Europa ist ein vielschichtiger und in sich widersprüchlicher Kontinent, dem ein gut gemeinter Schlagerwettbewerb nicht zu einer Identität verhelfen kann - die Popgeschichte des 20. Jahrhunderts fehlt.
Es ist relativ leicht, sich über einen Komponistenwettbewerb lustig zu machen, bei dem sich osteuropäische Schlagercombos mittleren Alters etwas ungelenk an Rock-Genres versuchen, die einst vom jugendlichen Ungestüm authentischer Subkulturen getrieben wurden, und Lokaldiven die Toleranzgrenzen des Modebewusstseins strapazieren. Nun rangierte das kulturtheoretische Interesse am Eurovision Song Contest schon immer irgendwo zwischen dem augenzwinkernden Kitschverständnis aus Susan Sontags Essay "Notes on Camp" und einer fundamentalen Verachtung für europäische Massenkultur, die mit dem Kanon der angelsächsischen Vorbilder nur selten mithalten kann.
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Dabei ist der Schlagerwettbewerb natürlich gerade deswegen interessant, weil er sich eben nicht auf den angelsächsisch gefärbten Minderheitengeschmack gebildeter Stände einlässt. Die suchen im Pop immer noch die Relevanz eines Bob Dylan und die erzählerische Vielschichtigkeit von Hollywoodfilmen. Der Eurovision Song Contest bildet dagegen europäische Befindlichkeiten ab, die längst komplexer sind, als jeder amerikanische Actionfilm, der seine Effekte mit Anspielungen auf Philosophie und antike Sagenwelt durchwebt.
Sicherlich ist mit dem diesjährigen Sieg von Ell und Nikki aus Aserbaidschan erst einmal die Frage relevant geworden, ob die europäische Kontinentalplatte nun am Ural endet, oder doch erst hinter den vorderasiatischen Ölfeldern. Diese Frage kann man entweder bürokratisch beantworten, weil jedes der 56 Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion EBU auch am Wettbewerb teilnehmen darf. Und zur EBU gehören inzwischen auch Teile Nordafrikas und Vorderasiens. Oder man wischt sie mit Bernard-Henri Lévys Zitat vom Tisch, Europa sei kein Ort, sondern eine Idee. Nimmt man den Eurovisions-Contest als populäres Abbild dieser Idee, dann wurde am Sonntag schon nach den ersten Beiträgen deutlich, wie es um den europäischen Pop des Jahres 2011 steht.
Prinzipiell steht es um den gar nicht so anders, wie 1956, als der Wettbewerb in Lugano mit sieben Teilnehmerländern zum ersten Mal ausgetragen wurden. Der europäische Schlager war damals schon ein regionales Phänomen, das letztlich immer der Versuch blieb, Volksmusik mit modernen Stilmitteln zu machen. Was dem europäischen Pop immer fehlte, war das solide Fundament des amerikanischen Vorbilds in der eigenen Geschichte. Denn dem europäischen Pop fehlt historisch gesehen die Frühphase der Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da war die Popkultur vor allem ein stiefmütterlich behandeltes Mittel der Nazidiktatur, sich die Massen gewogen zu machen.
Mit der Osterweiterung der Europäischen Rundfunkunion im Jahre 1990 hat sich dieses Problem für den Eurovision Contest noch einmal verschärft. Nun fehlen dem europäischen Pop nicht nur die Jahre bis 1945, sondern einem großen Teil seiner Mitglieder auch noch die Jahre bis 1989. Im Sozialismus mag Rockmusik eine ähnliche Funktion gehabt haben wie Jazz unter den Nazis - sie war ein verbotenes Medium der Sehnsucht nach Freiheit. Nach dem Fall der Mauer aber blieb europäischer Pop im Osten genauso eine kulturelle Travestie, wie im Nachkriegswesten. Deswegen wird der Schlagerwettbewerb seit Jahren mit unbeholfenen Rock-Acts geflutet, die mit dem sympathischen Kitsch der frühen Eurovisionsjahre nur wenig zu tun haben. Dass die Veranstalter nun versuchen, mit Popgenres wie den Coldplay-Epigonen aus Dänemark oder einem Star von internationalem Format wie Lena auch jüngere Zuschauer zu gewinnen, verwässert das Bild vom europäischen Pop zusätzlich.
Was bleibt ist eine Popkultur, die vor allem als Eskapismus aus der eigenen Geschichte fungieren soll. Was die mediterranen Lieder der fünfziger Jahre für das befreite Westeuropa waren, ist der Rock für die ehemaligen Ostblockländer - eine Pose ohne kulturelles Fundament und somit nicht mehr als ein Spiel mit Genres.
Richtig interessant wird es aber erst im zähen Teil der Veranstaltung, wenn alle Lieder gesungen und alle Publikumsstimmen abgegeben sind. Da vollzieht sich vor den Augen der Fernsehzuschauer ein Abstimmungsprozedere, das schwieriger nachzuvollziehen ist, als amerikanische Präsidentschaftswahlen. Da vermischen sich Geopolitik, die Last der Geschichte und die kulturellen Missverständnisse zu einer undurchsichtigen Rangliste, die sich im Laufe der 43 Stimmabgaben so dramatisch oft neu mischt, dass es mit der Musik nur wenig zu tun haben kann.
Dass der griechische Teil Zyperns regelmäßig viele Punkte für Griechenland vergibt, gilt als ausgemachte Sache, genauso wie die osteuropäischen Länder prinzipiell zu ihren Nachbarn stehen. Aber ist zum Beispiel die Tatsache, dass Weißrussland dieses Jahr nur fünf von zwölf Punkten an Russland vergeben hat nicht eine Versöhnungsgeste für den gar so nationalistisch gesinnten Diktator Lukaschenko? Waren die vielen Punkte Hollands für Bosnien Herzogevina eine späte Rüge für die europäische Balkanpolitik? Sollten die Null Punkte Israels für Lena nicht Grund zur Sorge um die deutsche Nahostpolitik sein? Und ist der dritte Platz für den schwachen Schweden nicht letztlich nur Ausdruck der Sehnsucht nach einem Staat, der so oft als Vorbild für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft gehandelt wird?
Eines bleibt - Europa ist ein vielschichtiger und in sich widersprüchlicher Kontinent, dem auch ein gut gemeinter Schlagerwettbewerb nicht zu einer Identität verhelfen kann. Die Feinheiten der Einzelabstimmungen beim Eurovision Song Contest könnten den Lehrstuhl einer politologischen Fakultät bis zum nächsten Jahr beschäftigen. Da wird dann in Baku gesungen. Das gehört nun kulturell offiziell zu Europa, ob es dem Rest des Kontinents passt oder nicht. An der Musik lag es wie gesagt nicht. Die Dame und der Jüngling konnten ebenso wenig intonieren, wie der Song überzeugte. Rumänien, Italien und Lena waren musikalisch mit Abstand besser. Im Sinne der Nouvelle Philosophie Bernard-Henri Lévys war es aber kein Sieg für Ell und Nikki, sondern ein Sieg für den europäischen Traum, der sich im Osten schon lange vom American Dream emanzipierte. Und aus dem muss ja nicht gleich eine gemeinsame Identität werden.
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(SZ vom 16.05.2011/wolf)
Staatsbesuch in Israel
Die kulturellen Unterschiede in Europa sind doch gerade wichtig... wäre es nicht doof wenn Alles in Europa gleich aussehen würde und alle Menschen gleich sprechen würden? Man sollte sich gegenseitig respektieren und freuen dass es sowas gibt. PS: Lena kann von mir aus hingehen wo der Pfeffer wächst ;)
Este canto
perpetuo viene
en el sitio
donde vive
la estrella de
las rimas benditas,
donde muere
la noche regalando
el amor.
Francesco Sinibaldi
Demnächst erklärt uns die SZ und die Macher der Eurovision, was zu Europa gehört.
Nun weiß ich, dass also Israel, Nordafrika und Vorderasien zu Europa gehören.Aha, eine neue Erkenntnis, aber wenn die beiden Medien das so sagen, wird es ja irgendwie wohl stimmen. Wobei ich aber noch um Erklärung warte, wieso dies der Fall sein soll.
Da ich persönlich nichts über dieses Land wusste, habe ich ein wenig recherchiert und nun erfahren, dass dieses Land zwischen Iran und Armenien liegt und zu den Turkvölkern gehört und religionsmäßig zu den Schiiten zählt. Jetzt habe ich auch teilweise verstanden, warum die plötzlich mit der türkischen Flagge wedelten.
Im Nachhinein hat mich dann doch die legere Kleidung der Gruppe, bzw. bei den Damen gewundert, da die Schiiten im Iran doch so heikel bei ihren Frauen sind. Man lernt halt nie aus.
Zwei Dinge, und das ist in einem Fall meine Meinung und im anderen Fall ein Widerspruch. Zitat - Im Sozialismus mag Rockmusik eine ähnliche Funktion gehabt haben wie Jazz unter den Nazis - sie war ein verbotenes Medium der Sehnsucht nach Freiheit-. Rockmusik war nicht verboten. Pudhys u. Karat, um nur zwei von vielen zu erwähnen, waren wahrlich keine Volkstanzgruppen. Lena ist ein bildhübsches Mädchen und hat zu Recht beim letzten ESC gewonnen, aber wenn man mal die Vorbereitungen bei der Songauswahl und ihre Konzerte sich angesehen bzw. angehört hat, allerdings nicht voreingenommen, muss man feststelllen, entweder hat sie gar keine gro0e Stimme oder sie ist in falschen Händen. Stefan Raab hat auch überhaupt keine Stimme, hat es selbst einmal versucht und sein Geschmack muss nun nicht der Geschmack aller Europäer sein. Lena sollte nicht so verheizt werden, wie bisher, mal von ihren jüngeren oder gleichaltrigen quiekenden Fans mal abgesehen, waren die Konzerte eintöniges Miau, miau. Sie hat aber sicher noch Reserven.
vielen Dank Herr Kreye. Sie haben, als einer der wahrhaften ´original thinker´ im deutschen Journalismus die ESC Debatte bereichert und auch mal ein paar weitere Facetten aufgezeigt.
Ich, der den ESC seit 8 Jahren wieder intensiv verfolgt, empfinde es als entspannend, mal nicht völlig meinungslastige Artikel oder Geringschätiges darüber zu lesen. Nämlich dass sich derart viele Menschen damit beschäftigen (müssen?), demonstrativ persönliche Verstrickungen vehement von sich weisen, um sich dann auch noch wortreich dazu zu äussern, ist immer wieder befremdend. Ja, es ist ne Menge Kitsch dabei, und es wird viel Geld für die Show ausgegeben. Und es ist auch Geschmackssache. Extrem, sogar. Dass sich die Medien in Deutschland dieses Jahr mit dem ESC, und vor allem mit Lena, beschäftigen mussten, nun gut. Dass selbst fachfremde ARD Jorunalisten/Showmaster wie Frank Elstner und Frank Plasberg zur ungeschickten Moderation verpflichtet wurden, naja. Es fand ja nun mal in Deutschland statt. Und es ging ja sogar um die "Titelverteidigung"! Und genau an diesem Punkt wird alles deutlich. Nicht wie bei einer Europameisterschaft geht es um eine sportliche Leistung, es hat einfach nur eine Melodie/Performance/Sänger/Künstler im letzten Jahr gewonnen. Es ist eine schöne Sache, wenn ganz Europa sich einmal im Jahr vor dem Fernseher versammelt, um die gleiche Sache zu schauen, und eine Nation darf gewinnen. Es ist keine Leistung, und es kein Titel. Hier muss nichts veteidigt werden, und hier muss eigentlich auch nichts gewonnen werden (wie Lena es wirklich schön vermittelt hat). Und im Grunde ist es auch gar keine so nationale Angelegenheit. Man kann sich auch locker für ein Lied aus einem anderen Land entscheiden, bei der Wahl muss man das sogar.
Es ist eine ganz leichte Sache. Es ist Pop. Es ist nicht unheimlich wichtig. Aber es ist schön. Es ist Unterhaltung. Und es ist eben auch noch ein bisschen mehr. Es geht auch um Europa. Und es geht auch um nationale Befindlichkeiten. Ich wage einfach mal zu behaupten, dass diese ganze Polemik um die vorhersehbare (und ungerechte!) Nachbarschafts- und Diasporawahl mit der Zeit abebben wird, und es wird der Sieg sein der Musik über Nationalismen.
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