Feministinnen zur DSK-Affäre Scharfe Worte, hartes Schweigen

Hat herrschaftlich freier Zugang zu den Schenkeln in Frankreich immer noch Konjunktur? Die Feministinnen des Landes tragen schwer am Doppelfall DSK: Die einen begrüßen den Sturz eines Mächtigen, die anderen warnen vor einer Vermischung des Privaten mit dem Politischen.

Von Joseph Hanimann

Die Schärfe des Geschlechterkampfs in einem Land lässt sich auch am Vokabular ablesen. Das "droit de cuissage", der herrschaftlich freie Zugang zu den Schenkeln, sei offenbar immer noch nicht abgeschafft, empörten sich manche in Frankreich im Zusammenhang mit der Strauss-Kahn-Affäre. Mit dem Ausdruck, der Vorfall im New Yorker Hotelzimmer sei so etwas wie ein "troussage de domestique", das Rockhochkrempeln an einer Dienstperson, hat der Journalist Jean-François Kahn sich sogar vorzeitig in den Ruhestand befördert.

Auch Journalistin Tristane Banon (l.) klagt gegen Dominique Strauss-Kahn wegen versuchter Vergewaltigung - das Bild zeigt sie mit ihrem Anwalt David Koubbi vor dessen Büro in Paris.

(Foto: Reuters)

Die junkerhafte Bildlichkeit für die Chose gehört als Kehrseite zum Schliff der Galanterie, hinter Marivaux sprach immer auch schon der Marquis de Sade. Mit diesem Erbe trägt der französische Feminismus schwer an der DSK-Affäre. Während der Prozess in New York gerade in sich zusammenzufallen scheint, hat die Journalistin Tristane Banon in Paris am vergangenen Dienstag eine Gerichtsklage gegen Dominique Strauss-Kahn eingereicht wegen versuchter Vergewaltigung. Der Vorfall soll im Lauf eines Interviews schon vor acht Jahren erfolgt sein, die junge Frau hat ihn in der Öffentlichkeit gelegentlich auch schon erwähnt. Sie wolle nicht länger als Fabuliererin dastehen, begründete sie nun ihren Schritt. Strauss-Kahns Anwälte antworteten mit der Androhung einer Verleumdungsklage.

Bei dem von der Frauenrechtsbewegung "Osez le féminisme" veranstalteten "Ersten feministischen Sommertreffen" am vergangenen Wochenende in Evry bei Paris stellte die Rednerin Caroline de Haas zu Beginn klar: Es gehe nicht darum, was in New York geschah oder nicht geschah, sondern um die Leichtfertigkeit und die Witzelei, mit der die Sache in Frankreich kommentiert wurde. Das sei die Schauseite einer in Frankreich immer noch stark ausgeprägten Männerherrschaft, schrieb auch die ehemalige sozialistische Frauenrechtsministerin Yvette Roudy und verwies auf das massive Ungleichgewicht in Parlament, Verwaltungsräten und sonstigen Entscheidungsgremien. Der Sturz eines Mächtigen, wie immer die Prozesse in New York und Paris auch ausgingen, könne zumindest dazu beitragen, die Zungen zu lösen.

Grundfalsch, wenden andere Frauenrechtlerinnen ein. Elisabeth Badinter etwa hat lange zum Fall DSK geschwiegen. Diese Vertreterin eines strikten Staatsbürger-Feminismus ist empört über die voreiligen Anklagen ihrer Kolleginnen in einem Fall, der ihrer Ansicht nach Zurückhaltung verlangt. Wichtige Anliegen wie die Gleichstellung der Frau dürften nicht mit Spekulationen um den Fall Strauss-Kahn in Zusammenhang gebracht werden, sagte Badinter nun im Rundfunk: Das könne der Sache nur schaden. Der politischen Gleichberechtigung dient es ihrer Ansicht nach wenig und im Kampf gegen die sexuelle Überheblichkeit der Männer ist es ein Rückschlag - Vergewaltigungsopfer würden sich nach der spektakulären Prozesswende in New York zweimal überlegen, ob sie den Bann des Schweigens brechen wollen.

Das Animalische gegen das Blumige

Wo steht der Feminismus à la française, jene gegen den angelsächsisch spröden Rigorismus so gern aufgebotene scharfzüngige Eleganz, die im Salon seit dem achtzehnten Jahrhundert geschwätzigen Baronen übers Maul fuhr und schmachtenden Großbürgern im Antichambre den Laufpass gab? Soziologen und Psychologen fühlten sich in den letzten Wochen aufgerufen, ihn neu zu verorten. Aufgepasst! - warnt Michel Fize, Autor des Buchs "L'individualisme démocratique": Lassen wir dank de Sade und Bataille aufgeklärten Kenner der Abgründe sexueller Lust uns nicht in die Märchenwelt entführen, in der die männliche Begierde für das Animalische, die weibliche für das aufrichtig Liebende, Reine und Blumige steht.

Andere wiederum halten gerade diese angeblich französische Variante des Feminismus für eine Illusion. Der weltumspannende Kampf für die Gleichstellung der Frauen werde da vom politischen Gelände auf das der spezifischen Landessitten verlegt, wo Verführungskraft und komplizenhafte Überzeugungskunst zu ernsthaften Kriterien aufgebläht würden, schrieb eine Gruppe von Soziologen um Laure Bereni und Rose-Marie Lagrave: Politischer Kampf in der Öffentlichkeit und Überredungskunst im Privatbereich hätten miteinander nichts zu tun.

Die Verfechter eines auch die Mittel der Verführung anerkennenden Staatsbürger-Feminismus sitzen nach Ansicht jener Soziologen der Fiktion auf, da stünden einander zwei autonome, gleich mächtige Subjekte gegenüber, zwischen denen der Charme und die bessere Überredungskraft letztlich den Ausschlag gäben: eine Abstraktion, die die realen sozialen Stellungsunterschiede außer Acht lasse.

Gegen dieses Modell wünschen manche eine Stärkung der in Frankreich schwach vertretenen Gender Studies herbei. Wenn der Doppelfall DSK jedoch eine Wirkung haben sollte, dann wird es weder die eines neuen Sexual- und Sozialdeterminismus noch die einer neuen Prozesswelle vor den Gerichten sein. Eher ist eine etwas sorgfältigere Wortwahl in den Männerclubs der französischen Entscheidungsgremien und mit ihr ein augenzwinkernd gemeinsamer, wenn auch langsamer Gesinnungswandel zu erwarten.