Ihr Mann John arbeitete für den britischen Hochkommissar in Indien und Stella Rimington wollte noch etwas anderes tun, "als Biskuittorten für Benefiztees der Botschaftergattinnen zu backen". Der Hochkommissar vermittelte, und so fing sie 1967 beim Geheimdienst an - als Bürohilfe. Sie bediente das Telefon und kochte Kaffee. Sie war die Miss Moneypenny von Delhi. Später tippte sie die Observationsberichte zu Ostblockbotschaftern. "Jeder andere Job erschien mir plötzlich langweilig", sagt sie heute. Zwei Jahren später heuert sie in der Zentrale des MI5 in London an.

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Zwei Jahrzehnte später wurde sie, nicht ohne interne Machtkämpfe, Generaldirektorin. Ob ihre Romanheldin Liz Carlyle dies auch wird, verrät sie nicht. Und wenn, wüsste es der MI5 als erstes. Auch die Romane will er vor Abdruck lesen. "Formsache", winkt sie ab. Sie verarbeite echte Fälle, die seien aber so verschleiert, dass sie keine Rückschlüsse erlaubten. Und die alten Kollegen? Nun, einige verwurste sie da schon. In den Machoagenten, die in jedem ihrer Romane auftauchen? "Vielleicht", sagt sie und lacht. Manche könnten ein paar Seitenhiebe vertragen. "Beschwert hat sich noch keiner." Oft treffe sie Kollegen, über Arbeit aber rede man nicht. Für Geheimdienste gelte: "Wenn Du draußen bist, bist Du draußen."

Das sei anfangs hart gewesen, da sich ihr gesamtes Leben im Geheimdienst abgespielt habe. Nach ihrem Fortgang stürzte sich Stella Rimington auf ihre neue Karriere als Schriftstellerin - und Beraterin. Sie wechselte für einige Jahre ehrenamtlich in den Aufsichtsrat von Marks & Spencer, dem Spezialisten für britisches Understatement, dessen Unterwäsche sie sehr schätze, später beriet sie British Gas. Sie hält Vorträge zu Terrorismus und Frauenförderung und berät Manager, die Direktor werden wollen. Ihre Erfahrung helfe ihr dabei: "Die Rekrutierung von Agenten und Führungskräften unterscheidet sich nicht groß, für beides braucht man Menschenkenntnis."

Auf ihrem Weg an die Spitze des MI5 standen zwei Dinge auf ihrer Agenda: KGB und IRA. "Der eine Feind saß in den Botschaften der Ostblockländer, der andere in Irland auf einer Insel", sagt sie. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Gewaltverzichtserklärung der IRA änderte sich alles, die Orte, an denen der neue Feind zu suchen war, waren ebenso diffus wie seine Ziele. "Die IRA kannte Grenzen, Islamisten kennen sie nicht", sagt sie. Auch schaffe man es kaum, deren zersplitterte Szene zu infiltrieren.

"Mein Gott, wie ich den Kalten Krieg vermisse!", ruft Judi Dench als "M" in "Casino Royale" und Wehmut ist auch Stella Rimington anzumerken, wenn sie über die alten Zeiten spricht. Zum Beispiel über einen Anwerbeversuch, der fast misslungen wäre. Als sie schon auf dem Weg zu einem Treffen mit einem russischen Spion war, um ihn zum Überlaufen zu bewegen, rief ihre Nanny an und sagte, dass eine Tochter mit Magenkrämpfen in die Klinik eingeliefert worden sei. Stella Rimington traf erst den Agenten und fuhr dann mit dem Taxi in die Klinik. Das Geld für die Fahrt lieh sie sich bei ihm. Später ist er dann übergelaufen.

Stella Rimington lacht in sich hinein, merkt nicht, wie die Bedienung in ihre Träume hinein fragt: "Noch Tee?" Bitte. "Man darf nichts verklären", sagt sie, zurück im Hier und Jetzt. Früher habe man geglaubt, dass jederzeit ein Krieg zwischen Ost und West ausbrechen könne. Dass sie der Zeit doch nachtrauert, liest man in ihrem Roman "Illegal Action", der bislang nur auf Englisch erschienen ist: Darin wird ein Ex-KGB-Agent, der Putin kritisiert, ermordet. Das Buch war fast fertig, als Alexander Litwinenko in London vergiftet wurde. Ex-Kollegen sagten ihr, dass es unheimlich sei, wie sie noch heute Entwicklungen vorausahne.

Als Stella Rimington einstieg, war der Geheimdienst fest in der Hand alter Offiziere, die gerne an Captain Vernon Kell erinnerten, der 1909 den MI5 gründete. "Männer müssen im Sattel Notizen machen können", so sein Anforderungsprofil, "bei Frauen reichen schöne Beine". Frauen mit Ambitionen, wie Stella Rimington, hatten es schwer. Ein Chef schrieb ihr in die Beurteilung: "Sie ist eine äußerst warmherzige und engagierte Kollegin, obwohl sie eine Verfechterin der Frauenrechte ist." Ihre Töchter waren jeweils nur wenige Monate alt, als sie in den Dienst zurückging. Eine Nanny kümmerte sich um die Kinder. Sie biss sich durch, später als alleinerziehende Mutter. Als ihre jüngste Tochter neun Jahre alt war, trennte sie sich von ihrem Mann. "Es ging nicht mehr", sagt sie.

Hatte sie nie Angst, ihre Kinder in Gefahr zu bringen? "Es gab keine Gefahr", sagt Stella Rimington resolut. Sie habe immer auf ihre Kollegen beim MI5 vertraut. Hat sie je Todesangst gehabt? "Es gab keine Gefahr", blockt sie ab. Themenwechsel, bitte. In ihren Romanen ist Liz Carlyle eine einsame Kämpferin, und auch Stella Rimington hat gelernt, allein auf sich gestellt zu sein. "Der Geheimdienst macht einsam", sagt sie. Draußen Freunde zu finden, sei schwer. Es gibt keine beste Freundin, der sie sich anvertrauen kann. Sie weicht der Frage aus, ob sie einen neuen Mann gefunden hat. Geschieden ist sie trotz der 23 Jahre Trennung nicht. "Hat sich nicht ergeben", sagt sie.

Dann verabschiedet Stella Rimington sich, man habe schon fünf Minuten länger geredet als vereinbart, mahnt sie. Sie tritt auf die Straße, vorbei an den Müttern, die ihre Kinder aus den Privatschulen abholen. Sie taucht ein in den Fußgängerstrom aus beige und braun und grau, noch einmal sieht man ihren Faconschnitt im Takt der Stadt wippen, dann ist sie wie vom Boden verschluckt.

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(SZ vom 15.12.2007/jkr)