Exzentrische Künstler Künstler sind keine Handwerker

Sollen sie Sonderwünsche, Ausfälle, Marotten haben und das Programm in letzter Minute über den Haufen werfen. Solange sie dieses Verhalten dazu befähigt, uns weiter zu zerstreuen und in andere Gemütszustände zu versetzen, bitte schön. Ein zuverlässiger Künstler ist kein Künstler, sondern nur ein guter Handwerker!

Keine Frage: Nettigkeit ist eine schöne Sache, die im Alltag unbedingt vorherrschen sollte. Lehrer, Taxifahrer, Zahnärzte - bitte alle netter werden. Kunst ist aber kein Dienstleistungsgewerbe, sie hat die Kanten und Schrullen, die sie eben hat, der Kunde ist dabei mal nicht König, basta. Und was für ein Irrsinn, Stars zum Anfassen haben zu wollen! Das war ja schon bei "Wetten, dass..?" immer ein schaler Moment, wenn die ganz Großen, die ikonisch Umwitterten, plötzlich in Eierbecherwetten und sonstigen Kumpeleien mitzuspielen hatten. Nur damit Hans und Uschi in Heilbronn vor der Knabbermischung denken konnten: Och ja, der Robbie Williams, eigentlich ein netter Bub. Wehe, es entfleuchte da mal einer nach der Darbietung seiner Kunst und blieb nicht in der bundesdeutschen Schunkelrunde sitzen, dann musste er sich stets Eitelkeit und Geschäftemacherei nachwerfen lassen.

Zu nette Nachwuchskünstler

Hiesige Nachwuchsstars wie Tim Bendzko und Cro haben die Forderung nach Künstlern, die am Boden geblieben sind, derart verinnerlicht, man würde sich nicht wundern, wenn sie sich vor einem Auftritt dafür entschuldigen, dass nicht jeder im Publikum ein Mikro hat. Dieses Stars-von-nebenan-Diktat führt dazu, dass die Castingshows noch in der zehnten Auflage Bewerberrekorde erleben. Ist doch klar, wenn man ständig die Erfahrung macht, die Menschen auf dem Poster sind in Wirklichkeit nur Normalos und kaufen auch bei Lidl, dann probiert man es selbst eben auch.

Literaturdebütanten schreiben zweiseitige Dankesbriefe an die Enden ihrer Romane, voll mit Menschen, ohne die sie es bestimmt nicht geschafft hätten oder denen eigentlich das Lob gebührt. Als wäre ihr kleines Herausragen aus der Masse schon wieder peinlich, das bisschen Deutungshoheit und Talent schon wieder ungehörig. Hätte Thomas Bernhard je seine Denkleistung derart selbst sabotiert? Ist einem Friedrich Gulda je in den Sinn gekommen, sich für seine Exzentrik zu entschuldigen? Nein, solche Menschen und ihre Unberechenbarkeit sind ein wichtiger Gradmesser für die Toleranz einer Gesellschaft. Ich würde mit Bob Dylan kein Bier trinken wollen, er ist eigentlich nicht sehr sympathisch. Für das Bier habe ich den Nachbar, für die Bühne Dylan. Eine irrige Annahme, dass es umgekehrt sein müsste.