Mit Ohrstöpsel im Klanggetöse: Eine Tannhäuser-Aufführung kann das Gehör eines Orchestermusikers schwer beschädigen - und selbst ein Zootier töten. Jetzt soll eine EU-Richtlinie Abhilfe schaffen.
Gajus Julius Cäsar verfügte 44 v. Chr. im Senatus Consultum: "Von jetzt ab sind keinerlei Räderfahrzeuge innerhalb der Stadtgrenzen von Sonnenaufgang bis eine Stunde vor der Dämmerung zugelassen... Die in der Nacht hereingekommenen Fahrzeuge, die zur Morgendämmerung noch in der Stadt sind, müssen anhalten und leer stehen bleiben bis zur angegebenen Stunde." Es war die erste offizielle Lärmverordnung, der im Laufe der Geschichte zur Dämpfung des Krachs weitere folgten, vor allem mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem Verkehr, von dem die Städte seit alters ohrenbetäubend widerhallen.
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Musik hat nicht nur heilende Wirkung: Jetzt will die EU mit einer Richtlinie Orchestermusiker vor Lärmbelastung schützen. (© Foto: dpa)
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Dass auch Musik enorme Lautstärken erreichen kann, davon können Popmusiker und ihre tinnitusgeplagten Fans mehr als ein Lied singen. Ein hoher Prozentsatz der Jugendlichen, die regelmäßig Discos besuchen, leidet unter der "Kesselmacher-Krankheit". Der Name stammt aus jener Zeit, als in Fabriken Kessel zusammengenietet wurden und das Gros der Arbeiter daher unter schweren Gehörschäden litt.
Auch im Orchester und im Operngraben kann es etwa bei Wagner, Strauss oder Puccini zu Dezibelspitzen kommen, die nahe an den Startsound eines Düsenjets heranreichen. Dass solche Lautstärken nicht spurlos am Gehör der Ausübenden vorüberziehen, ist klar.
Der kanadische Komponist und Kommunikationswissenschaftler Murray Schafer sieht das Entstehen immer klangstärkerer Instrumente und das Anwachsen der Orchestergröße im 19. Jahrhundert parallel zur Industrialisierung und zitiert den Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick, der die Entwicklung des modernen Flügels nicht nur begrüßte: "Erst in unseren Tagen gewann dieses Instrument offensive Kraft und leider auch offensiven Charakter."
Querflöte als Presslufthammer
Im ersten Moment erscheint die Idee eines Dezibelgrenzwertes für sogenannte Klassische Musik abwegig. Doch ab 87 dB wird es gefährlich und bei längerer Dauer oder beim Darüberhinausschreiten - bei Wagner oder Strauss kann das öfter bis zu 110 dB und mehr gehen -, droht irreparabler Schaden. Doch 87 dB einzuhalten, meint Lorin Maazel, sei nicht zu verwirklichen.
Dass man nicht alles abgedimmt musizieren kann, dass Musikschall und Maschinenlärm nicht nach gleichen Parametern beurteilt werden können, liegt auf der Hand. Bernhard Richter, Professor am Freiburger Institut für Musikermedizin, hat allerdings festgestellt, dass viele Musiker sich zwar Gedanken darüber machten, ob durch zu laute Musik das Gehör geschädigt wird, aber nur ein Sechstel wendete personenbezogenen Hörschutz an.
Viele meinen, die größte Lärmexposition ginge von den Kollegen aus. Doch die erste Quelle ist das eigene Spiel. Geiger zum Beispiel werden asymmetrisch auf dem linken Ohr belastet durch die links gehaltene Violine. Blechbläser, denen auch mögliche Zwerchfellrisse drohen, dröhnen sich mit dem eigenen Instrument voll, dessen Klang ihnen aber angenehm ist. Auch die vermeintlich zarte Flöte macht überraschend viel "Krach", sie kommt im Fortissimo mit bis zu 118 dB an Presslufthammer heran. Sitzt der Flötist direkt vor den Trompeten, hinter denen meist die Pauken stehen mit ihrem Donnerpotential, ahnt man, was an Klangmasse auf die Ohren von Flötisten und anderer Holzbläser einstürzen kann.
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