Wenn der deutsche Kinofilm überleben will, muss er sich der Wahrheit beugen, dass die große Zeit des Kinos vorbei ist: eine Antwort auf Volker Schlöndorff.
Für eine Artentrennung von Fernsehen und Kino hat Volker Schlöndorff in der vergangenen Woche an dieser Stelle plädiert. Die Grenzen weichen auf, es entstehen Spektakel, die sich erst im Kino, dann im Fernsehen auswerten lassen - so war es beim "Untergang", so ist es geplant bei "Anonyma", produziert von Günter Rohrbach, Schlöndorffs "Päpstin" oder Bernd Eichingers "Baader-Meinhof-Komplex". Eichinger ließ, noch bevor die Debatte wirklich eine Debatte wurde, schon eine Stellungnahme verbreiten - erst die doppelte Verwertbarkeit, hieß es da, hätte beim "Untergang" künstlerische Freiheiten geschaffen, die auch "Baader-Meinhof" brauche:
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"Die epische Erzählweise, die ich für den Stoff gewählt hatte, ließ sich auch nicht beliebig kürzen, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Drehbuch auf ein Kammerspiel zu reduzieren. Erst im Schneideraum war es uns möglich, die nötigen Kürzungen für einen Kinofilm von zweieinhalb Stunden vorzunehmen." Braucht das deutsche Kino diese hybriden Gewächse, um finanzierbar zu bleiben, oder bleibt es dabei auf der Strecke?
In welcher Welt lebt Volker Schlöndorff eigentlich, wenn er heute für eine Trennung von Film und Fernsehen plädiert? Ausgerechnet er, der doch einer Generation von Filmemachern angehört, die es ohne das Fernsehen vermutlich gar nicht gäbe. Der sogenannte neue deutsche Film der Sechziger und Siebziger - Fassbinder, Wenders, Kluge und eben auch Schlöndorff - fand vor allem im Fernsehen statt, das ihn im wesentlichen auch finanziert hat. In den Kinos reüssierten nur die wenigsten ihrer Filme, darunter freilich auch "Die Blechtrommel". Es war die Zeit einer erstaunlichen Harmonie, in der sich die Avantgarde der deutschen Filmemacher vom Fernsehen begehrt und geliebt fühlen durfte. Spätestens mit dem Eintritt des Privatfernsehens, der Veränderung auch der öffentlich-rechtlichen Sender, verlor ein faires Arrangement - interessante Filme gegen majoritäre Finanzierung und prominente Sendeplätze - mehr und mehr an Aktualität.
In den späten achtziger, vor allem aber in den neunziger Jahren emanzipierte sich das Fernsehen endgültig vom deutschen Kinofilm. Es rekrutierte seine eigenen Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure, vor allem aber schuf es sich seine eigenen Stars. Aus der Sicht der Filmemacher ist die gegenwärtige Situation von deprimierender Klarheit, das Fernsehen braucht sie nicht. Es hat seine eigenen Filme und Serien, die erfolgreicher sind als fast alles, was ihnen die deutsche Kinoproduktion zu bieten hat, und leider nicht selten auch besser.
Wunschwelt Kino
Überwiegend sind es freilich die gleichen Personen, die hier und dort tätig sind, und immer häufiger fällt es schwer zu entscheiden, was am Kino Fernsehen ist und was am Fernsehen Kino. Unverändert gilt allerdings auch, dass dem Kinofilm mehr Glanz zugesprochen wird, die größere Aura. Noch immer ist daher die Wunschwelt der meisten Regisseure das Kino und nur ihre Wirklichkeit das Fernsehen. In dieser Konfliktzone haben sich die Akteure beider Medien eingerichtet, das Verhältnis ist gespannt und von einseitiger Abhängigkeit geprägt.
Die privaten Sender haben sich ohnehin auf Hollywood fokussiert, in den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es, wenn auch gelegentlich zähneknirschend, nach wie vor ein gewisses Gefühl der Verantwortung für das deutsche Kino. Doch kann das auf die Dauer befriedigen? Es ist schmeichelhaft, für wichtig gehalten, doch sehr viel besser wäre es, tatsächlich gebraucht zu werden. Im Gefühl seiner Überlegenheit hat das Fernsehen Terrain um Terrain besetzt. Es hat sich wie selbstverständlich den Zugang zu Fördertöpfen gebahnt, die früher ausschließlich dem Kinofilm vorbehalten waren. Parallel dazu ist es ihm gelungen, mit sogenannten Eventproduktionen - siehe etwa "Dresden" oder "Die Flucht" - einen Grad von Aufmerksamkeit zu erlangen, der dem Kino zumindest ebenbürtig ist.
Wenn der deutsche Kinofilm überleben will, muss er sich der Wahrheit beugen, dass die große Zeit des Kinos offensichtlich vorbei ist. Filme existieren heute an vielen Orten und in mehreren Aggregatzuständen. Diese Entwicklung werden wir nicht aufhalten können, schon gar nicht mit dem Gestus des Nostalgikers. Vielmehr gilt es, Abhängigkeiten zu mindern und ein neues Selbstbewusstsein zu kreieren. Es muss uns gelingen, wieder begehrt zu werden, statt den lästigen Vorfahren zu spielen, der immer noch beleidigt ist, weil ihm das Fernsehen die Show gestohlen hat.
Es ist auf die Dauer unerträglich, die Finanzierung unserer Filme als eine Abfolge von Gnadenakten erfahren zu müssen. Das kann sich aber nur ändern, wenn die Filme vorbehaltlos von denen gewollt werden, die sie bezahlen sollen - also auch vom Fernsehen. Mit guten Filmen allein wird man das nicht erreichen. Wir werden akzeptieren müssen, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. Die Frage ist, lassen wir, die Filmemacher, sie dabei allein, oder bieten wir unsere Mitwirkung an, wenn dies beiden Seiten zum Vorteil gereicht.
Niemand sieht in jedem Film einen TV-Mehrteiler
Es gibt dafür in der Vergangenheit zwei prominente Beispiele. Das eine liegt ein Vierteljahrhundert zurück und hieß "Das Boot". Es war in allen drei Medien ein Welterfolg, als überlanger Film im Kino, als Mehrteiler im Fernsehen und als Director's Cut auf DVD. Ähnliches vollzog sich vor einigen Jahren mit dem Film "Der Untergang". In beiden Fällen hat der Stoff eine solche "amphibische" Lösung erlaubt, haben Regisseur und Produzent sie inhaltlich verantwortet.
Um nichts anderes geht es. Niemand hat, wie Schlöndorff schreibt, die absurde These aufgestellt, dass "in jeder Filmproduktion ein TV-Mehrteiler" stecke. Niemand, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, wird umgekehrt behaupten, aus jedem Mehrteiler könne man einen Kinofilm schneiden oder jedenfalls etwas, das diesen Namen verdient. Weil Fernsehen und Film sich in wenigen Fällen - im laufenden Jahr sind es vermutlich drei von etwa hundert Filmen - darauf verständigt haben, eine vergleichbare Zusammenarbeit zu praktizieren, geht die Kinowelt noch nicht unter. Keine der beiden Seiten kann an Schlöndorffs Schreckensbild das geringste Interesse haben. Das Kino nicht, weil das konsistente Unikat auch weiterhin seine Aura begründet, und das Fernsehen nicht, weil es das Wesen von Ereignis-TV ist, sich rar zu machen.
Festzuhalten ist freilich, dass auf diese Weise nicht nur Filme ermöglicht werden, die anders nicht zu finanzieren wären, es sollte sich so auch das Klima für die konventionelle Zusammenarbeit der beiden Medien entkrampfen. Wer diese Chance zerschlagen will, muss wissen, was er anrichtet.
Günter Rohrbach ist Präsident der Deutschen Filmakademie und Produzent, unter anderem von "Das Boot".
(SZ vom 19.7.2007)