Familie in Bildern Vier Leben in 36 Augenblicken

Der Fotograf Nicholas Nixon hat die "Brown Sisters'' fotografiert, vier Schwestern, darunter seine Ehefrau. Er hat das einmal pro Jahr gemacht, 36 Jahre lang. Eine berührende Serie.

Von Bernd Graff

Manchmal sind 24 Bilder eine Sekunde, so im Film. Manchmal aber sind 36 Bilder 36 Jahre, mehr als eine Generation. Auch wenn man nichts über die vier Schwestern weiß, wie sie gelebt, gelitten, geliebt haben, man sieht sie dokumentiert über 36 Jahre lang.

Nicholas Nixon heißt der in Boston lebende Fotograf, der irgendwann nicht nur seine Gattin, sondern dazu auch deren drei Schwestern fotografierte. Und dann, ein Jahr später, als eine der Schwestern ihren College-Abschluss gemacht hatte, fotografierte er die vier Geschwister wieder - und aus irgendeinem Grund ("and kind of on a whim", so nennt er das) ließ er die vier in derselben Anordnung für das Porträt nebeneinander stehen wie im Jahr zuvor.

Nixon, der seine Fotos häufig unter freiem Himmel und fast immer mit einer Großformatkamera (8x10'' oder 20,3 x 25,4 cm) macht, brachte Frau und Schwägerinnen dazu, ab da in jedem Jahr für mindestens eine Aufnahme vor die Kamera zu kommen. Zwar wechseln die Frisuren und Moden, die Gesichtsausdrücke und Posen, aber es wechselt nie die Aufstellung. Seit dem ersten Bild aus dem Jahr 1975 sieht man von links nach rechts erst Heather, damals 23, dann das Nesthäkchen Mimi, damals 15, dann die Ehefrau Bebe, damals 25, dann Laurie, damals 21.

Insgesamt sind so von den "Brown Sisters" 36 wunderbare Fotos entstanden, die alles zugleich dokumentieren: Das Memento mori mitten im Leben: Ja, Menschen werden älter, das ist hier eindrücklich bebildert, und irgendwann werden sie auch sterben. Die Bilder dokumentieren aber auch eine durch Jahre und Alter nicht zu unterminierende Würde der Individuen. Sie dokumentieren die mehr als eine Menschengeneration haltenden Familienbande. Und schließlich: Die Selbstähnlichkeit. Was immer in all den Jahren passiert ist, man erkennt die Frauen über die Jahre hinweg. Sie sind nicht nur ihrer Familie, sie sind sich selber treu geblieben.

Diese wunderbare Serie hat Nixon bereits zu Ausstellungen im Bostoner Museum of Fine Arts und im New Yorker MoMA geführt.

Und im Text zur New Yorker Ausstellung findet sich diese wirklich wunderbare Aussage des Fotografen zu seinem Projekt:

"We joke about it. But everybody knows that certainly my intention would be that we would go on forever no matter what. To just take three, and then two, and then one. The joke question is what happens if I go in the middle. I think we'll figure that out when the time comes."

("Wir lachen darüber. Aber jeder von uns weiß, dass ich das ernst meine: Ich werde mit der Serie für immer weitermachen, bis ich nur noch drei von ihnen fotografiere, nur noch zwei, nur noch eine. Die Frage ist, was passiert, wenn ich in der Mitte verschwinde. Aber das finden wir dann heraus.")

Und noch etwas hat er gesagt, was diese Serie so ganz anders macht als die Fotoserien von (oft täglichen) Selbstporträts, die viele Menschen heute ganz selbstverständlich mit speziellen Apps für ihr Smartphone machen. Denn hier wird nicht ein narzisstisches Selbst mit sich allein geknipst, hier müssen wenigstens fünf Menschen zusammenkommen, um ein Foto zu machen.

Und zu dieser Zusammenkunft schreibt Nixon:

"Being an only child, it was really gratifying and lovely to be embraced by this family. There's still a ground water of affection, and support. I look back at these thirty-some pictures and it's like they're of my sisters. I can feel myself getting old with them. And I'm part of them; they're part of my love."

("Als Einzelkind ist es toll, so von dieser Familie angenommen zu werden. Es gibt immer noch dieses Grundwasser an Beziehung und Unterstützung. Ich schaue zurück auf diese 30 und mehr Fotos und ich denke, sie wären von meinen Schwestern. Ich kann mich selbst fühlen, wie ich mit ihnen älter werde. Und ich gehöre zu ihnen. Und ihnen gehört meine Liebe.")