Waren das die besten Filme dieser Zeiten? Cannes-Chef Gilles Jacob, seit vierzig Jahren im Geschäft, ist wohl auch deshalb in Bedrängnis geraten, weil er die Zeichen dieser Zeiten nicht erkannt hat.
(SZ v. 27.05.2003) Die Worte waren euphorisch: Es sei, hat Gus Van Sant am Sonntagabend im Grand Lumière erklärt, als er seine Goldene Palme entgegennahm, immer schon sein Wunsch gewesen, in Cannes zu gewinnen. Er sah aber dabei aus, als habe er in eine Zitrone gebissen. Entweder hat er derzeit permanent schlechte Laune - sein Film, "Elephant", würde das bestätigen - oder er hat sich diesen Augenblick irgendwie anders vorgestellt in seinen Träumen. Den diesjährigen Wettbewerb in Cannes zu gewinnen, war nämlich keine große Kunst.
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Liz Hurley lächelte, als sie die Goldene Palme des 56ten Film-Festivals in Cannes überreichen durfte. Sie ging zuerst an einen Film, der ein Highschool-Massaker dokumentiert. Na, darauf kann man sich doch auch freuen, oder? (© dpa)
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An den Preisen gibt es nicht viel zu meckern, außer, dass "Dogville" komplett leer ausging: Dass Samira Makhmalbaf für ihr Stück über Frauen in Afghanistan "At Five in the Afternoon" einen Preis bekommen würde, war klar und ist auch richtig so. Für "Uzak" von Nuri Bilge Ceylan, dem gelungensten Exempel eines traditionellen europäischen Kinos, gilt dasselbe. Van Sants Film lief in der ersten Woche und war einer der ersten Filme im Wettbewerb, denen man den Sieg wünschen mochte. Die Favoriten waren "Les invasions barbares", fürs Drehbuch prämiert, und "Dogville", unter Antiamerikanismusverdacht geraten. Wenn sich die Jury gegen "Dogville" entschieden hat, liegt das nicht notwendigerweise daran, dass Lars von Trier aus politischen Gründen zur persona non grata erklärt wurde. Könnte ja auch sein, dass Patrice Chéreau, Jean Rochefort, Steven Soderbergh und Konsorten ihm einfach nicht auf den Leim gegangen sind. Von Triers Studien in Sachen Brecht in allen Ehren: Der Angriff auf die amerikanischen Werte, mit dem er "Dogville" ins Gespräch gebracht hat, hat nie stattgefunden. Ausbeutung ist keine amerikanische Erfindung, auch dann nicht, wenn sie im Grand Canyon spielt, im Presseheft provokante Thesen verbreitet werden und im Abspann ein Richard-Nixon-Foto vorkommt. Aber mit seiner Energie, seiner Lust, von der Welt zu erzählen, stand von Trier im Wettbewerb in der Tat so ziemlich allein da.
Nun kann man natürlich unken, es habe sich das Gerücht bestätigt, zur Kühlung des amerikanischen Unmuts über die mangelnde Präsenz an der Croisette werde die Festivalleitung darauf drängen, dass sich die Jury für einen der Amerikaner entscheide. Clint Eastwood wäre der andere Anwärter gewesen, denn Vincent Gallos "The Brown Bunny" kam, obwohl er manches Cineastenherz höher schlagen ließ, nicht wirklich in Frage. Aber Harvey- Weinstein-im-Bund-mit-Variety-Attacken muss man nicht überbewerten: Erstens war Variety inzwischen zu entnehmen - in der Mitte des Festivals begann man dort mit demonstrativen Venedig-Vorabberichten -, dass Tarantinos "Kill Bill" möglicherweise auch für Venedig nicht rechtzeitig fertig wird, was bedeuten würde: Weinsteins Andeutungen, Tarantino habe nicht kommen wollen, sind nicht ganz korrekt.
Und dann kommen diese Andeutungen ja auch von einem, der beleidigt ist: Weinsteins "The Station Agent"wurde für den Wettbewerb abgelehnt. Niemand hat die Filme, die er ins Spiel brachte, Tarantinos und den von Jane Campion, gesehen; vielleicht wären auch sie nicht die Rettung gewesen für diesen trostlosen Wettbewerb. Es ist ja wahrlich nicht so, als wäre alles Gold, was aus dem Hause Weinstein kommt - siehe "Chicago". Trotzdem, Gilles Jacob stellt sich zwar taub, aber Weinstein hat auf jeden Fall das Selbstbewusstsein, ein paar Dinge beim Namen zu nennen, die sich sonst keiner zu sagen traut. Es geht in Cannes auch um wirtschaftliche Interessen - diesmal hielten sich die Verleiher beim Filmkauf stark zurück. Das Festival ist die Plattform, von der aus Filme in die Welt geschossen werden. Das setzt voraus, dass es für alle Beteiligten eine große Sache ist, dabei zu sein. Jacob kann sich allerlei erlauben - wenn er aber den Rang von Cannes als größtes Filmereignis der Welt aufs Spiel setzt, hat er sich in arge Bedrängnis manövriert.
Jacob, seit mehr als 40 Jahren dabei, hat die Zeichen der Zeit noch nicht so richtig erkannt: Noch vor ein paar Jahren hat er von Cannes aus die Festivalwelt regieren dürfen. Inzwischen ist aber in Berlin Dieter Kosslick am Ruder, der für frischen Wind sorgt und im Februar sicherlich einige Filme für seinen Wettbewerb gewonnen hat, die Cannes gut gestanden hätten. Und in Venedig ist seit letztem Jahr Moritz de Hadeln am Werk und versucht - nicht ohne Erfolg - alle Vorwürfe zu widerlegen, die man ihm in zwanzig Jahren Berlinale gemacht hat.
Nun wäre es einfach, wenn man sicher wüsste: Da draußen waren große Filme in Hülle und Fülle, und nur Gilles Jacobs Spezlwirtschaft hinter den Kulissen und seine manchmal etwas merkwürdigen Präferenzen haben verhindert, dass sie in Cannes liefen. Fest steht aber nur, dass diese Auswahl unmöglich die beste sein kann, die das Weltkino derzeit zu bieten hat. Insofern ist auch diese trostlose Auswahl noch ein Spiegel dessen, was gedreht wurde. Vielleicht ist das, was auch den besseren Filmen fehlte, gar nicht da - ein Kino, dass aus einer Aufbruchstimmung entsteht, in dem auch in den düsteren Momenten noch Lust und Spieltrieb zu erkennen sind. Auch für einen bissigen Blick auf die Welt, echte Provokation, braucht man Energie.
Aus allen Ecken der Welt schwappte Weltuntergangsstimmung in den Festivalpalast, und die hatten auch die amerikanischen Filme, die im Wettbewerb waren: Eastwoods "Mystic River", der eine auch für Eastwood- Verhältnisse extrem düstere Perspektive auf das Recht des Stärkeren entwickelt, und bestimmt Gus Van Sants "Elephant", der ein ungeheuer kunstvoll gemachtes Portrait der Hoffnungslosigkeit gedreht hat. Die schlechten Kritiken, die "Elephant" bekommen hat, zielten vor allem auf die Ratlosigkeit angesichts des Massakers von Littleton ab, die Van Sant in Bilder gefasst hat.
Das stärkste Argument für "Elephant" ist, dass einen Littleton aber nun mal ratlos zurück lässt - niemand hat ein Rezept parat, wie man die Welt ändern kann. Vielleicht ist sie wirklich aus den Fugen geraten, und das, was man auf den Leinwänden des Festivalpalasts gesehen hat, beweist, dass sich die Filmemacher nicht mehr zurechtfinden zwischen einem Europa in der Wirtschaftskrise, Amerika auf Konfrontationskurs und einer Filmindustrie, die permanent danach verlangt, alles möge schneller, glatter, aufregender werden.
Eines muss man diesem Festival lassen, auch, wenn's eher aufs Konto der Jury geht: Mit "Elephant" hat jener Film gewonnen , der das am besten einfängt - die Orientierungslosigkeit, mit der wir zusehen, wie uns die Welt entgleitet.
Brasiliens Präsidentin Roussef