Essayistik Die Diva sagt Nein

Am Sonntag erhält die herauragende Berliner Lyrikerin Monika Rinck den Kleist-Preis. "Risiko und Idiotie" heißt ihr neuer, herrlich überspannter Aufsatzband mit gesammelten "Streitschriften", wie sie das nennt.

Von Ina Hartwig

Eine Dichterin wie Monika Rinck überlässt nichts dem Zufall. Der Titel ihres neuen Essaybandes heißt "Risiko und Idiotie"; die Vokale O und I beherrschen die Binnenreim-Mikropoesie des Begriffsduos. Das klingt gut, sehr gut sogar, I-I-O und I-O-I. Nun aber beginnt es kompliziert zu werden, denn was tut die seltsame Gegenwart mit dem guten Klang, mit der Lautpoesie der Gedanken, mit dem Gedicht? Das Gedicht, eindeutig der wahre Held dieser Essays, spendet denen Trost, die es zu lesen verstehen, und produziert Unverständnis bei den anderen. Sind die anderen, die Nichtverstehenden, deshalb Idioten? Eben nicht.

Der Idiot, so Monika Rincks Kunstgriff, ist einerseits die Dichterin selbst, ein bisschen aber wohl auch der Leser und die Leserin. "Wollen Sie mein Idiot sein? Wollen Sie im herrschaftsfreien Diskurs mein Idiot sein?", wendet die Autorin sich eingangs an uns. Als Idiot marschiert sie dann durch ihre neue Essaykollektion und lotst uns, die Leser, durch ihre "innere Weltausstellung", das heißt: durch einen Rezeptions- und Denkraum, der sich mal zu einer giftigen Wolke verdichtet, dann wieder fröhliche Angebote zur Subversion macht, ja, hinreißende Fabeln der Geistesgegenwart liefert.

Konstatiert wird eine "Konjunktur des Idioten", dem sich Denker und Philosophen antrügen: dem "Außenseiter, der alle überragt!" Dies ist also sein Geheimnis, er bleibt außen vor, aber als Überlegener. Allerdings könnte Monika Rinck auch als Idiotin, als Hofnärrin des Literaturbetriebs auftreten; die neutralisierende Position scheint aber Vorteile zu bringen. Wichtig: Mit einer Defeminisierung geht das nicht einher. Erinnert sei an ihren viel gelobten Essayband "Ah, das Love-Ding!" (2006), in dem Monika Rinck, auf Roland Barthes Spuren wandelnd, die Liebes- und Geschlechterhierarchie bereits umfänglich durchgearbeitet hat - erledigt. Das Neutrum, und hier greift sie doch noch einmal auf Barthes zurück, ermöglicht eine veränderte, verändernde Perspektive. Daher: der Idiot. Er ermöglicht ein Denken ohne Genderhierarchie.

Die Lust am Text, gerettet für das Unrettbare: die Berliner Lyrikerin Monika Rinck.

(Foto: Jürgen Bauer/SZ Photo)

Bei aller sprachlichen Verschlüsselung, virtuosen Spielerei, bei aller postheroisch abgeklärten Witzelei: Die Zustandsbeschreibungen, auf die man in diesen Essays stößt, sei es über die "Intelligibilität des Tötens" in den gegenwärtigen Kriegen, sei es über "das Auseinandergehen von Geistes- und Naturwissenschaften, deren jeweilige Vertreter sich zuweilen äußerst feindlich gegenüberstehen (wobei vor allem auf die Geisteswissenschaften ein neuer Legitimationsdruck ausgeübt wird)", zeigen, dass Monika Rinck die Gegenwart mit ernstem Blick betrachtet.

Den Realitätstest besteht sie jederzeit. Nur dass sie sich der funktionellen Sprache radikal verweigert, aus Misstrauen. Im Kern dieses Misstrauens steckt aber ein emphatisches Verhältnis zur poetischen Sprache, deren Ort in der sozialen Realität eben schwer zu fassen sei. Die "asoziale Poetik", im Unterschied zur "sozialen Poetik", erzeugt eine spürbare Nervosität. "Poetisches Denken", schreibt Rinck in Anlehnung an eine Bemerkung aus Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen, "betreibt eine Kritik, die jedes Wort treffen muss, sodass es eigentlich ein innerer Prüfungsaufbau, eine Form des Misstrauens ist." Hinzuzufügen wäre: Misstrauen, das umschlägt in Schönheit.

Am kommenden Sonntag wird der seit vielen Jahren in Berlin-Moabit lebenden Monika Rinck im Berliner Ensemble der Kleist-Preis verliehen. Da passt es doch sehr gut, dass sie sich im jüngsten Essayband als radikale Zeitgenossin zu erkennen gibt, die sich ihrer Randexistenz bewusst ist, darunter leidet, durchaus, aber nichtsdestotrotz fortfährt, Funken aus der durch keine Gruppenidentität überwindbaren Einsamkeit zu schlagen. Die Frage: "Welcher Art ist das Gelenk zwischen Werk und Biografie?" bleibt, letztlich, unbeantwortbar. Monika Rinck bohrt aber weiter, mit besten Grüßen an Jacques Lacan: "Kettet es (das Werk) das Imaginäre ans Symbolische?" Zwischen Text und Leben, daran erinnert die Autorin mit Nachdruck, steht die Arbeit. Sie wird zu oft vergessen und ist doch das Wesentliche eines derart produktiven Lebens.

Monika Rinck: Risiko und Idiotie. Streitschriften. Kookbooks Verlag, Berlin 2015. 272 Seiten, 19,90 Euro.

Hier gelingt das Kunststück: ein intellektuelles Großgedicht aus streng geprüften Begriffen

Das Risiko übrigens stammt als Begriff ursprünglich aus der Kaufmannssprache des 16. Jahrhunderts, wie wir belehrt werden. Und das Risiko des Dichters? Er "erntet Unverständnis" und kommt finanziell auf keinen grünen Zweig, und doch ist sein Risiko relativ, weil jedem Verstehen, wie Wilhelm von Humboldt zustimmend zitiert wird, ohnehin ein Stück Nicht-Verstehen innewohnt. Oder mit Jean Paul gesagt: "Ich fange immer wieder von vornen an, dum zu sein." Und um der Idiot unter lauter Fachleuten zu bleiben, denn das ist das Credo dieser Essays, muss man gegebenenfalls einen idiotischen Job annehmen, zum Beispiel bei einem Spartenradio, wie unsere Dichterin. Auch deshalb versteht sie etwas von den Halluzinationen des erschöpften Subjekts.

Ein besonders anrührender Essay des Bandes heißt "Das Prinzip Diva". Dieses Prinzip repräsentiert auf dem sozialen Feld, was das Gedicht auf dem der Sprache leistet. Denn die Diva ist eine, die Nein sagt zu den "falschen Kooperationsangeboten". Der Idiot ist verliebt in die Diva, klarer Fall. Die Lage wird wie folgt beschrieben: "Vielerorts beobachtet der Idiot eine nicht ressentimentfreie Leidensmystik - oder wenn Sie so wollen: einen gewohnheitsmäßigen Masochismus, der auf dem Anspruch beruht, dass einem für das ertragene Leiden auf der anderen Seite etwas gutgeschrieben werde müsse, wobei auf die Enttäuschung dieser Logik unweigerlich Verbitterung folgt." Merke: Nur die Diva schafft es, "den Verlockungen der Spaltung nicht nachzugeben, sondern die Gegensätze in eine zu haltende Spannung zu bringen - weil das Leben in jedem Moment das Ganze ist."

Man wird diese herrlich überspannten "Streitschriften", wie der Untertitel des Buches lautet, nicht auf eine Formel bringen können. Sagen wir es so: Monika Rinck gelingt das Kunststück, mit kulturkritisch streng geprüften Parametern und Begriffen ein intellektuelles Großgedicht zu schreiben. Der Essay als Literatur zweiten Grades oder auch: die Lust am Text, gerettet für das Unrettbare. Der Essay aber auch als geistiges Hinterland der Lyrik. Das alles ist ungeheuer turbulent, atemberaubend klug, auch mal überkandidelt, dabei immer anregend, gebildet, stolz, überschwänglich und traurig. Früher hieß das dialektisch - heute: Diva. Bleibt nur, dem Idioten, der Diva und der Dichterin ein schönes Fest zu wünschen.