Festival Frei von Dogmen

Die "Adevantgarde" ehrt den Komponisten Wilhelm Killmayer

Von MICHAEL STALLKNECHT

Am 20. August dieses Jahres ist Wilhelm Killmayer gestorben, nur wenige Stunden vor seinem 90. Geburtstag. Was an Jubiläumsveranstaltungen für den Münchner Komponisten und Kompositionsprofessor geplant war, wird nun zum Gedenkkonzert. Das galt schon für die Konzerte der Musica Viva Ende September und gilt nun auch für das Festival, das die Macher der "Adevantgarde" Killmayer in den kommenden Tagen widmen werden. Schließlich hat der Verein, der alle zwei Jahre das gleichnamige Neue-Musik-Festival veranstaltet, Killmayer nicht weniger als die eigene Existenz zu verdanken.

In einer Zeit, als es für junge Komponisten in München noch keinerlei Fördermittel gab, bemühte sich Wilhelm Killmayer beim Kulturreferat unermüdlich um Unterstützung für seine Studenten, bis einige von ihnen im Jahr 1991 schließlich ihr eigenes Festival gründen konnten. Als ironischen Gruß an den Lehrer darf man schon den Namen verstehen, der die Avantgarde so verheißungsvoll begrüßt wie im eingeschobenen Adé gleichzeitig auch schon wieder verabschiedet. Schließlich galt Wilhelm Killmayer in den Zeiten einer kämpferischen Avantgarde à la Donaueschingen oder Darmstadt eher als Exot.

"Man war auch als Student gewissermaßen Außenseiter und wurde auch oft so behandelt, also belächelt oder ignoriert", erinnert sich Moritz Eggert, Mitgründer der Adevantgarde und heute selbst Kompositionsprofessor an der Musikhochschule. Dass Killmayer sich den damals herrschenden Dogmen entzogen habe, habe auch seine besonderen Fähigkeiten als Lehrer ausgemacht. "Sein Kompositionsunterricht war immer vollständig unorthodox", sagt Eggert, "das Gegenteil zu dem bei allen anderen Professoren." Killmayer habe auch bei seinen Studenten wenig damit anfangen können, wenn sie einer Methode oder einem System gefolgt seien. Stattdessen habe er sie ermutigt, auf die eigene innere Stimme zu hören, herauszufinden, was sie eigentlich wirklich schreiben wollten. Dieser "Freiheitswille" sei es gewesen, was er allen seinen Studenten mitgegeben habe.

"Im Freien" nennen Moritz Eggert und seine beiden Mitveranstalter Markus Schmitt und Johannes X. Schachtner auch das Festival, das an diesem Dienstag mit einem Pre-Concert im Orff-Zentrum beginnt und am Wochenende im Gasteig fortgesetzt wird. Gemeinsam mit der Bayerischen Theaterakademie wird man in einem "szenischen Konzert" einen Rekonstruktionsversuch zu Killmayers Hölderlin-Oper unternehmen, die einst für die Bayerische Staatsoper konzipiert war, aber nie vollendet worden ist. Gerade weil heute solche Kategorien wie "seriell", "tonal" oder "atonal" keine große Rolle mehr spielten, sagt Eggert, könne Killmayers Werk nun endlich in seinem Eigenwert deutlich werden. Entsprechend will man auch seine Bedeutung für die Jetztzeit aufzeigen, indem Killmayers Impulse für zeitgenössische Komponisten deutlich werden sollen. Neben seinen Werken stehen Kompositionen seiner Schüler wie Eggert und Markus Schmitt auf dem Programm, mit "Chronos - Farewell Song" entrichtet Johannes X. Schachtner, der heutige Vorsitzende der Adevantgarde, einen Abschiedsgruß.

Aber die Macher wollten sich selbst nicht in den Vordergrund rücken, weshalb sie auch Kompositionsaufträge an Komponisten vergeben haben, bei denen sie Parallelen zu Killmayer oder ähnliche Ideen sehen. Denn es mag zwar schon längst auch in Donaueschingen niemand mehr ausgebuht werden, wenn er einen Dur-Akkord niederschreibt. Aber was die Gegenwart nach wie vor dringend brauche, sagt Eggert, seien Komponisten, die jenseits eingefahrener Kategorien auf sich selbst hörten. "Diese ganze eigene Stimme, diesen Moment des Zu-sich-selbst-Kommens ist es wohl, was wir im Moment in der Neuen Musik brauchen, egal wie diese Stimme dann klingt."