Eurovision Song Contest in der Ukraine Für Russland ist der ESC knallharter Wettbewerb

Julia Samoilowa, hier 2014, kann wegen eines Einreiseverbots nicht am ESC teilnehmen.

(Foto: dpa)

Moskau und Kiew nutzen den Eurovision Song Contest, um einen politischen Konflikt auszutragen. Fans dürfte das lächerlich vorkommen - aus russischer Sicht ist es aber logisch.

Von Antonie Rietzschel

Julia Samoilowa hat alles, was es für den Eurovision Song Contest (ESC) braucht. Eine tolle Stimme, eine seichte Ballade und eine große Bühnenshow. Die 27-Jährige hat außerdem eine Geschichte zu erzählen. Die eines Mädchens, das seit seiner Kindheit im Rollstuhl sitzt, ein hartes Los in Russland. Ein Mädchen, das nun eine schöne Frau ist und einen Traum verfolgt: Eine berühmte Sängerin zu werden. Doch die Politik steht ihrer Karriere im Weg. Denn der ESC ist nicht nur eine schrille Unterhaltungsshow, hier geht es manchmal auch um politische Interessen.

Samoilowa sollte dieses Jahr für Russland antreten, doch aus dem Auftritt wird nichts. Die Ukraine, Austragungsland des ESC, hat ihr die Einreise und damit die Teilnahme verweigert. Samoilowa war auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten, ohne Genehmigung der Ukraine. Nach dortiger Gesetzgebung eine Grenzverletzung, die eine dreijährigen Visumssperre nach sich zieht. Ein Skandal, findet Russland. Die Ukraine wiederum konnte eigentlich nicht anders. Hätte sie der Sängerin die Einreise erlaubt, wäre damit ein Präzedenzfall entstanden, den Russland womöglich ausgenutzt hätte

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Dass zwei Länder den ESC missbrauchen, um einen internationalen Konflikt auszutragen, dürfte den klassischen Fans lächerlich vorkommen. Besonders aus russischer Sicht erscheint es jedoch logisch. Denn für das Land ist der ESC keinesfalls einfach eine tolle Party, sondern ein knallharter Wettbewerb. Eine weitere Projektionsfläche für das eigene Großmachtstreben. Genauso wie bei den Olympischen Spielen. Siegen ist alles. Könnte man Sänger zum Sieg dopen, Russland hätte wohl schon längst ein entsprechendes Programm aufgelegt.

Der Siegeswillen Russlands zeigte sich erstmals 2003. Während andere Teilnehmer eher unbekannte Kandidaten ins Rennen schickten, trat für Russland das auch im Westen bekannte pseudo-lesbische Duo Tatu an. Auf ihren T-Shirts trugen sie jeweils die Zahl 1. Der russische Sieg beim ESC war erklärtes Ziel. Tatu schafften es immerhin auf Platz drei. 2008 wurde für die Show des russischen Sängers Dima Bilan, der bereits zum zweiten Mal für Russland antrat, ein riesiger Aufwand betrieben: Vorne rekelte sich der Sänger im weißen Hemd auf dem Boden, hinter ihm zog der Olympiasieger im Eiskunstlauf, Jewgeni Pljuschtschenko, auf einer eigens mitgebrachten Eisbahn seine Kreise. Der berühmte Violinist Edwin Marton geigte dazu auf der Stradivari. Die Mühen wurden belohnt: Bilan belegte den ersten Platz.

Als Russland 2009 den ESC ausrichtete, wurde daraus ein bombastisches Großereignis. 30 bis 40 Millionen Dollar kostete die Veranstaltung. Die Bühne war gigantisch. Ein Drittel aller auf der Welt verfügbaren LEDs hatte man auf der Bühne verbaut. Der russische Präsident, Wladimir Putin, schaute beim Aufbau vorbei.

Bei der Eröffnung des Halbfinales sang Tatu gemeinsam mit einem bekannten Soldatenchor. Als Kulisse dienten ein pinkfarbener Panzer und ein Jagdflieger. Das Finale eröffnete der weltweit bekannte kanadische Zirkus Cirque du Soleil. Im Wettbewerb selbst versuchte es Russland mit Anastassia Prihodko. Sie sang auf Ukrainisch und Russisch, was Nationalisten murren ließ. Rückblickend war das fast schon revolutionär.

In den darauf folgenden Jahren versuchte Russland, erneut an die Spitze zu gelangen. Doch die politischen Entwicklungen überschatteten den Wettbewerb. 2014 buhte das Publikum in Kopenhagen die russischen Teilnehmer aus, was wohl vor allem mit der Annexion der Krim zu tun hatte. Russland selbst zeigte sich empört angesichts des Sieges von Conchita Wurst aus Österreich. "Das ist das Ende Europas", kommentierte ein russischer Politiker den Beitrag des Travestiekünstlers.

Im vergangenen Jahr trat Sergei Lasarew an, ein zaghafter Versuch sich ein anderes Image zu geben. Der Schmusesänger sprach sich vor seiner Teilnahme gegen Homophobie aus und erklärte, er würde nie auf der Krim auftreten. Beim Publikum war Lasarew sehr beliebt. Dem Voting nach hätte er den ESC 2016 gewonnen. Doch die Expertenjurys der einzelnen Länder bewerteten Lasarew schlechter. Deswegen gewann Djamala für die Ukraine.

In ihrem Lied singt Jamala über die Deportation der Krim-Tataren 1944. Russland hatte den Song beanstandet, wegen der politischen Botschaft. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) sah jedoch keinen Regelverstoß. Eine Entscheidung, die man durchaus hinterfragen könnte. Denn in einem Interview machte Jamala deutlich, dass "1944" durchaus als Anspielung auf die Ereignisse 2014 zu verstehen sei.

Russland fühlte sich um den Sieg betrogen. Und so glaubten viele, das Land werde den ESC 2017 boykottieren. Doch dann nominierte das staatliche Fernsehen kurzfristig Julia Samoilowa. Sie war in der Vergangenheit bei einer Talentshow angetreten und hatte bei der Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi gesungen. Russische Medien meldeten ihre Teilnahme am ESC mit dem Hinweis, die Ukraine werde Samoilowa womöglich die Einreise verweigern. Der Auftritt auf der Krim ist schon lange bekannt.

Samoilowas Nominierung war also ein Coup, der die Ukraine in ein moralisches Dilemma brachte. Als das Land ihr tatsächlich die Einreise verweigerte, kommentierte das die Sängerin mit den Worten: "Welche Bedrohung sehen sie in einem kleinen Mädchen wie mir?" Die Ukraine stand als übermächtiger Staatsapparat dar. Zumal Christian Kostow, der für Bulgarien antritt, ebenfalls auf der Krim aufgetreten ist. Er war damals minderjährig und das Gesetz noch gar nicht in Kraft, die russischen Staatsmedien nannten es dennoch einen "Skandal".

Die EBU versuchte zwischen Russland und der Ukraine einen Kompromiss zu erwirken. Die Übertragung des Auftritts per Satellit lehnten jedoch beide Länder ab. Das staatliche russische Fernsehen wird den diesjährigen ESC nicht ausstrahlen. Russland provoziert so auch die Disqualifizierung für die Veranstaltung im nächsten Jahr. Doch das scheint dem Land nichts auszumachen. So kann man sich erneut als Opfer stilisieren. Eine Rolle, in der sich Russland mittlerweile offenbar genauso gut gefällt wie in der des Siegers.

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