Stella Rimington war die erste Frau an der Spitze des britischen Geheimdienstes MI5 - heute schreibt sie Krimis und ist Vorbild für Judi Dench als "M" in den James-Bond-Filmen.
London. Westminster. Ein dunkelgrüner Rover bremst scharf vor dem Royal Institute of British Architects. Der Verschlag fliegt auf, eine ältere Dame in einem langen Mantel springt aus dem Fond. Sie blickt nicht um sich, sondern eilt direkt die Stufen zum Café in der oberen Etage hinauf, das sie als Treffpunkt festgelegt hat. Zwei bullige Typen folgen ihr, und platzieren sich an der Bar mit Sicht auf die Treppe. Ein fester Händedruck, ein tiefer Blick. Sie lässt ein Zigarettenetui aufspringen, zündet eine 100er Menthol an und inhaliert tief. "Worum geht's, ich habe nicht viel Zeit", atmet sie aus, und ihre Stimme klingt wie Trockeneis.
So könnte man sie sich vorstellen, die Dame vom MI5 - selbstverständlich mit einer Walther PPK. (© Foto: afp)
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Das ist der Film, der im Kopf anläuft, wenn man einen der raren Termine mit Stella Rimington bekommt. Der ersten Frau an der Spitze des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, der obersten IRA-Jägerin und Terroristenfahnderin, die heute an einem geheimen Ort in England lebt und Agententhriller schreibt.
Das wahre Leben schreibt banalere Geschichten. Stella Rimington, 72, ist mit der U-Bahn da, trägt flache Schuhe, einen braunen Cordblazer, eine sandfarbene Hose, ein florales Damenshirt. Sie sieht aus wie eine Pensionärin, die nach der Lektüre historischer Architekturbände noch ihren Tee einnehmen will. Earl Grey mit Milch, danke. Sie redet mit leiser Stimme, zuweilen huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihre grünen Augen scannen unaufhörlich: die Gesprächpartnerin, den Block, das Aufnahmegerät. "Wissen Sie, ich bin total langweilig", sagt sie ganz unvermittelt, und in Anbetracht ihrer bewegten Biographie klingt das wie Koketterie. Bis einem klar wird: Unscheinbarkeit ist ihr Erfolgsrezept.
Wer der freundlichen älteren Dame auf der Straße begegnet, würde sie wohl kaum mit dem Geheimdienst in Verbindung bringen. Würde nicht darauf kommen, dass sie die mächtigste Frau beim MI5 war und in der Downing Street alle zusammenzuckten, wenn sie auftauchte, weil es bedeutete, dass die Sicherheit des Landes in Gefahr war. Man würde sie übersehen, sie, die Unscheinbare. Was ein Fehler ist - aber von Vorteil, wenn man verdeckt operiert, wie Stella Rimington das den größten Teil ihrer 27 Jahre beim MI5 äußerst erfolgreich getan hat: Die Queen adelte sie mit dem Titel Dame, als sie 1996 den Geheimdienst verließ. Es ist die zweite Ehrung im Dienste ihrer Majestät, vier Jahre zuvor stand sie erstmals Modell für "M" bei James Bond.
Ohne Stella Rimington wäre 007 nicht so schnell zu einer Chefin gekommen. Oft soll Lois Maxwell alias Moneypenny gebettelt haben, dass "M" eine Frau sein sollte. Absurd, beschied man ihr. Eine Frau in der Position! Dann wurde Rimington 1992 Chefin des MI5, und seit "Golden Eye" gibt es also eine "M" - gespielt von Judi Dench. Für ihren ersten Bond hat sie offenbar genau das Original studiert. Jedenfalls taucht sie als Auslandsspionagechefin mit dem gleichen Faconschnitt und kragenlosen Mantel auf, wie sie Dame Stella zu tragen pflegte. Und einem sehr scharfen Ton. Wenn sie James Bond als "sexistischen Dinosaurier" anraunzt, soll das nicht allein der Phantasie der Drehbuchautoren entsprungen sein.
Getroffen haben sich Dame Judi und Dame Stella noch nie. "Leider", sagt Stella Rimington. Auch zu einer Premierenfeier ist sie nie eingeladen worden. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr. Dieser Tage jedenfalls beginnen die Dreharbeiten für den Bond 22 in den Londoner Pinewood Studios. "Es ist aber nicht so, dass ich sofort ins Kino renne, wenn ein Bond anläuft", winkt sie ab. Vom ersten Auftritt von Judi Dench berichteten ihre Töchter. "Sie sieht aus wie Du!", riefen sie nach dem Film in den Telefonhörer. Dann sei auch sie ins Kino gegangen, letzte Reihe, als das Licht aus war. "Sie hat sogar meine Gesten kopiert", stellt sie trocken fest. Offenbar habe Judi Dench Fernsehaufnahmen von ihr studiert.
"Ich fühle mich geschmeichelt, dass ich den Anstoß für einen weiblichen ,M' gegeben habe", sagt Stella Rimington und schaut lange auf den Block. Verstanden, schon notiert. Sie kann Schrift auf dem Kopf lesen, heißt es. Manche behaupten auch, sie könne Gedanken lesen. "Viele glauben, dass ich ihr Privatleben kenne", sagt sie. Aber das sei Unsinn. Ein osteuropäischer Botschafter rief einmal bei einem Dinner in London quer über den Tisch: "Sie kennt die Namen all meiner Geliebten!" Totenstille. Wer das war? "Ich bitte Sie", sagt sie und blickt streng. Für Indiskretionen ist sie nicht zu haben.
In ihren Romanen ermittelt, klar, eine Frau: Carlyle, Liz Carlyle. Die junge Agentin ist im aktuellen Thriller "Leiser Verrat" und dem Vorgänger "Stille Gefahr" (Diana-Verlag) warmherzig, nett und chaotisch. In den Club ruhmreicher Agenten wie James Bond oder George Smiley passt sie nicht so recht. "Soll sie auch nicht", sagt Stella Rimington entschieden, und zum ersten Mal im Gespräch lösen sich ihre Hände vom Tisch.
Auf der nächsten Seite wird Stella Rimington nicht gefragt, ob sie ob sie mit ihrer Enttarnung einverstanden ist.
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