Von Von H.G. Pflaum

Das sieht nach einem prächtigen Post-Athen-Trauma aus: In seinem neuen Film "Anything Else" erleben wir Woody Allen im Training zum Amoklauf. In diesem Sinne also alles wie gehabt - und doch ein bisschen anders.

Ach Woody! Viele Jahre hat er uns treu begleitet beim Älterwerden und uns mit seinen Neurosen und Phobien ermutigt, über die eigenen Ängste zu lachen. Dies hat durchaus etwas zu tun mit dem gefährdeten Traum des Autorenkinos: Woody Allens verlässlicher Kosmos mit all seinen Störungen ließ eine Vertrautheit wie mit einem nicht allzu nahen Verwandten entstehen, den man bei seltenen Familienanlässen, bei Hochzeiten und Todesfällen trifft, der sich stets ein wenig verändert zeigt und doch eisern er selbst geblieben ist.

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Berührung mit vitalem Leben

Immer noch sucht Allen die Berührung mit dem vitalen Leben, mag ihn das in "Anything Else" auch die Hauptrolle kosten. Vermutlich weiß er genau, dass es Zeit wird, ein wenig in den Hintergrund zu treten - selbst wenn dies nur eine Finte ist. Er spielt die Nebenrolle des skeptischen älteren Ratgebers, der keine einzige schlechte Erfahrung in seinem Leben vergessen hat, und überlässt das Schlachtfeld scheinbar seinem jungen Kollegen Jason Biggs.

Der aber hat kaum eine Chance: "Anything Else" lebt mit Allens Auftritten immer wieder auf - listiger und wirksamer hat sich kein Filmemacher eine Nebenrolle auf den Leib geschrieben.

Nach Genrefilmen wie "Schmalspurganoven" und "Im Bann des Jadeskorpions" ist Allen zurückgekehrt zu dem, was er am besten und konkurrenzlos beherrscht. Er erzählt eine scheiternde Liebesgeschichte als Komödie. Jerry Falk arbeitet (wie einst Allen selbst) als Gagschreiber, träumt vom Schreiben eines todernsten Romans, leidet aber an einem Alptraum namens Amanda. Dass die Beziehung nicht gut gehen kann, ahnt der Zuschauer bald; Woodys Film-Ego David Dobel weiß es genau.

Zu Beginn sitzt er mit Jerry im Central Park und traktiert ihn mit Lebensweisheiten. Der Schauplatz, die Musik, die Motive, die Sex-Scherze und die Hiebe auf die Psychoanalytiker, selbst die Schrift der Credits und die Anspielungen auf Ingmar Bergman - jedes Detail in "Anything Else" erinnert an Allens frühere Filme, zurück bis in die Tage von "Annie Hall" und "Stardust Memories".

Hysterischer Erstickungsanfall

Manchen Phobien begegnet Woody gefasster, vergessen hat er sie indes nicht. Jetzt ist es Jerry, der seine Angst vor dem Tod beklagt, und David wiegelt ab: "Selbst mein Hund hat Angst vor dem Tod!" Noch mehr leidet Jerry an Amanda, die seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihm schlafen will - im Ernstfall gibt sie sich lieber einem hysterischen Erstickungsanfall hin.

Eingangs zitiert Allen Camus: Die Frauen seien die einzige Chance, den Himmel auf Erden zu finden. Doch dann erzählt er 100 Minuten lang voller Leidenschaft vom Gegenteil. Amanda macht Jerry das Leben zur Hölle, betrügt ihn und quartiert sogar ihre Mutter in seinem Arbeitszimmer ein. Schmerzfreier verläuft das Sexualleben seines Mentors - reduziert auf Phantasien. Begeistert erzählt er von einem Traum, in dem er mit Marilyn Monroe und Sophia Loren gleichzeitig Sex hatte: "Das einzige Mal, dass die beiden je zusammen auftraten."

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