Film: "Das Leben der Anderen" In der Lauge der Angst

Florian Henckel von Donnersmarck macht in seinem Spielfilmdebüt spürbar, wie sich die DDR-Diktatur im Orwell-Jahr 1984 anfühlt. Ohne Ostalgie, Spreewaldgurken-Folklore oder Trabi-Witze.

Von Rainer Gansera

"Bist du wirklich bei der Stasi?", fragt der kleine Junge den Mann, der neben ihm im Aufzug steht. Der Mann, Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), zuckt unmerklich zusammen. Er neigt den Kopf leicht und fragt, schmallippig und lauernd, zurück: "Weißt du überhaupt, was das ist, die Stasi?"

Der Junge, der einen Fußball in Armen hält, antwortet ohne Zögern mit einer Definition, die Wiesler verblüfft: "Das sind schlimme Männer, die andere einsperren, sagt mein Papi!" Drauf Wiesler, ganz spontan, automatisch: "So? Wie heißt denn dein..." Da zögert er, wartet, sagt schließlich, mit einer Betulichkeit, die ihm selber lächerlich vorkommt: "...Ball. Wie heißt denn dein Ball?"

Irgendetwas ist mit Wiesler geschehen. Er vernachlässigt seine Pflichten, wird dienstuntauglich.

Von der Wandlung Wieslers erzählt Florian Henckel von Donnersmarck, 32, Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, in seinem Spielfilmdebüt, das ein raffinierter Mix aus Politthriller und Liebesmelo, Gewissensdrama und Gesellschaftporträt ist.

Ein Film, von dem man viele Szenen nacherzählen möchte, weil sie so prägnant gebaut sind: mit Witz und elektrisierender Spannung, aufmerksam für jede Nuance der Worte und Gesten, gefilmt in glasklaren Scope-Bildern, deren Schönheit immer der Wahrheitsfindung dient.

Porträt-Galerie zynischer Machthaber

Donnersmarck zeichnet eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung, macht spürbar, wie sich die DDR-Diktatur im Orwell-Jahr 1984 anfühlt. Keine Ostalgie, keine Spreewaldgurken-Folklore, keine Trabi-Witze. Sondern eine Porträt-Galerie der zynischen Machthaber, der Karrieristen und Mitläufer, und die Wandlung Wieslers - das Herzstück des Films.

Zu Beginn ist Wiesler der bissigste aller Stasi-Wachhunde. Er kennt jeden psychologischen Trick, mit dem man Häftlinge beim Verhör zermürben kann, bis sie zusammenbrechen, bis sie vor allem auch innerlich zerbrechen. Stolz führt er seinen Stasi-Rekruten vor, wie man Angstschweiß beim "Staatsfeind" produziert und in einem Einmachglas als "Geruchskonserve" für die Spürhunde aufbewahrt.

Künstler und Intellektuelle findet Wiesler besonders arrogant und gefährlich. Jetzt darf er einen observieren: den Schriftsteller Georg Dreyman (Sebastian Koch), der mit der schönen, berühmten Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) liiert ist und eigentlich eine blütenweiße Weste hat.