Fall Gurlitt Behörden veröffentlichen erste Bilder im Internet

Wegen des Schwabinger Kunstschatzes gerät die Regierung international in Bedrängnis. Sie verspricht Aufklärung über die Bilder, die ihren rechtmäßigen Besitzern während der Nazizeit entzogen wurden. Nun haben die Behörden 25 verdächtige Werke ins Netz gestellt.

Von Jörg Häntzschel, Daniel Brössler und Claus Hulverscheidt, Berlin

Die Bundesregierung hat am Montagabend 25 Werke aus dem Konvolut veröffentlicht, das in München bei Cornelius Gurlitt beschlagnahmt wurde. Sie sind auf der Website www.lostart.de der Magdeburger Koordinierungsstelle für Raubkunst aufgelistet. Es handelt sich um Gemälde, Zeichnungen und Drucke von Künstlern wie Canaletto, Eugène Delacroix, Henri Matisse, Marc Chagall, Franz Marc, Carl Spitzweg und anderen. Einige, aber nicht alle der aufgeführten Gemälde, Zeichnungen und Grafiken sind auch abgebildet. Unter den Arbeiten sind einige, die bereits bei einer Pressekonferenz am Dienstag gezeigt worden waren.

Laut dem Kulturbeauftragten der Bundesregierung ist ein Drittel der 1406 beschlagnahmten Werke eindeutig unverdächtig. Von den übrigen etwa 970 Werken seien 380 der "Entarteten Kunst" zuzurechnen; die übrigen 590 fallen in die Kategorie "NS-bedingt entzogen". Der Staatsminister für Kultur kündigt an, dass nach und nach weitere Werke in das Online-Verzeichnis aufgenommen werden.

Zwischen Bundesregierung und bayerischer Landesregierung wurde am Montag auch vereinbart, umgehend eine "Taskforce" von mindestens sechs Experten zusammenzustellen, die von der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzrecherche koordiniert werden wird. Die Ermittlung der Herkunft der Bilder solle "parallel zum Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Augsburg" laufen.

Damit hat die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft Augsburg die wichtigsten Aspekte des Falles de facto entzogen. Diese hatte seit eineinhalb Jahren, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit der Hilfe einer einzigen Kunsthistorikern, über die Herkunft der Bilder recherchiert. Weltweit war an dem Vorgehen und der Informationspolitik der bayerischen Behörden Kritik geübt worden.

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Über das internationale Echo hatte sich die Bundesregierung beunruhigt gezeigt. Man könne "gut verstehen, dass gerade auch Vertreter jüdischer Organisationen jetzt viele Fragen stellen, denn sie vertreten alte Menschen, denen schweres Unrecht geschehen ist, oder deren Nachfahren", sagte der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert. So hatte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, Deutschland kritisiert. "Es ist wertvolle Zeit vergeudet worden. Weder die möglichen Anspruchsberechtigten noch etwaige Zeugen im Rückgabeverfahren werden jünger", sagte er der Welt und forderte, dass ein komplettes Verzeichnis der Werke veröffentlicht wird.

Die Führungsebene des Finanzministeriums erfuhr offenbar erstmals am 22. Juni 2012 von dem Fund, als der Parlamentarische Staatssekretär Hartmut Koschyk (CSU) das Hauptzollamt München besuchte. Koschyk sagte der SZ, man habe ihm damals erzählt, der Zoll habe eine Reihe Gemälde sichergestellt. Die Dimension des Falles sei aus der kurzen, vagen Information aber nicht ansatzweise erkennbar gewesen. Ressortchef Wolfgang Schäuble (CDU) hatte wütend darauf reagiert, dass er von dem Fund aus den Medien erfahren musste.