Ferdinand von Schirachs "Tabu" Majas Männer beim Lokaltermin

Die Erzählungen des Anwalts Ferdinand von Schirach erneuerten die Gerichtsreportage - sein Roman "Tabu" über einen Fotografen bleibt dahinter zurück. Denn mit dem Thema Kunst ist es wie mit Sexszenen: Wenn man nicht darüber schreiben kann, soll man es lassen.

Von Verena Mayer

Wer einmal als Gerichtsreporter gearbeitet hat, rieb sich die Augen, als Ferdinand von Schirachs Erzählbände "Verbrechen" und "Schuld" herauskamen, Geschichten über Kriminalfälle, die besser sind als das meiste, was professionelle Autoren zuwege bringen. Dem Anwalt war es gelungen, ein totgeglaubtes literarisches Genre auf neue Weise wiederzubeleben: die Gerichtsreportage. Bedeutende Vertreter dieser Kunst gab es viele: Gabriele Tergit schrieb über den ersten Prozess gegen Hitler in Berlin (es ging um Presserechtliches), Siegfried Kracauer über die desperate Stadt der Zwanzigerjahre: "Es wird zur Zeit in Berlin viel gemordet."

Ganz zu schweigen von den Literaten, die sich als Gerichtsreporter versuchten: Auf den Zuschauerbänken der Nürnberger Prozesse saßen mehr Schriftsteller als in einem Berufsverband, Alfred Döblin, John Dos Passos, Erich Kästner, Erika Mann, Peter de Mendelssohn, Gregor von Rezzori oder Rebecca West. Thomas Bernhard protokollierte für eine Lokalzeitung Miniaturen über die Gewalt im düsteren Salzburg der Nachkriegszeit. Elfriede Jelinek verfolgte in den 80ern für ein Lifestylemagazin einen Prozess über einen Jugendlichen, der Sartre, Camus und Nietzsche las und eines Tages drei Leute erschoss. Sie nahm dann den Fall zum Ausgangspunkt ihres Romans "Die Ausgesperrten".

Was hat ein Anwalt, was Prozessbeobachter nicht haben?

Was also hat ein Anwalt, was wir Prozessbeobachter nicht haben? Ist es die Lakonie der Aktensprache, die Abgründe umso deutlicher hervortreten lässt? Oder sind es die Fälle aus Schirachs Anwaltskarriere, deren Besonderheit den Reportern auf den Zuschauerbänken entging? Da bringt eine junge drogensüchtige Prostituierte einen Freier um und wird durch eine DNA-Spur überführt - 19 Jahre später, sie hat inzwischen eine Familie und ein Reihenhaus. Da wollen Skinheads auf einem Bahnsteig einen Mann verprügeln, der ist zufälligerweise Berufskiller. Da sind in einem Familienclan alle Männer gewalttätig oder handeln mit Drogen, bis auf einen, der heimlich studiert und im Prozess gegen einen Bruder als Zeuge die Richter verwirrt.

Seinen Fall als literarisches Phänomen hat Schirach nun selbst aufgeklärt. Indem er sich ganz dem fiktionalen Fach zugewandt und zwei Kriminalromane abgeliefert hat. Eine lückenlosen Indizienkette gewissermaßen, die nun zu einem anderen Urteil über sein Schreiben führen muss. "Der Fall Collini" hieß 2011 der erste Krimi. Es ging um den Mord an einem ehemaligen SS-Mann, der für eine Erschießung verantwortlich war. Sein Mörder hatte jahrzehntelang versucht, ihn vor ein deutsches Gericht zu bringen, vergeblich. Wie der Rechtsstaat von heute mit den Verbrechern von damals umgeht, ist ein wichtiges Thema, aber so thesenhaft, wie Schirach es aufbereitete, eher etwas für eine juristische Fachzeitschrift.

Schirachs neuer Roman "Tabu" handelt von einem Fotografen, der eine junge Frau entführt haben soll. "Soll" ist wichtig. Nicht nur, weil vor Gericht die Unschuldsvermutung gilt. Sondern, weil nichts so ist, wie es sich darstellt. Beiden Romanen fehlt das "Ich", der Erzähler, der in den Geschichtenbänden die Fälle aufrollte. Der ist Anwalt wie Schirach, vielleicht ist es Schirach selbst. Als Strafverteidiger vertritt er das Recht und steht von Berufs wegen doch auf Seite derer, die es gebrochen haben. Eine kleine Ambivalenz, die große ethische Fragen aufwirft. So sagt Schirachs Alter Ego, er wolle die Wahrheit nicht kennen. Denn wüsste er, was sein Mandant gemacht habe, dann könnte er von Rechts wegen keinen Zeugen laden, der etwas anderes sagt.

In Schirachs Erzählungen erscheinen Verbrechen und Schuld in einem anderen Licht. Sie handeln von Gerichtsverfahren, die dazu da sind, die Wahrheit ans Licht zu bringen und in denen (bis auf den Angeklagten) alle unter Wahrheitspflicht stehen. Aber der, der sie erzählt, will die Wahrheit gar nicht kennen. Dennoch sympathisieren wir mit ihm, schlagen uns auf die Seite dieser schillernden Figur mit dem interessanten Dilemma. Auch um den Preis, dass es keine Sühne gibt. Im Zweifel für den Anwalt.