Expedition zum Nanga Parbat Eine Frage der Ehre

Was geschah wirklich am Nanga Parbat? Reinhold Messner und die anderen Expeditionsteilnehmer sind sich nicht einig. Vilsmaier hat sich für die Heldenfigur entschieden.

Von Susan Vahabzadeh

Eigentlich hätte die Expedition zum Nanga Parbat von 1970 gute Aussichten gehabt, die am besten dokumentierte Reise aller Zeiten zu werden - der Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer hatte die Rechte an der Geschichte an den Burda-Verlag verkauft, und im Nachhinein kommt es einem so vor, als habe so ziemlich jeder, der dabei war, ein Tagebuch geführt, um es später in Buchform herauszubringen. Und dennoch sind die Ereignisse bei dieser Besteigung des Nanga Parbat weder geklärt noch stichhaltig dokumentiert.

Die Kontroverse um die Todesumstände seines Bruders Günther hat Reinhold Messner selbst angeheizt, als er dreißig Jahre nach dessen Tod einigen Kameraden vorwarf, ihm nicht genug geholfen zu haben beim Abstieg vom Nanga Parbat. Andersherum geht es für die Kameraden um eine Frage der Ehre: Ob Messner in seinem Ehrgeiz, den Berg als Erster zu besteigen oder gar zu überqueren, sich um den Bruder nicht ausreichend gekümmert hat, der, so Messner selbst, sehr geschwächt war und an Höhenkrankheit litt.

Unstrittig ist dabei aber eines: Reinhold Messner war allein zur Gipfelbesteigung aufgebrochen, dass Günther ihm später folgte, war dessen eigene falsche Entscheidung. Reinhold Messner ist Vilsmaiers Berater gewesen bei diesem Film, es ist also wenig überraschend, dass "Nanga Parbat" ziemlich exakt die Sichtweise vertritt, die Messner selbst in Büchern und Interviews vertritt.

Der Ehrgeiz spielt bei Joseph Vilsmaier keine Hauptrolle, für ihn hat es kaum eine Bedeutung, dass Messner damals den Nanga Parbat nicht einfach nur bestiegen, sondern überquert hat - der Abstieg auf der Diamir-Seite, bei dem sein Bruder starb, war eine noch nie dagewesene Leistung. Und es gibt einen sehr fragwürdigen Moment, den Vilsmaier sehr nüchtern und unparteiisch darstellt: als Reinhold Messner zwei Kameraden, von denen er beim Abstieg nur hundert Meter entfernt war, zugerufen hat, alles sei in Ordnung - obwohl nichts in Ordnung war in diesem Moment. Warum er das getan hat? Da lässt Vilsmaier den Film-Messner das sagen, was auch der echte Messner sagt: Um die Kameraden nicht zu gefährden.

Er habe aus und auf Bitte seines Bruders und aus Not entschieden, über die Diamir-Seite abzusteigen, weil Günther zu schwach gewesen sei für einen normalen Abstieg, sagt Messner. Einer der Expeditionsteilnehmer, Max von Kienlin, behauptet, Messner habe von dem spektakulären Abstieg auf der anderen Seite vorher schon gesprochen - eine solche Behauptung kommt auch kurz im Film vor. Ansonsten bleibt der Film aber bei Messners Darstellung. Vilsmaier hat sich für eine Heldenfigur entschieden, für einen Messner, der sich abmüht, den Bruder zu retten, bis er ihn letztlich aus den Augen verliert - einen, den der Ehrgeiz durchaus lockt, der aber nie vergisst, dass er der Hüter seines Bruders sein soll.

Eine Szene aber ist reine Spekulation: Günther wird von einer Lawine verschüttet - und ob es so war, kann nach seiner eigenen Darstellung nicht einmal Reinhold Messner wissen.