Festspiele Mao am Mount Rushmore

Lenin, Stalin und Mao Zedong in Stein gemeißelt, davor ein Wohnwagen. Das ist Bayreuth.

(Foto: dpa)

Frank Castorfs "Siegfried" in Bayreuth

Von Klaus Kalchschmid, Bayreuth

Noch immer ist der Star auch des "Siegfried", dem zweiten Tag des "Ring des Nibelungen" in der Regie von Frank Castorf bei den Bayreuther Festspielen, die gewaltige Raumskulptur von Alexander Denić: auf der einen Seite der Drehbühne eine Anspielung auf Mount Rushmore, allerdings mit den riesigen Konterfeis von Marx und Lenin, Stalin und Mao, die wie von einem begehbaren Baugerüst umgeben sind, davor ein Wohnwagen und allerlei Camping-Müll. Direkt gegenüber prangt die Essenz des Berliner Alexanderplatzes mit Leuchtreklamen, der U- und S-Bahnstation, einer Weltzeit-Uhr, Postamt, Schaufenster-Fronten, viel Resopal und Siebzigerjahre-Kacheln: Kapitalismus und Kommunismus sind hier untrennbar verschränkt, nicht zuletzt durch das Geschäft mit Öl, dem schwarzen Gold, dessen Geschichte Castorf auch im fünften und letzten Jahr seines "Ring" mehr oder minder konkret erzählt.

Hier stolziert Erda als Ex Wotans zum letzten Date mit dem einstigen Lover herab (dem sie immerhin acht Töchter gebar), nicht ohne sich - sichtbar dank virtuoser Videotechnik - im Inneren des Gebäudes zum aufschäumenden Vorspiel des dritten Aufzugs erst einmal mit der passenden Perücke herzurichten. Nadine Weissmanns erotisch lockender Mezzo und Thomas J. Mayers vitaler Heldenbariton prallen da bei Spaghetti und Rotwein aufeinander, während der Kellner (dargestellt von Regieassistent Patric Seibert) wild aus allerlei Flaschen in Dutzende Gläser nachschenkt. Seibert ist der lebendige running gag der Inszenierung, spielt mal ölverschmiert, mal mit üppig behaarter Brust auch Bär und Blasebalg bei Siegfrieds Schmiedeliedern. Stefan Vinke stemmt sie mit robustem Tenor, der nie an Leuchtkraft einbüßt, Catherine Foster ist ihm als Brünnhilde nicht nur in der Stimmpracht ebenbürtig. Ihr sexuelles Erwachen spielt sie genauso schön, jugendlich naiv und hintergründig komisch wie Stefan Vinke zuvor schon Siegfrieds erotisches Erweckungserlebnis mit dem prächtigen Waldvogel (Ana Durlowski) im schillernden Revue-Kostüm voller Glitzer und wippender Federn.

Überhaupt ist dieser dritte Aufzug das Glanzstück der Aufführung. Sinnvoll der Einsatz der Drehbühne, etwa wenn zu Siegfrieds Weg auf den Walkürenfelsen (Mount Rushmore) die Geschichte der anderen Figuren auf dem Alexanderplatz weitererzählt wird. Jetzt gibt es endlich Personenregie und bekommt auch das Orchester die Spannkraft und klangliche Schärfe, die im zweiten Aufzug auch dank Dirigent Marek Janowski oft fehlte. Extravagant waren seine Tempiwechsel bei den Schmiede-Liedern im ersten Aufzug, was Vinke weniger aus dem Konzept brachte als den überragenden Mime von Andreas Conrad. Er ist ein Charaktertenor, der noch im Sprechgesang enorme Klang - und Bühnenpräsenz besitzt. Mit Albert Dohmen ist Alberich solide besetzt, während Karl-Heinz Lehner als Fafner - hier kein Drache, sondern Zuhälter mit Bart aus Öl - stimmlich durchaus Furcht erregt.