Für Karten muss man sich in Bayreuth zehn Jahre gedulden - oder den florierenden Schwarzmarkt nutzen.
(SZ vom 25.7.2003) - Der Mythos der Bayreuther Festspiele ist unergründlich wie ein dunkler Moorsee. Vermutlich wuchs er schon in jenen turbulenten Jahren, als Richard Wagner noch Hofkapellmeister in Dresden war, wegen revolutionärer Umtriebe aber in die Schweiz fliehen musste.
Reichlich obskur, wie man Karten für dieses Objekt der Begierde bekommt: das Festspielhaus am Grünen Hügel in Bayreuth. (© Foto: dpa)
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Am 14. September 1850 skizzierte er den Entwurf zu einem Nibelungendrama. Der Traum von einer schöneren Welt war geboren, und er sollte den großen Meister nicht mehr loslassen.
Die Bayreuther Festspiele, die Wagners Fantasien schließlich Gestalt verliehen, sind so umstritten wie Wagner selbst - und doch ein Magnet.
Nachfrage auf Rekordniveau
"Die Leute lieben sie oder hassen sie, es gibt wenig dazwischen", sagt Festspiel-Sprecher Peter Emmerich, der vor dem Auftakt der 92. Bayreuther Festspiele (mit einer Neuinszenierung der Oper "Der Fliegende Holländer") an diesem Freitag erstaunliche Zahlen auftischt.
"Wir geben kein Geld für Werbung aus und brauchen uns trotzdem keine Sorgen zu machen", sagt Emmerich, womit er sogar noch untertreibt. Trotz der Wirtschaftskrise hat die Nachfrage für die Festspiele ein Rekordniveau erreicht. Jede Karte ist fast zehnfach überzeichnet.
Der alte Spruch, dass jeder, der nach Bayreuth kommen wolle, auch Karten bekomme, hat also einen Haken. Das Kartenbüro verwaltet mittlerweile den Mangel.
Wartezeiten wie in der DDR
Heuer sind 464.985 Bestellungen eingegangen - bei einem Kontingent von 53.900 Karten. Die Verteilungs-Quote von 11,59 Prozent ergibt unter dem Strich Wartezeiten, die an eine Trabi-Bestellung in der alten DDR erinnern: durchschnittlich zehn Jahre.
Wer das Phänomen auf dem "Grünen Hügel" einmal live erleben und einen der 1974 Plätze im Festspielhaus ergattern will, der sollte also viel Geduld mitbringen und eine hohe Frustrationstoleranz besitzen.
Grundsätzlich laufen Bestellungen nur schriftlich über das Kartenbüro der Bayreuther Festspiele (Postfach 100262, 95402 Bayreuth, Telefon0921/78780), das dann einen Bestellschein zuschickt.
Normalerweise erhält der Petent bis Februar des folgenden Jahres eine Zu- oder Absage. Die Bewerbung muss allerdings jährlich wiederholt werden.
Ochsentour
Andernfalls werden die Daten im Reservierungscomputer gelöscht, und die Wartezeit war umsonst. Wer die Geduld für diese Ochsentour nicht aufbringen mag, dem stehen nur wenige andere Wege offen, denn nicht einmal "Großkopferte" kommen problemlos auf die Schnelle an die begehrten Bayreuth-Karten.
Fein heraus sind Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Gemäß einer alten Tradition aus den 50erJahren sind für sie zwei komplette Aufführungen reserviert.
Darüber hinaus aber müsste man schon Stipendiat eines Wagner-Verbands sein, für die ein kleines Kontingent reserviert ist, um nach dem Willen der Richard-Wagner-Stiftung "die Neigung bei jungen Leuten zu erhöhen".
Bei den von der Stadt Bayreuth eingeladenen Premierengästen handelt es sich ausschließlich um Vertreter der hohen Politik. EU-Ratspräsident Romano Prodi gehört dazu, Bundespräsident Johannes Rau, die Mitglieder des Bundeskabinetts und der Landesregierung.
Kein Promi-Bonus
Wie aber kommt dann die Yellow-Press-Prominenz zu ihren Karten? "Also über uns bestimmt nicht", sagt Bruno Haas, der Leiter des Hauptamts der Stadt Bayreuth. Das Gros der Karten gehe über das Festspielhaus.
Dort gibt man sich ebenfalls restriktiv. Sprecher Peter Emmerich weist jeden Verdacht einer Bevorzugung energisch zurück. "Wir laden überhaupt niemanden ein", sagt er. Sondern jeder Besucher müsse seine Karte selber kaufen, wobei er, angefangen von den 11-Euro-Karten bis hin zum 183-Euro-Spitzenplatz, aus 22 Preis-Kategorien wählen könne.
Der Frage, ob es nicht doch einen Promi-Bonus gebe, bescheinigt Emmerich eine außerordentliche Kompliziertheit: "Manche Leute verfügen über viele Mittel und Möglichkeiten, um an Karten zu kommen."
Tatsache ist: In Bayreuth floriert der Schwarzmarkt immer besonders ausgeprägt. Auch diesmal wurden in Zeitungsannoncen wieder Karten für 1500 Euro angeboten und auf der Internet-Plattform Ebay sind 400 bis 800 Euro für eine Karte in guter Sitzreihe für "Lohengrin" der Durchschnitt.
Verbalinjurien der Zukurzgekommenen
Trotzdem scheint sich nach den jahrelangen Bemühungen von Wolfgang Wagner, den Schwarzmarkt zu unterbinden, eine Dämpfung abzuzeichnen. "Oder die Verkäufer sind raffinierter und verdeckter geworden", vermutet Emmerich.
Kein Wunder also, dass nicht nur der Wagnerianische Zoff mit Künstlern und Ministern auf dem "Grünen Hügel" Spuren hinterlässt, sondern auch die Verbalinjurien der Zukurzgekommenen.
"Tätliche Übergriffe hat es aber noch nicht gegeben", sagt Emmerich. Echte Wagner-Anhänger üben sich sowieso lieber in Geduld. Jetzt stehen sie wieder täglich Schlange vor dem Kartenbüro.
Kurzfristig zurückgegebene Karten werden nämlich auf dem freien Markt verkauft. Eine halbe Stunde, bevor drinnen im "Ring der Nibelungen" eine bessere Welt verkündet wird.
Hoffentlich eine, in der es dann endlich genügend Karten gibt.
(sueddeutsche.de)
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