Von Frank Nienhuysen, Moskau

Die große Toleranzprobe: Moskau versucht mit allen Mitteln, den schönen Schein zu wahren. Doch eine Schwulenparade droht die heile Welt zu zerstören.

Die Bühne ist so groß, dass nicht einmal der Alexandrow-Chor der Russischen Armee sie füllen kann. Also rücken die Choreographen noch einen rosaroten Panzer ins Bild, und die Attrappe eines Kampfjets hat in der Olimpiskij-Halle auch noch Platz. Der Eurovision Song Contest findet diesmal in Moskau statt, und ungeniert setzt der Gastgeber seine Akzente.

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Alex swings Oscar sings: Oscar Loya wird zusammen mit Kollege Alex Christensen für Deutschland beim Finale in Moskau antreten. (© Foto: dpa)

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Im offiziellen Handbuch sieht man das Denkmal einer Rakete, die mit einem langen Schweif in den Himmel fliegt; und hier auf der Erde will Russland Europa und seiner eigenen Bevölkerung beweisen, wie gut es ein ganz außergewöhnliches Spektakel organisieren kann. Nach den zwei Vorentscheidungen am Dienstag und Donnerstag wird am Samstag das Finale des europäischen Musikwettbewerbs inszeniert, das aufwendiger, größer und teurer noch nie war.

Etwa 30 Millionen Euro hat Russland in die Veranstaltung investiert und die Symptome der Wirtschaftskrise damit für ein paar Tage in den Hintergrund gerückt. Moskau stellt 60 Prozent seiner Werbetafeln für den Wettstreit zur Verfügung, im Zentrum der Stadt flattern Eurovisions-Fahnen an allen Masten. Zweimal war Ministerpräsident Wladimir Putin bereits in der Halle, wo er eine Technik bestaunte, die jedoch nicht alle für jenes "Wunder" halten, welches das Boulevardblatt Moskowskij Komsomolez in ihr sieht.

"Die LED-Wand in der Halle ist so gewaltig, dass sie dich erschlägt", sagte der deutsche Kandidat Alex Christensen der Süddeutschen Zeitung. "Man fühlt sich auf der Bühne wie verloren. Sie ist definitiv die größte, die ich je gesehen habe." Christensen wird im Finale zusammen mit Oscar Loya für Deutschland als Duo Alex swings Oscar sings auftreten, und er sagt, ihm sei bei den Gastgebern in Moskau "eine unglaubliche Akribie und Liebe" aufgefallen.

Für Russland ist der Eurovision Song Contest eine Art Pilotprojekt für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, vielleicht auch für die Fußball-WM 2018, um die sich das Land bewerben will. Jedenfalls eine gute Gelegenheit, Organisationskraft zu demonstrieren und das Ansehen in Europa zu verbessern. Das Land macht es auf seine Art.

Es bewirbt die größte Musikshow Europas mit der schönsten Frau der Welt, Xenia Suchinowa; in Fernsehspots werden Bilder vom Eishockeyteam eingestreut, das gerade Weltmeister geworden ist. Und auf den Straßen patrouillieren fast neuntausend Polizisten und Sicherheitsbeamte. Moskaus Politik ist stolz auf den Eurovisions-Karneval in der Stadt, aber sie will ihn auch kontrollieren.

Und das in allen Details: Tierschützer haben am Mittwoch die Stadtregierung beschuldigt, dass sie in den Tagen des Wettbewerbs streunende Hunde fangen und vergiften ließ. Das Straßenbild soll sauber sein. Auch andere Probleme wurden schon gelöst: Georgien zog seinen Beitrag "We Dont Wanna Put In" zurück, da die Veranstalter Textänderungen verlangt hatten. Grund war die im Refrain versteckte Kritik am russischen Regierungschef.

Doch die große Toleranzprobe steht noch bevor. Für Samstag, den Tag des Finales, planen Schwulenaktivisten eine Gay-Parade im Zentrum Moskaus. Oberbürgermeister Jurij Luschkow, der Homosexuelle einmal als Satanisten bezeichnet hatte, ließ die Parade bereits in den vergangenen Jahren verbieten, und auch diesmal bleibt er hart.

So hartnäckig wie Nikolaj Alexejew, Organisator der ungenehmigten Kundgebung. Alexejew will auf die Demonstration nicht verzichten, und er setzt auf die Hilfe des Musikspektakels. "Die Eurovision ist seit Jahren eng verbunden mit der europäischen Schwulenbewegung und sie ermöglicht uns in diesem Jahr die größtmögliche Aufmerksamkeit", sagt er. "Die Gesellschaft in Russland ist für das Thema noch nicht bereit, man muss sie dazu erst erziehen." In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Teilnehmer attackiert und kurzzeitig festgenommen.

Der Sänger Alex Christensen, dessen Duo-Kollege Oscar Loya homosexuell ist, findet, dass der Bürgermeister mit seiner Ansicht falsch liege, "aber wir müssen hier unsere Sache machen und dürfen uns nicht vor einen Karren spannen lassen." Doch die Politisierung des Musikfestes ist bereits im Gange. Die niederländische Gruppe The Toppers ließ sich vor ein paar Tagen noch fröhlich auf Fahrrädern fotografieren, und Gordon, ein Bandmitglied, sagte, "ich bin Holländer, ich bin schwul, und ich bin gerne bei der Eurovision." Inzwischen erklärte die Gruppe, dass sie das Finale boykottieren werde, falls die Schwulenparade gewaltsam auseinandergetrieben wird.

Das deutsche Jury-Mitglied Guildo Horn sagt der SZ: "Ich konnte vor Wut nicht schlafen, als ich erfuhr, dass die friedliche Schwulenparade verboten ist. Wir leben im Jahr 2009, das ist ja wie im Mittelalter." Horn ist neugierig auf Russland. "Als ich eingeladen wurde, ging es mir nicht nur um den Wettbewerb. Ich wollte unbedingt Moskau kennenlernen", erzählt er. "Einfach mal sehen, was hat sich hier verändert." Nicht alles hat ihn beeindruckt. "Die Bühne ist zwar sensationell, aber eine Riesenleinwand ist nicht alles", sagt er.

So spricht er das an, was in diesen Tagen in Moskau offensichtlich ist: Die Stadt hat bewiesen, dass sie ein Festival organisieren kann, das größer als alles Dagewesene ist. Aber sie hat vor allem gezeigt, dass sie das Gleiche liebt wie die Schlagertexter: den schönen Schein.

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(SZ vom 15.05.2009/bey/aho)