Festspiele Kokolores, aber mit Verve

Auch große Oper ist Werkstatt. Hier helfen zwei der Blumenmädchen aus dem "Parsifal", Paula Iancic und Tara Erraught, bei den Aufbauarbeiten zu "Oper für alle" am Sonntag mit.

(Foto: Wilfried Hösl)

Die Bayerische Staatsoper zeigt in ihrer zweiten Produktion in der Reithalle "Match!" mit Mauricio Kagels gleichnamigem Stück im Zentrum

Von Egbert Tholl

Es gibt ein Altern in der neuen Musik, das liegt in der Natur der Sache der kompositorischen Fortentwicklung. Diese funktioniert diskontinuierlich, manche Musik, die vor Jahrzehnten, aber nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, klingt heute noch ungemein frisch, andere hat Moos angesetzt. Mauricio Kagel zum Beispiel hat ganz grandiose Sachen komponiert, fulminante Scherze, die heute noch einen ungeheuren Erkenntniswert haben. Dann wieder schrieb er Stücke, die auf einer, vielleicht tollen Idee basieren, und das war's dann. Dabei war Kagels Denken, auch wenn er reine Instrumentalmusik schrieb, stets ein theatralisches; schon allein deshalb passt es, ein Stück von ihm in der Festspielwerkstatt der Bayerischen Staatsoper zu präsentieren.

Nämlich "Match" von 1964. Das ist so ein Stück, das auf einer tollen Idee beruht, und dann macht's pfft und die Luft ist raus. Nach etwa drei Takten. Danach kommen aber noch viele Takte. Und zwar zwei Mal, weil die Werkstatt Kagels Idee folgt, das Ding zwei Mal hintereinander aufführen zu lassen. Giulia Giammona hat den Abend eingerichtet, und er schaut so aus: Beginn Kagel, danach spielt Jakob Spahn die dritte, fabelhaft kluge und sperrige Solo-Cellosuite von Benjamin Britten, dann Johannes Moser Ellen Reids halb esoterisches und letztlich vom kompositorischen Material her stark überschaubares Stück "Stellar Remnants" für Solocello und Elektronik. Zum Abschluss noch einmal der Kagel, unverändert, aber stärker inszeniert, mit lustigen Statisten und einem Eisbären.

In "Match" treten Moser und Spahn zu einem Duell an, einem Wettstreit mit ihren Instrumenten, der Perkussionist Carlos Vera Larrucea fungiert als Schiedsrichter, Anweiser, Beobachter. Der ganze Witz an dem Ding ist das Auflösen des Zusammenspiels in eine kompetitive Situation. Töne werden zu Aufforderungsfloskeln, zu einem tönend-gestischen Pingpong, Lyrisches ist verpönt und führt zum Unmut des "Gegeners". Das alles bewegt sich auf einer Humorlage, die 1964 en vogue war, heute aber in etwa so wirkt wie eine Peter-Alexander-Klamotte vom Wolfgangsee. Also vollkommen unfrisch. Die musikalischen Ideen sind dünn gesäht, aber Moser, Spahn und Larrucea werfen sich mit Verve in die Spielsituation, das Publikum lacht und gluckst, vielleicht braucht man deshalb gar nicht meckern über diesen abgestandenen musikalischen Kokolores.

Mehr Opernwerkstatt in der Reithalle; Die Vorübergehenden von Nikolaus Brass, 13., 15., 16. und 21. Juli; Vanitas von Salvatore Sciarrino, 19. und 20. JuliOper für alle, Live-Übertragung des Parsifal, Sonntag, 7. Juli, 17 Uhr, Max-Joseph-Platz