil die Frau genauso stur ist wie der Mann

Dieser Reynolds Woodcock ist ein Mann, dessen künstlerisches Genie ihn in eine Zwickmühle bringt. Einerseits muss er immer eine Muse neben sich haben. Andererseits empfindet er es als Beleidigung, was für Konsequenzen so eine Freundin im Alltag bedeutet. Allein die Vorstellung, beim Frühstück, wo er bereits am Skizzenblock über neuen Entwürfen brütet, mit dem lauten Bestreichen eines Toasts oder gar einem Gespräch belästigt zu werden, ist für ihn ein Albtraum.

Aus diesem Grund hat er seine Schwester Cyril (Lesley Manville) an seiner Seite. Sie kümmert sich nicht nur um die Buchhaltung der Firma Woodcock, damit der Künstler sich nicht mit schnöden Zahlen beschäftigen muss; sondern sie übernimmt auch die Beseitigung von nervenden Lebensabschnittsgefährtinnen, die ihren Musenstatus mit Alltagstheater zerstören. Cyril macht in seinem Namen mit den Frauen Schluss und jagt sie aus dem Haus, ohne dass er sich kümmern muss.

Bis Woodcock eines Tages bei einer Landpartie in einem Café die Bedienung Alma (Vicky Krieps) kennenlernt. Zunächst sieht ihre Beziehung nach dem üblichen Muster aus. Ein hübsches Mädchen, das ihn zu neuen Kleidern inspiriert, das ihn aber bald mit Schmatzgeräuschen am Frühstückstisch an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt. Doch als der übliche Mechanismus einsetzen soll - Schwester entsorgt Freundin -, passiert etwas Unerhörtes: Alma bleibt einfach da. Und nicht nur das, sie schickt sich sogar mit einem ungeheuerlichen Selbstbewusstsein an, die Verhältnisse im Hause Woodcock neu zu ordnen: Entmachtung des Schwesterbiests und Domestizierung des selbstverliebten Schneiders, der befürchtet, diese Frau könne ihn seine Gabe, seinen Perfektionismus kosten.

Für diese Geschichte über einen manischen Perfektionisten haben sich die beiden manischen Perfektionisten Day-Lewis und Anderson bei einem weiteren manischen Perfektionisten bedient: Alfred Hitchcock. Dessen Thriller "Vertigo" stand ein bisschen Pate, aber auf diesen Film der Filme beruft sich ja ohnehin jeder Kinomacher bei Verstand. Vor allem greifen sie auf Hitchcocks Melodram "Rebecca" von 1940 zurück - einer ähnlich konzipierten und komplizierten Dreiecksgeschichte, in der eine junge Frau sich zwischen ihrem Liebhaber und dessen Über-Mutter-Inkarnation behaupten muss. Die Referenzen gehen so weit, dass die Filmmusik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood klingt, als hätte er in den Archiven einen verschollenen Hitchcock-Score gefunden.

Das größte Kunststück in "Der seidene Faden" ist aber, dass es in diesem Film keine typische Krimi-Leiche gibt. Sondern dass er allein durch die Spannung zwischen zwei sturen Liebhabern, die beide kompromisslos auf ihrem Willen bestehen, zum Thriller wird. Die perfekte Liebe, erzählt der große Perfektionist Daniel Day-Lewis in seinem vermutlich letzten Film, ist nur als Hassliebe zu haben.

Phantom Thread, USA/GB 2018 - Regie, Buch, Kamera: Paul Thomas Anderson. Musik: Jonny Greenwood. Mit: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville. Universal, 128 Minuten.

"Niemand kam auf die Idee, das zu stoppen"

In einem harschen Facebook-Post kritisiert der Regisseur Simon Verhoeven seinen Kollegen Dieter Wedel und schämt sich für die Mechanismen der Filmbranche. Von Philipp Crone mehr...