Festspiel-Kritik Anrührend perfekt

In sich gekehrt und alles überstrahlend: Anna Netrebko.

(Foto: Wilfried Hösl)

Anna Netrebko singt die Tatjana in "Eugen Onegin"

Von Egbert Tholl

Fast acht Jahre ist Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Bayerischen Staatsoper nunmehr alt, und noch immer hat die Polonaise der schwulen Cowboys darin ein großes Potenzial, Teile des Publikums in Rage zu bringen. Dass die Inszenierung dieses Tanzes, der nichts anderes ausdrückt als Onegins Angst vor den eigenen homoerotischen Neigungen, ungemein treffsicher auslotet, was in der Musik ohnehin drin ist, spielt für die partielle Teilzeitwut keine Rolle. Auch dass Warlikowski hier eine stimmige Lösung für diesen Tanz fand, den Tschaikowsky so seltsam bizarr nach dem tödlichen Duell in seine Oper hineinschrieb, spielt offenbar nicht für alle eine Rolle. Das ist schwul, das ist seltsam, das mag man nicht.

Tatsächlich wirkt der Abend stimmiger als bei der Premiere, was an der Besetzung genauso liegen mag wie an offenbar sauber durchgeführten Wiederaufnahmeproben. Nur eines schmerzt: Leo Hussain ist ein reichlich hölzerner Dirigent, der dem Sehnen im Orchester nur dann Raum gibt, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, der ziemlich stur für sich allein bleibt, wo er die Musik mit allen zusammen atmen sollte. Vielleicht orientiert er sich innerlich erst einmal an Mariusz Kwiecien, der die Titelpartie singt und spielt, mit zunächst eisiger Arroganz, die nicht wirklich fühlbar macht, weshalb sich Tatjana so ohne weiteres in ihn verliebt, der aber mit seinem knackigen Bariton immer mehr zu einem durchaus faszinierenden Singschauspieler wird. Der Skandal, den sein Onegin und Pavol Breslik als Lenski beim Namenstagsfest entfachen, ist grandios gespielt und darin wahrhaftig. Breslik ist ja ohnehin ein Schatz, vielleicht fast zu schön für die Partie, weil so offensichtlich wird, was Tschaikowsky subtil und angstvoll erzählt. Bresliks Tenor betört mit lyrischem Schmelz, macht ihn zum Lieblingsschwiegersohn der abenteuerlichen Frau Mama (Heike Grötzinger), zum Lieblingsgefährten der robusten und unerschütterlichen Olga (Alisa Kolosova), zur Liebe Onegins. Und doch hat dieser Abend ein ganz anderes Zentrum, ein dunkel glühendes, alles überstrahlendes: Anna Netrebko.

Dass sie hier zwei Mal die Tatjana singt, ist ein kleiner Ersatz für die nie mit ihr zustande gekommene "Manon Lescaut"-Premiere. Aber was heißt da schon Ersatz? Wieder einmal fasziniert Netrebkos Bühneninstinkt schon von Anfang an. Wie sie das Insichgekehrte Tatjanas zu Beginn spielt, das hat eine Lebensklugheit, die berückt. Ganz jung ist sie da mit ihren hippieesken Klamotten, ganz leidens- und sehnsuchtserfahrene Frau dann in der Briefszene, eine traurig gewordene Dame am Ende. Und immer leuchtet diese Stimme, die nichts weiter ist als: perfekt. Und anrührend. Und ein Zauber. Ach Anna, komm bald wieder!