Von MARC WINKELMANN

Für die hoch gebelobte Serie "24" baut RTL2 sein Abendprogramm um - und hofft, dass die Zuschauer dran bleiben. Das werden sie. Dabei bekommen sie nur einen einzigen Tag zu sehen. Und den so: 24 Folgen für 24 Stunden.

Wer den Fußball liebt, kennt das Problem. Es ist Samstag, es ist Bundesliga, und wer kein Radio zur Hand oder keine Premiere Sports Bar um die Ecke hat, der wartet bis zum Abend. Um sich die Spannung aufzusparen, um die Spiele ohne Kenntnis der Resultate in der Sportschau zu genießen. Das Problem dabei: Sämtliche Medien - TV, Radio, Internet, Freunde - schreien die Ergebnisse nach Abpfiff heraus. Was also tun? Augen und Ohren zu und ins Bett gelegt? Um ganz sicher zu gehen: ja!

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Elisha Cuthbert spielt auch mit. Was wird nicht verraten. (© )

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Wer nach der ersten Folge auf die amerikanische Serie 24 steht, wird sich ähnlich medienresistent zeigen müssen. Für einen Monat zumindest. So lange ermittelt Kiefer Sutherland als Jack Bauer in eigener Sache, und die zieht sich, man ahnt es, über 24 Folgen hin. Dass das Raubein Jack dabei etwas ungeduldig vorgeht, ist ihm nachzusehen - er hat einen denkbar schlechten Tag erwischt: Um Mitternacht ereilt ihn der Anruf, dass auf den schwarzen Präsidentschaftskandidaten ein Attentat geplant sei. Jack, Agent einer Anti-Terror-Einheit, eilt ins Büro, fortan muss er an mehreren Fronten kämpfen. Seine Tochter wird entführt, ein Passagierflugzeug explodiert, und in seiner Einheit sitzt ein Maulwurf. Jack ahnt, dass alles irgendwie zusammenhängt und auch, dass er die Marionette in einem Spiel ist, dessen Regeln er erst langsam lernt.

Das Tempo von 24 ist enorm. In wenigen Folgen verflechten die Drehbuchautoren ein halbes Dutzend spannender Handlungsstränge, die Volten sind überraschend und perfide, ständig klingelt ein Mobiltelefon, gute Nachrichten sind selten dabei. Und laufend wird die Uhr eingeblendet. Was wichtig ist, denn 24 wurde in "Echtzeit" gedreht. Das ist neu für eine Serie und meint, dass Darsteller und Zuschauer die Katastrophen in derselben Zeit durchleben. 60Minuten Stress für Jack Bauer bedeuten auch 60Minuten Stress für den Zuschauer. Und erst nach 24 Stunden hat die Hetzjagd ein Ende.

Von diesem einen großen Spannungsbogen lebt 24 sehr gut, auch wenn das Tempo der Erzählung in der zweiten Tageshälfte nachlässt. Amerikanische Kritiker lobten die Serie dann auch überschwänglich. Kiefer Sutherland erhielt für seine Rolle den Golden Globe. Die zweite Staffel lief in den USA bereits und ist zehn Mal für den amerikanischen Fernsehpreis Emmy nominiert, die dritte Staffel ist abgedreht.

Für den Zuschauer heißt es: Dranbleiben. Eine Staffel 24 gibt es ganz oder gar nicht. Wer zwei Episoden aussetzt, kommt kaum mehr mit. Andererseits sollte man auch nicht der Idee verfallen, Informationen nachschlagen zu wollen. Schon gar nicht im Internet. Auf unzähligen Seiten - die Serie lief bereits in 16 Ländern - wird die Handlung minutiös verbreitet, sehr leicht stolpert man dabei über den Body Count, die Zähleinrichtung für erschossene Charaktere. Dass derartiges Wissen die Serie verdirbt, mahnten selbst User in Kalifornien an. Sie beschwerten sich über 24-Anbeter von der Ostküste, die vorab Details preisgaben. Möglich machte es die um drei Stunden zeitversetzte Ausstrahlung. Andere wiederum berichteten von dem Erlebnis, alle Folgen in echter Echtzeit zu sehen, innerhalb von 24 Stunden also.

Dass Dennis Hopper (Apocalypse now, Easy Rider) gegen Ende den Oberschurken mimt, verbreitete RTL2 allerdings selber. Für den Sender ist die Action-Serie das Highlight des Jahres. Entsprechend großzügig wird das Lizenzprodukt beworben. Möglichst viele Zuschauer sollen möglichst lange an den Fernseher gebunden werden. Deshalb zeigt RTL2 an drei Abenden pro Woche insgesamt sechs Episoden - und schiebt am jeweils darauf folgenden Tag die Wiederholungen nach.

Aus RTL2 wird RTL24. Anke Schäferkordt, erfolgreiche Sender-Chefin von Vox, würde die Serie in ähnlich kurzer Zeit versenden. Schäferkordt stand kurz davor, die Rechte an 24 zu erwerben, verzichtete dann aber. "Wir hätten 24 gerne gezeigt, setzen mit anderen Serien aber lieber auf Kontinuität als auf ein solches Event." Sie ahnt, dass durchlaufende Handlungen in Serien nicht zu hohen Quoten führen müssen: "Erfahrungsgemäß ist es sehr schwer, Zuschauer an eine Serie zu binden, von der man jede einzelne Episode sehen muss."

Nun hechelt Jack Bauer also bei RTL2 über den Schirm. Zuletzt profilierte sich der Sender eher durch Casting Shows oder Formate, die Namen wie Schnulleralarm oder Frauentausch tragen. Und in den 20-Uhr-Nachrichten wird gerne über den erotisierenden Einfluss des Planeten Mars berichtet. Doch Geschäftsführer Josef Andorfer will nach einer ersten Vorführung in Los Angeles regelrecht begeistert gewesen sein von 24.

Normalerweise wäre Andorfer nie an die prämierte Ware herangekommen. Der Kölner Muttersender RTL hatte 24 in einem Film-Paket vom Hollywood-Studio 20th Century Fox gekauft. Das allerdings schon vor geraumer Zeit. Lange wusste die Senderfamilie aus dem Hause Bertelsmann nichts mit dem starken Stoff anzufangen. Bei RTL passte er nicht zum Profil des demoskopisch präzise vermessenen Zuschauers, Vox leistet sich dann lieber die Bestatter-Saga Six Feet Under für die Zeit nach 22 Uhr. Bei RTL2 glaubt man nun, dass der preisgekrönte Einkauf sein Publikum finden werde. Zwar hat sich auch Andorfer nicht auf eine Marktanteilserwartung festlegen lassen. Doch für Marketingleiter Conrad Heberling handelt es sich um "die spannendste Action-Serie, die RTL2 je im Programm hatte" - trotz diverser Anpassungsprobleme.

So wurden all zu harte Actionszenen herausgeschnitten - Folter passt nicht in die Prime Time. Und die Werbezeit ist gekürzt. Die marketingbewussten Erfinder hatten vier Unterbrechungen mit einer Länge von bis zu 20 Minuten in die einstündige Handlung integriert - zu viel für deutsches Recht, welches maximal 12 Minuten erlaubt.

Jetzt verzichtet der Sender auf zwei Werbeblöcke und nimmt es mit den 60Minuten pro Episode nicht ganz so genau. Zwar hat sich über zu wenig Werbung vermutlich noch keiner beschwert. Doch die so genannten Fans halten bekanntlich auf Werktreue. Der ungenaue Abgleich mit dem amerikanischen Original wird zu Diskussion führen - im Internet.

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(SZ v. 02.09.2003)