Festival mit langem Atem Brahms am See

1873 mietete sich Johannes Brahms im Gasthof Amtmann am Starnberger See ein.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

In Tutzing gibt es seit 20 Jahren eine Reihe zu dem Komponisten

Von Sabine Reithmaier, Tutzing

Es braucht einen langen Atem, um so ein kleines Festival wie die Tutzinger Brahmstage am Leben zu erhalten. Wer in der mehr als 200 Seiten dicken Chronik blättert, die sich der Trägerverein zum 20-jährigen Bestehen der Konzertreihe gegönnt hat, erhält einen guten Einblick in die unentwegt notwendigen Veränderungen, die es braucht, um das Publikum zu halten und finanzielle Krisen zu meistern. Einen langen Atem also, dazu viel Idealismus und Begeisterung, aber davon besitzt der "Freundeskreis Tutzinger Brahmstage" wohl reichlich.

Vor 20 Jahren, im 100. Todesjahr von Johannes Brahms, hatten der Musikagent Christian Lange und Franz Reißner, damals Kirchenmusiker in der Pfarrkirche Sankt Joseph, die Idee, an die Tradition der 1987 eingestellten Tutzinger Musiktage anzuknüpfen und sie als Brahms-Tage wiederzubeleben. Anfangs war das Konzept des Festivals ziemlich streng: Werke von Brahms wurden denen eines anderen großen Komponisten gegenübergestellt. 1999 etwa seinem Zeitgenossen Anton Bruckner oder 2001 Robert Schumann, der von Brahms Können als Pianist und Komponist begeistert war, mit ihm musizierte und ihn in der Neuen Zeitschrift für Musik in den höchsten Tönen lobte. Brahms verunsicherte das damals ziemlich. Er vernichtete viele seiner bis dahin entstandenen Werke und stolperte in eine Schaffenskrise.

Der strenge Dualismus wurde zwar von 2002 an allmählich gelockert, das Rahmenprogramm großzügig erweitert. Aber nicht bei allem machte das Publikum mit. Musikkabarett oder Preisträgerkonzerte wollte es nicht goutieren. Also beschloss man, das Angebot wieder zu reduzieren. Zwingend zum Programm gehören aber von Anfang an die Liederabende. Bereits im Gründungsjahr gastierte der damals noch junge Jonas Kaufmann im Saal der Tutzinger Akademie.

Das diesjährige Programm stellt insofern eine Besonderheit dar, als in allen fünf Konzerten nur Musik von Brahms gespielt wird, einschließlich der Werke, die er in Tutzing komponierte. Anlass, sich im Mai 1873, nur sieben Tage nach seinem 40. Geburtstag, im Gasthof Amtmann einzumieten, war wohl, wie sein Biograf Max Kalbeck vermutete, ein Missverständnis mit Clara Schumann bezüglich einer geplanten Schumann-Feier in Bonn. Seit 1865 hatte Brahms seine Sommermonate regelmäßig in einem "hübschen Haus auf dem Hügel" in Baden-Baden-Lichtental verbracht, das eigentlich Clara Schumann und ihre Familie bewohnte.

Doch nun, 1873 zog es ihn zur Sommerfrische nach Oberbayern. Den See kannte er bereits, da er zwei Jahre zuvor nach Konzertbesuchen in München bereits einige Tage in Bernried bei den Brüdern Franz und Ignaz Lachner verbrachte hatte. Anscheinend fühlte er sich sofort wohl hier. "Tutzing ist weit schöner, als wir uns neulich vorstellen konnten", schrieb er bald nach der Ankunft an seinen Freund, den Dirigenten Hermann Levi, bei dem er wohnte, wenn er in München war. 25 Gulden zahlte er für Zimmer und Schlafkamer und sechs für ein "unstimmbares, miserables Klavier" (Kalbeck). Der Musikpädagoge Josef Gänsbacher, der Brahms besuchte, erschrak, als er das Klavier anschlug. "Ja", sagte Brahms, "das habe ich nur gemietet, damit niemand drauf spielt" (Kalbeck). Wenn er tatsächlich ein Piano brauchte, musste er nach Bernried zu den Lachners wandern, oder er ging zum Sängerehepaar Heinrich und Therese Vogl, das 1871 im benachbarten Feldafing das Fischkäufl-Anwesen erworben hatte. Weil in der kleinen Hütte kein Platz für einen Flügel war, ließen sich die Vogls einen fast unmittelbar am Wasser gelegenen, polygonalen Pavillon bauen.

Historisch gesichert ist, dass hier zum ersten Mal die "Lieder und Gesänge op. 59" gesungen wurden, die der Bariton Christoph Pohl bei den diesjährigen Brahmstagen zum Besten geben wird. Während des Aufenthalts am See entstanden aber auch die berühmten Haydn-Variationen op. 56, die das Duo d'Accord an zwei Flügeln im Eröffnungskonzert interpretiert. Und die beiden ebenfalls in Tutzing entstandenen Streichquartette op. 51 übernimmt das Mandelring Streichquartett.

Tutzinger Brahmstage, 15. bis 29. Oktober, www.tutzinger-brahmstage.de