SZ: Was macht die Branche so schwierig?
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Akin: So einer wie Mickey Rourke hat sich offenbart. Um großartiger zu wirken in seiner Darstellung, hat er mit seiner eigenen Seele gearbeitet. Er hat sie offen zur Schau getragen. Da konnten die Leute rein und raus und sich mitnehmen, was sie brauchten. Bis nichts mehr da war. Oder nur noch ein Rest, der nicht reicht, um heil rauszukommen aus dem Zirkus, in dem man es mit so großen Egos zu tun hat.
SZ: War Kurt Cobain auch einer der Helden Ihrer Jugend?
Akin: Bei Cobain ist es etwas anderes. Natürlich mag ich Cobain als Musiker und als schwarzen Romantiker in seinen Texten. Aber mit 27 Jahren das Handtuch zu schmeißen, dazu gehört mehr: eine kräftige Depression. Damit kann ich mich nicht so gut identifizieren.
SZ: Können Sie sich mit Männern identifizieren, die allein an der Bar sitzen und Whisky trinken?
Akin: Ich kann mich mit der Einsamkeit dieser Männer identifizieren. Mit dem Trinken nicht so. Das Trinken ist ein Bild der Selbstzerstörung und Sucht.
SZ: Ist so ein Bild auch denkbar bei türkischen Männern?
Akin: Absolut. Die Einsamkeit spielt eine große Rolle bei türkischen Männern. Die Einsamkeit des Mannes: ein universelles Bild. Das muss damit zu tun haben, dass der Mann auf die Jagd ging und allein mit der Gefahr fertig werden musste.
SZ: Warum mag man als Mann dies Bild der Einsamkeit heute noch?
Akin: Ich glaube, das hat etwas mit eingebildeter Freiheit zu tun. Aber man sieht mittlerweile auch oft Frauen, die allein an der Bar trinken. In "Barfly" beispielsweise wird diese Frau von Faye Dunaway gespielt. Andreas Dresen hat ein ähnliches Bild entworfen, von zwei Frauen, die trinken, in "Sommer vorm Balkon". Diese Frauen lösen in mir aus, dass ich mich gern zu ihnen stellen und mit ihnen trinken würde. Ich würde mich gern um sie kümmern.
SZ: Wollen Sie sie retten?
Akin: Mit einer meiner ersten Freundinnen - wir waren achtzehn oder neunzehn - war ich ein halbes Jahr zusammen, dann haben wir uns getrennt. Nach ein paar Jahren ist sie gestorben. Sie hatte eine kaputte Leber. Sie hatte aber kein Alkoholproblem. Sie wusste nur nicht, dass sie gar keinen Alkohol hätte trinken dürfen. Und dann hat sie sich tot getrunken. Seitdem hat das so einen Haken bei mir, wenn Frauen trinken. Ich habe immer Angst, sie könnten sich etwas antun dadurch.
SZ: Der Retterinstinkt. Auch so etwas Romantisches.
Akin: Ja, das Rettersyndrom. Ich kenne das auch von jüngeren Mädchen, die mit Junkies zusammen sind.
SZ: Warum müssen sie so jung sein?
Akin: Wenn sie älter werden, wissen sie, dass diese Menschen sich nur selber retten können.
SZ: Sie sagen, Sie trauen sich nicht zu provozieren. Muss Kunst nicht provozieren, um etwas auszurichten?
Akin: Ich glaube nicht, dass Kunst provozieren muss. Ich habe nichts gegen ein bisschen Provokation. Aber Unterhaltung ist auch Kunst. Das reicht eigentlich.
SZ: Sind Ihre Filme politisch?
Akin: Alles ist politisch.
SZ: "Selbst ist die Braut" mit Sandra Bullock ist nicht politisch.
Akin: Alles ist insofern politisch, dass es der Unterhaltungsindustrie dient. Verdummungsfernsehen ist politisch. Ich glaube, dass die Leute zugedröhnt werden, damit sie sich nicht auseinandersetzen und keine kritischen Fragen stellen.
SZ: Das hat etwas von einer Verschwörungstheorie.
Akin: Das stimmt. Ich wünsche mir Quotenfilme für Europa: Bestimmte Länder müssten bestimmte Filme spielen. Und wenn sie nicht gut besucht wären, müssten sie trotzdem gezeigt werden. Das ist natürlich viel zu radikal für so eine neoliberale Welt, viel zu sozialistisch gedacht. Ich weiß, dass ich hören würde: "Geh doch zu Gysi, Mann." Aber wenn man sich die letzten zwanzig, dreißig Jahre Kulturschaffen in Deutschland anguckt, hat man es doch mit einer unwahrscheinlich großen Verwahrlosung zu tun. Ich bin in einer Fernsehkultur groß geworden, in der die Filme auf jeden Fall zu Ende geguckt wurden. Da wurde nicht herumgezappt, die Abspänne liefen noch ganz, keine Werbepausen. Man konnte, man musste sich wirklich auf einen Film einlassen.
SZ: Es gab auch noch eine nette junge Dame, die einem erklärte, warum beispielsweise die Hochzeitsszene in Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen" so lang ist.
Akin: Exakt. Als ich zwölf oder dreizehn war, musste ich "Mein Essen mit André" gucken. Meine Eltern waren weg, ich konnte also heimlich Spätprogramm gucken, ohne dass jemand mit mir schimpfte, und es lief nichts anderes als "Mein Essen mit André". Bevor ich also gar nichts geguckt habe, habe ich "Mein Essen mit André" geguckt. Verstanden habe ich nichts, aber es war okay. Wie kamen wir jetzt darauf?
SZ: Über die Frage, ob Ihre Filme politisch sind.
Akin: Ah, ja, um das nochmal zu unterstreichen, auch wenn ich dann als Verschwörungstheoretiker gelte: Die pervertierte, kalkulierte Form der Volksverdummung erleben wir bei Berlusconi in Italien. Und wir müssen auch verdammt gut aufpassen, wenn Roland Koch bei uns schon über die Chefredaktion eines Fernsehsenders entscheiden darf.
SZ: Würden Sie die Welt gern verändern?
Akin: Ja klar. Ich möchte die Leute so prägen, wie mich "Mississippi Burning" geprägt hat. Ich fand als Kind Krieg gut, wie viele Kinder. Ich habe Kriegsschiffe und Kriegsflugzeuge zusammengebaut, von Revell, 350 Teile, die man kleben und pinseln musste. Dann lief "Top Gun", und obwohl ich den Film gar nicht so toll fand, wollten damals alle Jungen sein wie Tom Cruise, weil alle Mädchen verknallt waren in Tom Cruise. Ich wollte auch sein wie Cruise. Doch dann, als ich so fünfzehn, sechzehn war, kamen andere Filme: "Mississippi Burning" von Alan Parker über Rassismus, "Born on the Fourth of July", wieder mit Tom Cruise, aber ein Anti-Kriegs-Film, "Missing" von Costas Gravras. Politische Filme. Die haben mein gesamtes Weltbild und meinen Gerechtigkeitssinn verändert.
SZ: Also möchten Sie die Welt im großen Stil verändern?
Akin: Ich weiß nicht, ob meine Filme die Welt verändern. Aber ich habe den Türken in der Türkei durch "Gegen die Wand" zeigen können, wie die Türken in Deutschland leben. Und ich glaube, ich konnte in Filmen wie "Auf der anderen Seite" und "Crossing the Bridge" den westlichen Zuschauern ein Türkeibild zeigen.
SZ: In Ihren Filmen gehen die Leute immer in die Türkei zurück? Ist das Ihre Sehnsucht.
Akin: Eigentlich ist die Türkei für mich nur ein Bild, ein Symbol für Freiheit. So benutze ich die Türkei in meinen Filmen. In der Realität ist es natürlich ganz anders, sonst würde ich da längst leben.
SZ: Haben Sie Ihre türkische Herkunft immer als Vorteil empfunden? Weil Sie sich in eine andere Welt retten konnten?
Akin: Ich habe sie immer als Parallelwelt begriffen, ja. Als Matrix. Ich bin mit meinen Eltern jedes Jahr in den Sommerferien in die Türkei gefahren, und '94, als ich Abitur gemacht habe, bin ich ein bisschen länger geblieben. Da war ich mal nicht nur an den Urlaubsorten, habe nicht nur mit Deutschtürken herumgehangen und mich auf Deutsch unterhalten. Da war ich auf einmal in Istanbul, bin ausgegangen und habe festgestellt, dass die Leute in meinem Alter in den gleichen Klamotten herumrannten wie ich, lange Haare hatten, tätowiert und gepierct waren. Das hat mich alles neugierig gemacht, und dann habe ich mit jedem Film die Türkei mehr und mehr entdeckt.
SZ: Gibt es so etwas wie türkischen Humor?
Akin: Ja.
SZ: Kann man den erklären?
Akin: Können Sie eine Art von Humor erklären?
SZ: Den englischen vielleicht. Oder das, worauf er basiert: Dass ein Engländer, der auf die Schnauze fällt, gleich wieder aufsteht, sich den Staub aus den Kleidern klopft und weitermacht. Ein Deutscher bleibt liegen und jammert.
Akin: Der türkische Humor ist: Wenn einer eine Niederlage erlebt, dann versucht er das so herumzudrehen, dass es wie ein Sieg aussieht.
Fatih Akin, 36, wächst als Kind türkischer Einwanderer in Hamburg-Altona auf, sein Vater arbeitet in einer Reinigungsfirma für Teppiche, die Mutter als Grundschullehrerin. Nach dem Abitur 1994 studiert Akin an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, 1998 läuft sein erster Kinofilm: Das Kleingangsterdrama "Kurz und schmerzlos" erzählt unsentimental und stimmig die Geschichte eines Türken, eines Serben und eines Griechen in Hamburg. Für "Gegen die Wand" (2004) und "Auf der anderen Seite" (2007) gewann er jeweils den Deutschen Filmpreis für den besten Film. Fatih Akin ist mit einer Deutsch-Mexikanerin verheiratet. Das Paar lebt mit einem Sohn in Hamburg. "Soul Kitchen" läuft am 25. Dezember an.
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(SZ vom 19.12.2009/iko)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Fatih Akin:
"Verdummungsfernsehen ist politisch. Ich glaube, dass die Leute zugedröhnt werden, damit sie sich nicht auseinandersetzen und keine kritischen Fragen stellen"
"Die pervertierte, kalkulierte Form der Volksverdummung erleben wir bei Berlusconi in Italien. Und wir müssen auch verdammt gut aufpassen, wenn Roland Koch bei uns schon über die Chefredaktion eines Fernsehsenders entscheiden darf"
Absolut richtig, wir sollten aufpassen.