Von Klaus Karich

Am Donnerstag wird der deutsche Teilnehmer für den Eurovision Song Contest ermittelt. Heinz-Rudolf Kunze rivalisiert mit der Mädchengruppe Monrose und Roger Cicero.

Thomas Hermanns ist auch dieses Jahr der wichtigste Hoffnungsträger der ARD: Von ihm, dem Präsentator und Erfinder des über die privaten Sender populär gewordenen "Quatsch Comedy Clubs", hängt es ab, ob der öffentlich-rechtliche Sender erneut vom hip gewordenen Image des Eurovision Song Contest profitieren kann. Für das inzwischen global publikumsstärkste Popfestival, changierend zwischen Lärm, Trash in Noten und zeitweiligem Feingefühl der Performances, dessen Finale am 12. Mai in Helsinki ausgetragen wird, findet am Donnerstag die deutsche Vorentscheidung statt - mit Hermanns als Moderator.

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Aus 5 mach 1 (oder 3): Roger Cicero, Mandy Capristo (Monrose), Moderator Thomas Hermanns, Senna Guemmour, Bahar Kizil (beide Monrose) und Heinz Rudolf Kunze. (© Foto: AP)

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Zur Primetime soll ermittelt werden, wer in der finnischen Hauptstadt für Deutschland an den Start geht. Und anders als ganz früher sind tatsächlich Künstler im Rennen, die entweder Stars sind oder waren und es wieder werden könnten. Die ARD entschied sich nach einer Fülle von Avancen der Plattenindustrie abermals gegen jeden traditionellen Schlager. Denn das hat der Sender seit 1996, als seitens des NDR die Vorentscheidung zum damaligen Grand Prix Eurovision gründlich renoviert wurde, gelernt: Mit Schlagern von der Machart à la Ralph Siegels vergrault man genau jenes Publikum, das die ARD gewöhnlich nicht hat - die Jüngeren.

Man erinnert sich ungern: Bis vor elf Jahren litt dieser Sangeswettstreit unter einem Ruf, der schlimmer nicht sein konnte. Mit der steten Abkehr von einer Musikfarbe, die nur noch in Volksmusiksendungen zum Auftritt zu hören ist, gelang der ARD alljährlich eine quotensatte Show, die an die Werte von "Wetten, dass...?" heranreicht.

Stabilisiert durch Entertainer wie Guildo Horn (1998), Stefan Raab (2000), Michelle (2001), Max Mutzke (2004) und Texas Lightning im vorigen Jahr waren für die Publikumserwartung auch No-Name-Blüten wie Sürpriz (1999), Corinna May (2002), Lou (2003) oder Gracia (2005) verkraftbar. Der Eurovision Song Contest wurde auch in der Musikindustrie als Format anerkannt, wie es zuletzt in den 1960er-Jahren der Fall war. Mit dem Sieg der finnischen Gothic-Band "Lordi" löste man sich endgültig vom Schmäh, ein internationales Schlagerkarussell zu sein.

Kein Wunder, dass dieses Jahr auch Heinz-Rudolf Kunze ("Dein ist mein ganzes Herz") sich nicht lange bitten ließ, am Vorentscheid teilzunehmen: Früher, teilte er mit, habe der Grand Prix "mit der Musikwirklichkeit draußen nichts zu tun" gehabt. Das war, als Trends wie die Neue Deutsche Welle verschlafen wurden. Erst durch Guildo Horn und Raab sei der Grand Prix für ihn "begehbar" geworden. Das Misstrauen, sein Auftritt solle nur seinen dritten Frühling als Musiker befördern, kann er nicht verstehen: Er wolle gewinnen, nicht nur teilnehmen. Genau den gleichen Spruch hat man zuletzt von Florian Henckel von Donnersmarck gehört, bevor er zur Oscar-Verleihung reiste - das Resultat ist bekannt.

Schlager sind die Pest

Die Rivalen des singenden Exkanzlerverehrers sind derer zwei: Das vor kurzem aus einem Castingwettbewerb hervorgegangene Girltrio Monrose und der Swing-Entertainer Roger Cicero. Wer gewinnt, ist tatsächlich offen: Im Vorjahr konnten sich die favorisierten Vicky Leandros und Thomas Anders nicht gegen Künstler durchsetzen, die am Abend ihres Auftritts frischer als beide altgedienten Showgrößen wirkten. Die Band No No Never siegte 2006 in Hamburg haushoch. Ihr Titel war (trotz des international in Athen eher enttäuschenden 17. Rangs) in den Charts der erfolgreichste deutsche Eurovisionssong seit Connie Froboess' "Zwei kleine Italiener" im Jahre 1962.

Beim NDR beschränkt man sich bewusst auf nur drei handverlesene Kandidaten, weil man nicht mehr mit juvenilen Formaten konkurrieren will: vor allem nicht mit Stefan Raabs Bundesvision Song Contest, den der erfolgreichste Unterhaltungsmusiker der neunziger Jahren vor zwei Jahren ins Leben rief. International, so Raab, würde abgewatscht, was in Deutschland die Nummer eins sei. Bei der Bundesvision aber, so kalkulierte der NDR, kommen nur Acts auf die Bühne, die im weitesten Sinne an den Wünschen des ARD-Programms vorbeigehen. Raabs Alternativwettbewerb fand im Februar tatsächlich lediglich bei gut zwei Millionen Zuschauer Beachtung - viel zu wenig, um selbst die deutsche Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest zu toppen.

Umrahmt wird die Show aus dem Hamburger Schauspielhaus wie im Vorjahr von Altgedienten des Schlagergewerbes - auch wenn sie alle selbst in jugendlichen Kreisen eine gewisse Kredibilität genießen. Dieses Jahr treten Wencke Myhre, Gitte Haenning und Siw Malmkvist auf - alle drei selbst einst in deutschen Grand-Prix-Diensten. Einerseits wird also die Nostalgieecke bedient, andererseits hofft man, dass der deutsche Siegertitel von einem Publikum angenommen wird, das volkstümlichen Schlager eher für eine Pest hält. Dann würde ein international mäßiges Abschneiden auch nicht schaden, wie vergangenes Jahr bei Texas Lightning mit Olli Dittrich am Schlagzeug.

Der NDR gibt sich zuversichtlich: Alle drei Wettbewerber gelten als sympathisch, was sie von allen unterscheide, heißt es dem Vernehmen nach, die bei Raabs Bundesvision mitgemacht haben. Favorisiert ist niemand, Roger Cicero aber hat die größte Live-Erfahrung , was immer ein Trumpf ist. Gegen Kunze spricht jedenfalls nicht sein Alter: Die populärsten Eurovisionssieger der letzten Jahre waren die Olsen Brothers aus Dänemark und die waren wie der Hannoveraner Musiker längst dem Teeniealter entwachsen.

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(sueddeutsche.de)