Feministisches Kino "Nur putzen und Socken waschen ist etwas langweilig"

Auch das Erkunden der eigenen Sexualität gehört zur Selbstermächtigung der Frau.

(Foto: Daniel Ammann)

In der Schweiz von 1970 erfüllt die Frau ihre Rolle als Mutter und Hausfrau - und darf nicht einmal wählen. Der Film "Die göttliche Ordnung" begleitet ihren vielschichtigen Geschlechterkampf.

Von Martina Knoben

Geheimnisvoll leuchtet der Globus im Kinderzimmer. Statt einer Gutenachtgeschichte erzählt Nora (Marie Leuenberger) ihren Jungs vom Stillen Ozean, als wär's ein Märchenland. Wundersame Geschöpfe lebten dort in der Tiefsee, immerzu im Dunklen. "Sie wissen nicht, dass es da oben Sonne und Licht gibt."

Auch die Schweiz ist in dieser Geschichte so etwas wie die Tiefsee, und wie die Fische kann sich auch Nora ein anderes Leben nicht einmal vorstellen. Es ist das Jahr 1970; eine Collage am Anfang des Films zeigt Hippies, Woodstock, Black Power, die Welt in Bewegung. In Noras Dorf in Appenzell, wo sie mit ihrem Mann Hans und den Kindern Max und Luki lebt, aber scheint alles stillzustehen. Die Männer gehen zur Arbeit, die Frauen bleiben daheim. Sie tragen Kopftuch oder Hut, dürfen nicht wählen, die Männer haben auch sonst das Sagen. Von einer "sexuellen Revolution" hat man im Dorf noch nie gehört.

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Ein kluges Skript, das oft in Richtung Satire ausschlägt, auch manchmal ins Märchenhafte

Wie die vermeintlich "göttliche Ordnung" dann durcheinandergerät, wie die Frauen protestieren, streiken, schließlich das Wahlrecht erkämpfen, davon erzählt Petra Volpe als Komödie. Das guckt sich leicht und unterhaltsam, dabei liegen Möglichkeiten für eine Tragödie nie weit entfernt. Ähnlich wie Sarah Gavron, die 2015 in ihrem Film "Suffragette" die Anfänge der Frauenbewegung in Großbritannien thematisiert hat, erzählt auch Volpe eine Erweckungsgeschichte.

Im Zentrum die stille, brave Nora (Marie Leuenberger, sehr lebendig und facettenreich), die gern ein paar Stunden in der Woche im Reisebüro in der nächstgrößeren Stadt arbeiten würde. "Nur putzen und Socken waschen ist etwas langweilig", erklärt sie ihrem Mann. Die Schweizer Gesetze aber erlauben einer Frau nur zu arbeiten, wenn der Mann einverstanden ist - und Hans ist das nicht. Was sollen die Leute denken, wenn seine Frau dazuverdient! Seine Reaktion ist so liebevoll wie machohaft: "Ich mach dir einfach noch ein Kind, dann ist dir nicht mehr langweilig."

Dass die beiden danach erst einmal im Bett landen, zeigt, wie wenig rebellisch Nora ist - und wie verliebt in ihren Hans. Und dass es der Regisseurin nicht um Männerhass geht: Hans (Max Simonischek) ist eigentlich ein lieber Kerl, der auch nur seine Rolle spielt. Klar wird aber natürlich auch, dass die Männer von der "göttlichen Ordnung" meistens profitieren. Ein krasses Beispiel ist Noras Schwiegervater, der sie behandelt wie eine Dienstbotin. Wenn sie staubsaugt, während er im Sessel gemütlich Zeitung liest, hebt er nur gönnerhaft die Füße.

Petra Volpe hat auch das Drehbuch geschrieben - ein kluges Skript, das oft in Richtung Satire ausschlägt, auch manchmal ins Märchenhafte, aber immer wieder zu einem fein ironischen Ton zurückfindet. Dabei schwebt die Geschichte schön luftig eine Handbreit über der Realität, ohne diese aus dem Blick zu verlieren. Was denjenigen blüht, die mit der "göttlichen Ordnung" nicht klarkommen, erleben einige Nebenfiguren: Noras Schwager zerbricht an seiner Rolle als Hoferbe; und seine Tochter Hanna hat zunächst "nur" einen schlechten Ruf als "Dorfmatratze", landet schließlich aber erst im Erziehungsheim und dann im Gefängnis.

Es ist Hannas Schicksal, das Nora politisiert - und der Ärger darüber, dass sie allein keinen Arbeitsvertrag unterschreiben kann. Bei einer Fahrt in die Stadt trifft sie auf Frauenwahlrechts-Aktivistinnen, nimmt ein paar Broschüren und Bücher mit. Und als ihr Mann sich weiterhin weigert, ihr die Arbeit im Reisebüro zu genehmigen, beschließt ausgerechnet die brave, aber eben auch sehr geradlinige und gerechtigkeitsliebende Nora, sich im Dorf für die Frauenrechts-Kampagne starkzumachen. Eine Info-Veranstaltung, bei der sie spricht, aber wird gleich ein Reinfall. Was vor allem einer Frau zu verdanken ist: Die im Dorf äußerst einflussreiche Schreinereibesitzerin Charlotte Wipf - Hans' Chefin! - spricht sich vehementer noch als die Männer gegen die "Verpolitisierung der Frau" aus.

In Geschlechterdebatten geht es nicht ums Geschlecht, sondern um Macht

Solche "Antisuffragetten" hat es tatsächlich gegeben, Petra Volpe ist bei ihren Recherchen darauf gestoßen. Es waren oft sehr gebildete Frauen, die verbissen gegen das Frauenstimmrecht kämpften: aus vorauseilendem Gehorsam, aber auch um ihre Privilegien nicht teilen zu müssen. Mit ihrer herrischen, altjüngferlichen Art wirkt Frau Wipf (Therese Affolter) wie eine Karikatur - und die "Antisuffragette" ist ja tatsächlich das Zerrbild einer "starken" Frau. So wird wieder einmal deutlich, dass es bei Geschlechterdebatten eben nicht ums Geschlecht, sondern um Macht geht. Hätten alle Frauen mehr Rechte, wäre es mit Frau Wipfs Königinnenrolle vorbei.

Mit seinem Plädoyer für Gleichberechtigung rennt "Die göttliche Ordnung", die mit drei Schweizer Filmpreisen ausgezeichnet wurde, heutzutage scheinbar weit offene Türen ein. In einer Zeit, in der der mächtigste Mann der Welt ein Sexist ist, der die Gattin eines befreundeten Staatschefs für ihre "gute Form" lobt; und in der Abtreibungen nicht nur in einigen amerikanischen Bundesstaaten oder in osteuropäischen Ländern wieder erschwert werden - da kommt ein solcher Film vielleicht gerade recht: Als Erinnerung daran, dass die rechtliche Gleichstellung der Frau selbst in Mitteleuropa eine junge Errungenschaft ist - und womöglich schneller wieder rückgängig gemacht werden kann, als man denkt.

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Die göttliche Ordnung, Schweiz 2016 - Regie, Buch: Petra Volpe. Kamera: Judith Kaufmann. Schnitt: Hansjörg Weissbrich. Musik: Annette Focks. Mit: Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Therese Affolter. Verleih: Alamode, 97 Minuten.