Um solchen Bedrohungen auch bei Musikern zu begegnen, gilt seit dem 15. Februar 2008 die EU-Richtlinie "zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen". Sie schreibt als Obergrenze 87 dB vor. Durch Orchesterumstellungen, architektonische Korrekturen, Trennwände und Schallabsorbierungsmaterial in den Operngräben und endlich durch persönlichen Gehörschutz ließe sich manches verbessern, wobei immer entscheidend bleibt, wie es klingt.
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Auf Podien kann man durch panoramatische stufenförmige Aufstellung immerhin erreichen, dass dem Vordermann nicht direkt ins Ohr geblasen wird. Außerdem können die Abstände zwischen den Musikern vergrößert werden. Wer dann noch sozusagen in den Schalltrichtern des Blechs sitzt, kann sich individuell angemessene Otoplastiken in die Ohren stecken, die sich dem Klanggeschehen linear anpassen. Trotzdem schätzen etwa Oboisten und Fagottisten solcherart Stöpsel nicht, weil sie zum Anblasen des Doppelrohrblattes einen enormen Binnendruck erzeugen müssen, der sich unangenehm im gedackten Ohr auswirkt.
Nach Bayreuth-Aufführung so gut wie taub
Bläser klagen sowieso, dass Ohrdämpfer den Körperschall ungünstig verstärkten. Klang wird nicht nur durchs Gehör wahrgenommen, sondern auch über die Knochen. Da Bläser ihre Instrumente an die Kiefer anlegen, liefern die Tonemissionen über die Knochen verzerrte Klangbilder. Für den tauben Beethoven war aber der Körperschall die letzte Möglichkeit, Klang wahrzunehmen. Er klemmte sich Holzstäbe zwischen die Zähne, hielt sie ins Klavier und konnte so wenigstens an den Vibrationen teilhaben.
Auch Plexiglasschilde hinter den Spielern verstärken eher den eigenen Schall, auch wenn sie vorm "Krach" anderer schützen mögen. Am lautesten geht es im Operngraben zu. Da häufen sich die Probleme: Viele Gebäude sind denkmalgeschützt, für das Orchester gibt es wenig Platz, architektonische Eingriffe sind sehr begrenzt möglich. Hier kann schallabsorbierendes Material helfen.
Der märchenhafte Mischklang im Bayreuther Festspielhaus, der aus dem berühmten mystischen Abgrund des verdeckten Grabens herauftönt, hat für Spieler und Dirigenten offenbar mehr mit der Hölle zu tun: "Als ich zum ersten Mal in Bayreuth war, sagte ich nach der zweiten Probe allen Ernstes zu Wolfgang Wagner, ich möchte am liebsten wieder nach Hause fahren. Ich war todunglücklich und kam mir völlig verlassen und hilflos vor. Es war ein unwahrscheinlicher Lärm in diesem kleinen Orchesterraum, und durch den Deckel klang alles wie in einem Topf, aus dem nichts herauskommt. Von der Bühne hörte ich so gut wie gar nichts. Allmählich gewöhnte sich das Ohr daran, auch an das überlaute Blech, das so laut sein muss, weil die Bläser sehr weit weg und vor allem sehr tief unten sitzen. Diese Bläseraufstellung ist ein Problem für sich: Es ist für die Musiker genauso unbequem, so steil nach oben zum Dirigenten zu schauen, wie für den Dirigenten, so tief nach unten zu sehen. Sie können sich vorstellen, dass man, wenn sozusagen aus dem Keller ein massiver Klangrausch an die Ohren dröhnt, von der Bühne kaum noch etwas hört."
So hat der große Dirigent Rudolf Kempe seine ersten Bayreuth-Erfahrungen beschrieben. Und Christian Thielemann hat sinngemäß gesagt, man sei nach einigen Bayreuth-Aufführungen quasi taub und müsse sich erholen. Viele Musiker tragen dort Otoplastiken.
Erholungspausen sind sehr wichtig: In Deutschland gelten bei einer 35-Stunden-Woche derzeit pro Woche bis zu acht Orchesterdienste von maximal drei Stunden. Zwischen den Diensten sollen vier Stunden Ruhepause und eine 11-stündige Nachtruhe gelten. Solche Regularien mögen komisch anmuten, doch sichern sie ein Mindestmaß an Schutz. In dienstfreien Zeiten kommen ja noch Üben, Unterrichten oder Kammermusik hinzu. Welche Wirkung Schallgewalt auslösen soll, zeigt der Fall in Kopenhagen 1994, als während einer "Tannhäuser"-Aufführung im Park ein Okapi-Jungtier im nahen Zoo nach einigen Takten angeblich einen tödlichen Schock erlitt.
Anhebung der Orchestergräben
Das einfachste wäre eine Anhebung der Orchestergräben. Der Kontakt zwischen Bühne und Musikern würde sich verbessern. Doch werden die teuren Plätze der ersten Reihen stärker beschallt, so dass dort die Sänger schlechter zu hören sind. Die wiederum haben Angst, dass Orchester dann überhaupt zu laut sind. Musizieren ist eben keineswegs einfach gesund. Etwas von der Gefährlichkeit des Schönen, siehe den Gesang der Sirenen, haftet aller Musik an. Um dieses Singen ohne Schaden erleben zu können, ließ sich Odysseus an den Schiffsmast fesseln. Zuvor verschlossen seine Kameraden die Ohren mit Wachs. So hörten sie nichts vom tödlichen Gesang und nicht das Flehen ihres Chefs, ihn loszubinden.
Orchestermusik ist auch bei Proben keine Dauerveranstaltung in gleichbleibender Lautstärke, sondern immer ein komplexer Prozess, in dem das Lauteste meist den relativ rasch vorübergehenden Höhepunkt darstellt. Leider beherrschen nur wenige Dirigenten die Kunst des Strukturierens nach Klang, Dynamik und Artikulation. Gipfelentladungen können ihre Macht sowieso nur entfalten, wenn sie über die unendlich vielen Stufen des Leisen vorbereitet wurden. Kein Wunder, dass den größten Dirigenten nachgerühmt wird, Sänger und Solisten nie zuzudecken, also die Orchester nicht zu forcieren, sondern dafür ihr Potential an Klangdifferenzierung auszuschöpfen.
Übrigens wird die erste, gleich finale Lärmschutzmaßnahme aus dem Gilgamesch-Epos, rund 3000 v. Chr., überliefert: "In diesen Tagen wimmelte es nur so auf der Erde, die Welt brüllte wie ein Stier und der große Gott wurde durch den Lärm gestört. Enlil hörte das Getöse und sagte zu den Göttern im Rat: ,Dieser Tumult der Menschheit ist unerträglich und es ist nicht mehr möglich zu schlafen.' Und so wurden die Götter bewegt, die Flut zu schicken."
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- Vienna Symphonic Library Auf der Suche nach dem perfekten Klang 17.06.2007
- Jobatlas So ein Lärm 23.04.2002
(SZ vom 25.2.2008/kur)
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