Fanny Ardant verärgert Italiener Helden und Terroristen

Die linksradikalen Roten Brigaden seien "begeisternd und faszinierend" und ihr Mitbegründer ein Held, sagte die französische Schauspielerin Fanny Ardant und empört damit die Italiener. Warum sie sagte, was sie nicht sagen wollte.

Von Joseph Hanimann

Italiener und Franzosen sind sich in vielem sehr nahe. Wenn sie auf den Terrorismus der siebziger Jahre blicken, tun sich zwischen ihnen indessen gewaltige Abgründe auf. Kaum hat sich der Streit um Cesare Battisti beruhigt, jenen in Italien verurteilten Ex-Terroristen, der jahrelang in Frankreich offiziell Asyl gefunden hatte, reißt die Schauspielerin Fanny Ardant die Differenzen wieder auf.

Sie finde das Phänomen der Roten Brigaden "begeisternd und faszinierend", hatte sie in einem Interview mit der italienischen Zeitschrift "Anna" gesagt: Deren Mitbegründer Renato Curcio sei ein Held und sei, im Unterschied zu so vielen anderen Alt-Achtundsechzigern, seinen Überzeugungen bis heute treu geblieben.

Diese Aussagen der französischen Schauspielerin stießen in Italien auf Empörung, zuerst in Kreisen der Terrorismusopfer. Es wäre sehr zu begrüßen, sagte der Vorsitzende der Region Venetien, wenn Frau Ardant Italien die Ehre antäte, in dieser Woche nicht nach Venedig zu kommen.

In Vincenzo Marras Film "Ora di Punta", der bei der heute beginnenden Mostra im Wettbewerbsprogramm läuft, spielt die Französin die Hauptrolle. Im italienischen und französischen Fernsehen hat die Schauspielerin sich aber inzwischen offiziell entschuldigt. Mit ihren Worten habe sie den schon Leidgeprüften neues Leid hinzugefügt und bitte dafür um Verzeihung, erklärte sie. Für manche wie Massimo Cacciari, den Bürgermeister von Venedig, ist die Sache damit erledigt: Fanny Ardant sei in seiner Stadt willkommen.

Hinter dem Auslandsschleier

Dass die bleiernen Jahre des roten Terrorismus in Frankreich so anders nachleuchten als in Italien oder auch in Deutschland, hat mit dem unterschiedlichen Aktionsradius zu tun. Die französische "Action directe", deren letzte Vertreter noch in Haft sitzen oder als vorzeitig gealterte Greise gerade freikamen, war nie mehr als eine Aktivistengruppe ohne intellektuelles Umfeld.

Die französischen Intellektuellen unterschieden zwischen radikaler Gesellschaftskritik (nachvollziehbar) und deren Umsetzung in Gewalt (verwerflich). Dabei boten die Roten Brigaden Italiens mehr Spekulationsraum. Zudem nahm man deren Bluttaten jeweils nur durch den Relativitätsschleier des Auslands wahr. In Verwahrungshaft sitzende Philosophen wie Toni Negri regten zusätzlich die französischen Solidaritätsgefühle an.

Eine ähnliche Bereitschaft, zwischen Absicht und Methode zu unterscheiden, hatte auch den Philosophen Jean-Paul Sartre 1974 seinen spektakulären Besuch in Stammheim abstatten lassen. Die Doktrin Mitterrands schließlich, die von 1985 an italienischen Justizflüchtlingen - sofern sie der Gewalt abgeschworen hatten - Schutz gewährte, weil die italienischen Gesetze damals Gefängnishaft ohne Gerichtsmandat zuließen, war der offizielle Ausdruck dieser Auffassung. Sie zog zahlreiche italienische Ex-Aktivisten nach Frankreich.

Noch als sich Frankreich im Jahr 2004 bereiterklärte, den seit vierzehn Jahren als Schriftsteller in Paris lebenden Cesare Battisti an Italien auszuliefern, regte sich der Protest, vom Starintellektuellen Bernard-Henri Lévy bis zur Krimiautorin Fred Vargas. Das Staatsversprechen dürfe nicht gebrochen werden, hieß es. Außerdem gelte die Regel einer zweiten Chance. Ein Solidaritätskomitee hielt den Kontakt zu dem in der Zwischenzeit untergetauchten Battisti, bis er im vergangenen Frühjahr in Brasilien verhaftet wurde.

Trotz der spektakulären Ermordung des Renault-Chefs Georges Besse 1986 auf offener Straße durch die Gruppe "Action directe" roch der rote Terrorakt für französische Intellektuellenkreise stets etwas weniger stark nach Blut als anderswo. Die intellektuell wohl radikalste Bewegung in Frankreich, Guy Debords "Internationale Situationniste", hatte sich noch in den siebziger Jahren selbst aufgelöst.

Je weniger die Aktivisten von "Action directe" im Rückblick theoretisch hergaben, desto aufmerksamer schaute man auf die italienische Vergangenheitsbewältigung. Marco Bellocchios Film "Buongiorno, notte" über die Ermordung Aldo Moros füllte vor drei Jahren die Pariser Kinos und wurde von der Kritik eingehend diskutiert.

Naivität als Fluchtweg

Vor diesem Hintergrund klingt Fanny Ardants unbedachte Erklärung beinahe wie eine Selbstverständlichkeit, jedenfalls wie eine aufrichtige, spontan ausgesprochene Ansicht, die in einer französischen Zeitschrift kaum Aufmerksamkeit erregt hätte.

Als gute Kennerin Italiens und zeitweilige Lebensgefährtin des italienischen Filmproduzenten Romanzo Criminale hätte die Schauspielerin allerdings wissen können, dass die konkrete Erinnerung an den Terror dort lebendiger ist als im französischen Intellektuellenmilieu. So dürfte sie kaum überrascht worden sein, als der Sohn eines Mordopfers, der Anwalt Piero Mazzola, im Namen seiner Mutter und seiner Geschwister in Padua Anzeige erstattete.

Auch die öffentliche Entschuldigung der Schauspielerin hielt ihn davon nicht ab. Mehr als das Argument, naiv gewesen zu sein, wird ihr nun nicht mehr bleiben, um sich aus der Affäre zu ziehen, ganz im Sinn der Aussage der Bürgermeisters von Venedig: Sie habe etwas zu schnell von einer Person und von einer Epoche gesprochen, von der sie leider zu wenig verstehe.