Fall Weinstein Wer Missbrauch verhindern will, darf den Feminismus nicht belächeln

Der Fall Weinstein zeigt: Der Kampf gegen Frauenfeindlichkeit braucht eine starke Stimme, die widerspricht. Egal, wie kleinlich sie manchmal erscheint.

Kommentar von Julian Dörr

Bevor es an dieser Stelle gleich um sexuelle Diskriminierung, frauenfeindliche Strukturen und ihren gesellschaftlichen Gegenspieler, den Feminismus, gehen soll, muss man noch kurz über Rollennamen weiblicher Charaktere in TV-Serien reden. Genauer, über die Rollennamen der weiblichen Charaktere in der extrem erfolgreichen und extrem beliebten Fernsehserie "The Big Bang Theory". Deren Länge verhält sich nämlich umgekehrt proportional zur Attraktivität und sexuellen Begehrlichkeit der Namensträgerin. Von Amy Farrah Fowler bis Penny. Richtig. Die attraktivste und promiskuitivste Frau der Serie bekommt nicht einmal einen Nachnamen. Zufall? Mitnichten.

Seit Jahren wird "The Big Bang Theory" gelobt für seine Fortschrittlichkeit. Dafür, dass die Serie eine marginalisierte und diskriminierte Minderheit in die gesellschaftliche Mitte geholt hat: den Nerd. Sicher, Leonard, Sheldon, Howard und Raj entsprechen auf sehr vielen Ebenen nicht mehr der klassischen Männerrolle vom echten, harten Kerl. Genauso misogyn wie die echten, harten Kerle sind sie trotzdem. Wer das nicht glaubt, der schaue sich dieses sehr gut recherchierte und argumentierte Youtube-Video an.

Fassadenfeminismus allein bringt nichts

Der Filmproduzent Harvey Weinstein galt als großer Frauenförderer. Jetzt kam heraus, dass er Frauen sexuell belästigt hat. Von Kathleen Hildebrand mehr ...

Man muss sich "The Big Bang Theory" vor Augen führen, um in der Causa Weinstein nicht die zu kurz gedachten Schlüsse zu ziehen. Und in die Alter-weißer-Mann-Falle zu tappen. Ja, Harvey Weinstein ist ein alter weißer Mann, der seine Machtposition in Hollywood offenbar jahrelang dazu benutzt hat, Frauen sexuell zu belästigen. Er selbst sagte in einem Statement, er sei eben in den sechziger und siebziger Jahren aufgewachsen, da habe es eine andere Kultur gegeben. Das ist eine Ausrede. Eine grauenhaft schlechte sogar. Aber sie enthält ein wichtiges Wort: Kultur. Denn damit hat Weinstein schon recht. Jeder Mensch erfährt eine bestimmte Sozialisierung. Und für viele Menschen ist es eine Sozialisierung in einer Kultur der sexuellen Diskriminierung von Frauen.

Der Kampf gegen sexuelle Diskriminierung braucht den Widerspruch - egal wie nervig er ist

In den freien und toleranten Gesellschaften der westlichen Welt halten und erhalten sich misogyne Strukturen und Kulturen. Bei den alten Filmmogulen Hollywoods, bei den Geeks und Nerds im Tech-Unternehmen, im Sport, aber auch in der Fahrschule aus dem Nachbardorf, beim Bauarbeiter an der Ecke und beim anonymen Grabscher in der U-Bahn. Das hat mit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Macht zu tun, mit Dominanzpositionen, die eben meist von Männern gehalten werden, aber auch mit der persönlichen kulturellen Sozialisation dieser Männer. Dem Glauben, dass einem etwas zusteht, dass es schon irgendwie in Ordnung geht, wenn man sich das auch nimmt. Und der Erfahrung, dass niemand widerspricht. Und genau deshalb ist der Feminismus so wichtig. Bis hin zum kleinteiligsten und nervigsten Einspruch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die westliche Welt enorme Fortschritte erlebt. Gesellschaftliche Minderheiten und Diskriminierungsopfer haben sich Beachtung und Rechte erkämpft. Das Frauenwahlrecht, schwarze Bürgerrechte, die Ehe für alle. Die Kulturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts ist auch eine Geschichte des bürgerrechtlichen Fortschritts. Die Geschichte von progressiven Gegenkulturen, die sich gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellen, bis sie schließlich von ihm absorbiert werden - mitsamt ihrer Werte und Vorstellungen davon, was richtig ist und was falsch.

Was heißt das nun für die Kulturprobleme der sexuellen Diskriminierung und der sexuellen Belästigung? Ganz einfach: Wenn wir die Weinsteins dieser Welt loswerden wollen, dann müssen wir dringend verändern, wie wir als Gesellschaft über die halbabsorbierte Gegenkultur des Feminismus sprechen. Oder etwas überspitzt: Wer die Weinsteins dieser Welt loswerden will, der muss endlich aufhören, über das Binnen-I zu witzeln. Frauenfeindliche Strukturen lassen sich nur dann auflösen, wenn ihnen Stück für Stück der Platz in der Gesellschaft genommen wird. Wenn die Rückzugsorte sexueller Diskriminierung und Belästigung ausgeräuchert werden. Um das zu erreichen, braucht es eine starke Gegenkultur. Eine Gegenkultur, die auch von Männern getragen werden muss. Von Männern, die sich nicht vom Label Feminismus abschrecken lassen dürfen. Im Fall Weinstein dauerte es Tage, bis sich die ersten männlichen Schauspieler zu Wort meldeten.

Wer die Unterdrückung, die Diskriminierung und den Missbrauch von Frauen durch Männer wie Weinstein verhindern will, der muss aufhören, manche Facetten der Debatte um Gleichberechtigung als kleinlich und ein bisschen übertrieben wegzulächeln. Der muss aufhören, dem Feminismus dogmatische Umerziehung zu unterstellen, wie es Claus Kleber im Gespräch mit Maria Furtwängler getan hat, als die ihre Studie über die Rolle der Frau im deutschen Film und Fernsehen vorstellte (wenig überraschendes Ergebnis: Frauen sind unterrepräsentiert).

Wer sexuelle Übergriffe verhindern will, der braucht Geschlechtergerechtigkeit, der braucht das Binnen-I, der braucht die Quote, der braucht gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Der Weg dorthin verlangt kleinliche, langwierige und frustrierende Arbeit. Aber sie ist notwendig. Diskriminierung und sexuelle Übergriffe werden nicht von selbst mit den jetzigen alten weißen Männern verschwinden. Diese Probleme sind strukturell. Und sie reproduzieren sich. Frauenfeindlichkeit hört nur dann auf, wenn sich die Kultur ändert. Mit anderen Worten: Frauenfeindlichkeit hört nur dann auf, wenn Männer damit aufhören.

Die Angst vor der großen "Umerziehung"

Der Feminismus wird heute mit denselben Worten verunglimpft wie einst der Kommunismus. Rechte Aktivisten haben so ein Feindbild geschaffen, das auch in der Mitte der Gesellschaft funktionieren soll. Analyse von Kathleen Hildebrand mehr...