Familienroman:Skizzenbuch des Lebens

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Eine tolle Kindheit an der kanadischen Küste. Mit seinen Bildern hilft Sid dem Mädchen Fariza aus ihrer Verstörung. Dann kommt ein Fremder, mit düsteren Nachrichten aus Sids Vergangenheit.

Von Hilde Elisabeth Menzel

Eine glückliche Kindheit - ein eher ungewöhnlicher Hintergrund für ein Jugendbuch in diesen Zeiten, stellen Autoren, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, doch gerne einsame, mutterlose oder misshandelte Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt ihrer Geschichten. Nicht so die kanadische Autorin Sarah N. Harvey. Sie schenkt ihrem sechzehnjährigen Helden Sid eine wundervolle Kindheit auf einer kleinen Insel vor der kanadischen Westküste. Dass es nicht seine biologischen Eltern sind, denen er diese Kindheit verdankt, sondern liebevolle und kluge Pflegeeltern, ist die Pointe dieses Romans.

Sid war zwei Jahre alt, als Megan und Caleb ihn aus dem Wasser fischten und mit Einverständnis seiner psychisch labilen Hippie-Mutter bei sich aufnahmen. Für Megan und Caleb ist der kleine Sid wie ein Geschenk, und sie beschließen, ein Haus zu kaufen und noch weitere Pflegekinder aufzunehmen. Wie zum Beispiel die achtjährige, dunkelhäutige Fariza. Als sie gebracht wird, ist sie völlig verstört, spricht nicht und hat zu Hause offenbar Schlimmes erlebt. Zusammen mit Chloe, die als Nachbarkind mit ihm aufgewachsen und seine beste Freundin ist, kümmert sich Sid um das kleine Mädchen. Als begabter und leidenschaftlicher Zeichner hat er immer ein Skizzenbuch dabei und über seine Bilder bekommt er einen Zugang zu Fariza. Gemeinsam fangen sie an, ein neues Skizzenbuch zu gestalten. Die Passagen dieser behutsamen Annäherung des Sechzehnjährigen an das traumatisierte kleine Mädchen gehören zu den schönsten dieses vielschichtigen Romans. Und als Feriza dann drei kleine Wörter sagt, nämlich "Frühstück ist fertig", ist das für ihn das größte Geschenk.

Das von Sid so geliebte, ruhige Leben endet jäh, als ein Fremder auftaucht und behauptet, ein Freund seiner biologischen Mutter zu sein. Phil eröffnet Sid, dass er einen 13-jährigen Halbbruder habe, der gleichzeitig mit seiner Mutter verschwunden sei. Er sei gekommen, um Sid zu bitten, ihm und seiner Großmutter Elizabeth, von deren Existenz Sid bisher nichts wusste, bei der Suche zu helfen. Sid wehrt sich heftig, er will nichts mit dieser Mutter zu tun haben, aber die Existenz einer Großmutter und eines Halbbruders machen ihn neugierig, und so willigt er ein, mit nach Victoria zu fahren, um seinen Bruder zu suchen. Für das, was nun folgt, braucht Sid all seine Kraft, denn unterschiedlicher könnten die Brüder nicht sein. Wain, schwarz, stämmig, laut und aggressiv, und er, klein, blass, rothaarig und sanft. Die Begegnung mit der schwer kranken Mutter ist für Sid fast nicht zu ertragen. Eine Brücke baut die Großmutter, die ihm hilft, die richtige Entscheidung zu treffen.

Ein sehr lesenswerter, berührender Roman in einer unspektakulären, ruhigen Sprache erzählt, von Ulli und Herbert Günther einfühlsam übertragen. Wohl eher ein Roman für Mädchen, die sich in den sanften, empathischen Helden verlieben werden. Und da ist ja auch noch die wilde Chloe, deren Rolle in der Geschichte das Lesen zum Vergnügen macht. (ab 12 Jahre)

Sarah N. Harvey : Drei kleine Wörter. Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther. Dtv Reihe Hanser 2015. 220 Seiten, 13,95 Euro.

© SZ vom 17.04.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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