"Feuchtgebiete" beim Filmfestival Locarno Skandal und Koketterie

Szene aus "Feuchtgebiete": Helen (Carla Juri, links) ist ein Teenager, wie er im Buche steht. Und so auf ihren Analbereich fixiert, dass sie die Hilfe von Dr. Notz (Edgar Selge) benötigt.

(Foto: Majestic-Filmverleih)

"Enthält Szenen, die die Sensibilität einiger Zuschauer schockieren könnten": Regisseur David Wnendt hat in seiner Verfilmung von Charlotte Roches Skandalbuch "Feuchtgebiete" die Einstellungen auf den letzten Millimeter berechnet. Daraufhin, was man gerade noch sehen darf.

Von Fritz Göttler, Locarno

Helen ist ein Teenager, wie er im Buche steht. Blond gelocktes Haar, das manchmal engelhaft ausgeleuchtet wird, eine Stimme, die ein wenig belehrend klingt und gern ins Raunen gerät. Bedächtig beschreibt sie Probleme, die sie mit ihren Körperregionen hat. Sie ist fasziniert von Ausscheidungen, auf ihren Analbereich fixiert. Bei einer Rasur dort reißt sie sich eine hässliche Wunde und muss deshalb ins Krankenhaus.

"Feuchtgebiete" ist die unvermeidliche Verfilmung von Charlotte Roches Roman aus dem Jahr 2008. Man sieht dem Film an, wie viel Überzeugung investiert wird im Umgang mit all dem, was das Buch damals aufsehenerregend machte. Auf den Millimeter genau sind die Einstellungen berechnet, daraufhin, was man gerade noch sehen soll und darf. Es ist leichter, über Blut und Scheiße zu schreiben, als sie zu zeigen.

Helen ist süß, aber für eine Lolita nicht cool genug. Immerhin: Carla Juri, die Helen spielt, traut sich manchmal hinreißend zu grimassieren und die Zähne zu fletschen. Am Ende wird sie dann aber doch als Romantikerin enttarnt.

Helen will provozieren, und der Film will es nicht. Regisseur David Wnendt hatte mit "Kriegerin", seinem Regie-Debüt, einen beachtlichen Erfolg - es ging um ein Mädchen, das sich in der deutschen Neonazi-Szene herumschlägt. Am Sonntag feierte nun "Feuchtgebiete/Wetlands" im Wettbewerb des Festivals von Locarno Weltpremiere. Mit Heimvorteil gewissermaßen, denn Carla Juri kommt aus dem Tessin.

Das Festival hat Probleme, nach Cannes und vor Venedig große, aufregende Filme für seinen Wettbewerb zu finden. Immerhin liefen diesmal neue Filme des Rumänen Corneliu Porumboiu und des Koreaners Hong Sang-soo. Locarno selbst sorgt mit seiner touristischen Atmosphäre für Familiensinn.

In bester deutscher Kästner-Tradition

"Der Film", hieß es brav im Programmheft zu "Feuchtgebiete", "enthält Szenen, die die Sensibilität einiger Zuschauer schockieren könnten. Nicht geeignet für Zuschauer unter 16 Jahren. Ausweiskontrolle beim Einlass." Ausweiskontrolle, Jugendschutz - das ist natürlich merkwürdig, ausgerechnet bei einem Film, der von der und für die Jugend erzählt.

Entsensationalisieren könnte man das nennen, und das ist nur eine Strategie, um mit dem Skandal zu kokettieren. Sicher haben die "Feuchtgebiete", die vom 22. August an in Deutschland laufen, den Wettbewerb von Locarno nicht aufgemischt. Sie passen irgendwie gut ins Bild. Am Ende versucht Helen ja nichts anderes, als ihre Eltern wieder zusammenzubringen. Das kennt man aus dem deutschen Kino, das ist beste Kästner-Tradition.

Die Verführungskünste und -kräfte des Kinos wurden weit aufregender auf anderen Gebieten des Festivals ausgespielt. In der George-Cukor-Retro waren die Filme zu sehen, die der Regisseur Anfang der Dreißiger machte, in den Jahren, als Hollywood ziemlich wenig Hemmungen hatte und eine unerschöpfliche schmutzige Phantasie, das war kurz bevor die Filmbranche dann mit dem Hays-Code eine freiwillige Selbstzensur einführte.

Cukors "Tarnished Lady" beginnt mit dem Gesicht einer Frau, der mit einer schwarzen Binde die Augen verbunden sind. Man steckt ihr eine Zigarette in den Mund, lässt sie paffen. Eine unglaublich lustvolle, obszöne Einstellung. Es handelt sich um eine Werbeaufnahme. Make it stuffy, sagt die Stimme des Produzenten aus dem Off. Mach es stickig, dicht, schwül.