Falsche Äquivalenz Pest oder Cholera?

Pest oder Cholera wählen? Wer politische Kandidaten so generalisiert, beraubt sich jeder ernsthaften Differenzierung.

(Foto: imago/McPHOTO)

Trump gegen Clinton, Le Pen gegen Macron: Neuerdings heißt es oft, Bürger müssten sich bei Wahlen zwischen tödlichen Krankheiten entscheiden. Doch dieser Vergleich ist logisch mindestens heikel.

Von Kathleen Hildebrand

Nun ist es also die Pest geworden. Vielleicht ist es auch die Cholera - schwer zu sagen. Seit Sonntag ist Emmanuel Macron jedenfalls offiziell der neue Präsident von Frankreich. Viele hatten beruhigt aufgeatmet, als klar war, dass die Nationalistin Marine Le Pen die Wahl verloren hatte. Denn zumindest in dieser Klarheit war das Ergebnis vorher nicht zu erwarten gewesen. In zu vielen Talkshows und Umfragen hatten die französischen Wähler angekündigt, ungültige Stimmen abzugeben oder gar nicht erst zur Wahl zu gehen - die Präsidentschaftswahl 2017, sagten sie, sei eine zwischen "Pest und Cholera".

Dieser Vergleich kam einem da schon bekannt vor: aus dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 2016. Auch Hillary Clinton und Donald Trump waren von Wählern und Kommentatoren auf diese Weise verglichen worden. Und vergleichen, das hieß in diesem Fall eben auch: gleich machen.

In der Logik gibt es dafür den Begriff der "falschen Äquivalenz"

Im Fall der französischen Wahl wurde also eine ausländerfeindliche Politikerin wie Le Pen, die vorhat, die EU mit einem Austritt Frankreichs zu zerstören und die mutwillig die Ängste sozial und ökonomisch schwacher Bürger ausnutzt, als "genauso" gefährlich hingestellt wie der Wirtschaftsliberale Macron, der vor seiner politischen Karriere den vielen unsympathischen Beruf des Investmentbankers ausgeübt hat. Geht das? Und genauer: Ist es argumentativ sauber?

Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Für manche geht das sehr gut. Bei der zweiten wird es etwas komplizierter. Denn in den meisten Fällen wird vor einem "Pest und Cholera"-Vergleich gar nicht genau danach gefragt, worin Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kandidaten bestehen. Und vor allem nicht danach, wie sie zu gewichten sind. Allein die Tatsache, dass viele irgendetwas an beiden Kandidaten stört, scheint auszureichen, um sie mit zwei gleichermaßen tödlichen Krankheiten zu vergleichen. Doch so ein Vergleich macht alle nötigen Differenzierungen zunichte.

Aus der Perspektive der Logik handelt es sich hier um eine falsche Äquivalenz. Zwei Dinge werden aufgrund einer einzelnen geteilten Eigenschaft fälschlicherweise insgesamt gleichgesetzt. Zum Beispiel: Orangen und Äpfel haben Kerne. Also sind Orangen wie Äpfel. Der Fehler: Allein die Tatsache, dass zwei Dinge, Personen oder Sachverhalte etwas gemeinsam haben, heißt noch nicht, dass sie auch alle weiteren Eigenschaften teilen.

Gewiss ist es so, dass Hillary Clinton und Donald Trump in ihren Leben Fehler gemacht haben. Es stimmt auch sicher, dass sowohl in den Wahlprogrammen von Macron wie von Le Pen Dinge stehen, die vielen Wählern unsympathisch sind. Doch das heißt noch längst nicht, dass die Fehler von Clinton und Trump gleich schwer wiegen. Oder dass die Wahlprogramme von Macrons Partei En Marche und des Front National gleichermaßen fatal für die Zukunft Frankreichs wären.

Wer aber als unentschiedener Wähler von "Pest und Cholera" spricht, verwischt und verschleiert diese wichtigen Unterschiede. Und das nützt im Zweifel dem radikaleren Kandidaten mit der zerstörerischeren Politik. Denn er oder sie wird dadurch normalisiert. Wenn Rassismus plötzlich auf eine Stufe gestellt wird wie, zum Beispiel, ein früherer Job als Banker, dann geht jede Verhältnismäßigkeit verloren.

Im Wahlkampf bekam den Vorwurf "falscher Äquivalenz" auch die New York Times zu hören.

Trotzdem kann es natürlich erhellend sein, Gemeinsamkeiten zwischen Präsidentschaftskandidaten zu analysieren. Zum Beispiel kann man feststellen, dass sowohl Hillary Clinton als auch Donald Trump regelmäßig in ihren Äußerungen die Wahrheit verzerren. Dann jedoch sollte man fragen, wie genau sie das tun und aus welchen Gründen. Eine Gemeinsamkeit als Ausgangspunkt für die Analyse von Unterschieden zu nehmen, ist etwas anderes, als eine einzelne Gemeinsamkeit dazu zu missbrauchen, beide Kandidaten als gleichermaßen gefährlich hinzustellen. Der eine Vorgang trägt zur Differenzierung bei. Der andere schließt jede Differenzierung aus.

Im vergangenen amerikanischen Wahlkampf bekam den Vorwurf "falscher Äquivalenz" auch die New York Times zu hören. Sie hatte nicht von "Pest und Cholera" geschrieben. Sondern kritisch über die Clinton-Stiftung berichtet. Bei den Redakteuren, die über mögliche Verfehlungen der Stiftung geschrieben hatten, gingen empörte Mails, Briefe und Tweets von Clinton-Wählern ein. Der Vorwurf: Die Times blase Clintons Verfehlungen auf, und lasse im Vergleich damit die schwereren Vergehen von Donald Trump gleich oder sogar weniger wichtig erscheinen.

Die Zeitung wehrte sich gegen den Vorwurf mit einem Kommentar der Redakteurin Liz Spayd. Sie schrieb, dass es nicht Aufgabe der Journalisten sei, zu entscheiden, ob das Fehlverhalten eines Politikers schwerer wiege als das eines anderen. Die New York Times sei nicht dazu da, zu entscheiden, ob Clintons Umgang mit ihren E-Mails weniger schlimm sei als Trumps Aufruf an Russland, doch bitte diese Mails aufzuspüren - und somit die anstehende Wahl in seinem Sinne zu beeinflussen. Sie müsse nur die Informationen liefern, mit denen die Wähler eine eigene informierte Entscheidung treffen könnten.

Auf dem Weg zu so einer Entscheidung hilft die Gleichmacherei von Kandidaten und von Kandidatinnen mit Krankheiten nichts. Die Aufgabe, Verfehlungen und Haltungen zu vergleichen und differenziert zu gewichten, kann ein schneller "Pest und Cholera"-Vergleich niemandem abnehmen.