Essay von Pamuk "Hüzün", das Istanbul-Gefühl

Der Hauptunterschied im Gebrauch der beiden Wörter besteht darin, dass Burton, der sich ja selbst etwas darauf zugute hielt, melancholisch veranlagt zu sein, die Melancholie - da sie zu glücklicher Einsamkeit führe und die Phantasie befördere - an mancher Stelle fröhlich bejaht und überhaupt die Einsamkeit als Herzstück der Melancholie ansieht, gleichviel ob sie nun Ursprung oder Folge dieses schwarzen Gefühls ist.

Das schwarze Gefühl

Hüzün dagegen wird sowohl im Sufismus (man wird von Hüzün befallen, weil man vom gemeinsamen Ziel, nämlich Gott, weit entfernt ist) als auch bei El Kindi, der das Gefühl als Krankheit auffasst, und überhaupt in der klassischen islamischen Denkschule an den Werten der Gemeinschaft gemessen und somit nur begrüßt, wenn dadurch eine Rückkehr in die Gemeinschaft begünstigt wird; aber letztlich steht Hüzün doch zur Gemeinschaft im Widerspruch.

Nun kommen wir zu dem, was die Melancholie letztlich von Hüzün unterscheidet. Thema ist nicht mehr die von einer Einzelperson wahrgenommene Melancholie, sondern das von Millionen Menschen zugleich empfundene schwarze Gefühl, der Hüzün einer ganzen Stadt, der Hüzün von Istanbul.

Wir lassen also die Momente und Orte Revue passieren, an denen dieses Gefühl sich am deutlichsten manifestiert. Diese Szenerie, das sind früh hereinbrechende Abende,

Familienväter, die in einem Vorort mit einer Tüte in der Hand an einer Straßenlaterne vorbei ihrem Heim entgegenstreben, alte Buchhändler, die während einer der zahlreichen Wirtschaftskrisen in ihrem Lädlein frieren und den lieben langen Tag vergeblich auf Kunden warten,

Friseure, die darüber jammern, dass in solchen Krisen die Kunden sich immer seltener blicken lassen, an verwaisten Anlegestellen vertäute alte Bosporus-Dampfer,

Schiffer, die beim Putzen auf einen kleinen Schwarzweißfernseher schielen und sich wohl bald auf dem Schiff zu einem Nickerchen zurückziehen werden, enge Pflasterstraßen,

Frauen mit Kopftuch, die mit einer Plastiktüte in der Hand an abgelegenen Haltestellen auf einen ewig nicht kommenden Bus warten, ohne miteinander ein Wort zu wechseln, bis auf den letzten Platz mit Arbeitslosen gefüllte Teehäuser,

Zuhälter, die an Sommerabenden geduldig den größten Platz der Stadt abschlendern, bis ihnen ein betrunkener Tourist in die Fänge geht, Menschenmengen, die an Winterabenden zu den Dampfschiffen eilen,

Frauen, die abends immer wieder durch den Vorhang auf die Straße spähen, weil ihre Ehemänner so lange ausbleiben,

bemützte alte Männer, die in Moscheehöfen religiöse Schriften, Gebetsketten und Pilgeressenzen verkaufen,

zehntausende einander gleichender Mietshauseingänge, in Amtsgebäude umgewidmete Holzpalais, in denen es bei jedem Schritt erbärmlich knarrt,

kaputte Wippen in verödeten Parks, durch den Nebel tönende Dampfschiffsirenen, zerfallende byzantinische Stadtmauern, sich abends leerende Marktplätze,

Möwen, die im Regen auf muschel- und moosüberzogenen verrosteten Pontons verharren, Männer, die von der Galata-Brücke aus angeln,

Straßen, auf denen nach Sonnenuntergang keine einzige Frau mehr zu sehen ist,

Trauben von Männern, die an lauwarm windigen Tagen vor den staatlich kontrollierten Bordells warten,

junge Frauen, die vor Läden mit Billigfleisch Schlange stehen, die fahlen Lichtlein der Leuchtspruchbänder, die an religiösen Feiertagen zwischen Minaretten aufgehängt werden, eingerissene, vollgeschmierte Maueranschläge,

amerikanische Straßenkreuzer aus den fünfziger Jahren, die sich als Sammeltaxis durch schmutzige, steile Straßen quälen und im Westen höchstens noch im Museum zu sehen wären,

Moscheen, denen fortwährend die Bleiabdeckungen und die Regenrinnen weggestohlen werden, Friedhöfe, die mit ihren Zypressen ein ganz eigenes Dasein führen, Lichter, die abends matt von den zwischen Kadiköy und Karaköy verkehrenden Dampfern herüberscheinen,

Kinder, die auf der Straße Papiertaschentücher feilhalten, Uhrtürme, auf die niemand schaut, Schüler, die im Unterricht von osmanischen Siegen hören und zu Hause geprügelt werden, leere Straßen, wenn Volkszählungen und Terroristensuche als Vorwand für Ausgangssperren dienen und die Leute daheim bange auf die "Amtspersonen" warten,

Leserbriefe, die in einer Ecke der Zeitung völlig unbeachtet bleiben, auch wenn darin geklagt wird, die Kuppel der dreihundertsiebzig Jahre alten Moschee des Viertels sei einsturzgefährdet und dagegen müsse doch etwas unternommen werden,

der Mann, der seit geschlagenen vierzig Jahren an ein und derselben Stelle Ansichtskarten von Istanbul verkauft, beißender Uringestank, der einem auf Dampfern, in Passagen und Durchgängen plötzlich in die Nase fährt,

junge Mädchen, die in Hürriyet die Kolumne der Briefkastentante lesen, Sonnenuntergänge, die auf die Fenster von Üsküdar ein rötliches Orange zaubern,

die frühesten Morgenstunden, in denen außer den aufs Meer hinausziehenden Fischern noch kein Mensch auf den Beinen ist, zwei Ziegen und drei gelangweilte Katzen, die im Pseudo-Tiergarten des Gülhane-Parks ihr Leben fristen,

drittklassige Sänger, die in Vergnügungslokalen amerikanischen Vorbildern und türkischen Popstars nacheifern, und erstklassige Sänger, Schüler, die sich sechs Jahre lang in nicht enden wollenden Englischstunden zu Tode langweilen und am Ende kaum mehr herausbringen als yes und no,

am Galata-Kai wartende Einwanderer, an Winterabenden nach Marktende herumliegende Obst- und Gemüsereste, Papierfetzen, Plastiktüten, Säcke, Kisten und Schachteln, hübsche Frauen mit Kopftuch, die auf dem Markt verschämt zu feilschen versuchen,

junge Mütter, die mit drei kleinen Kindern auf der Straße nur mühsam vorankommen, der Anblick, den das Goldene Horn bietet, wenn man von der Galata-Brücke aus in Richtung Eyüp blickt, Simit-Verkäufer, die versonnen in die Gegend starren, während sie am Bosporusufer auf Kunden warten,

Dampfersirenen, die alle zugleich ertönen, wenn am Todestag Atatürks die ganze Stadt in einer Schweigeminute verharrt, jahrhundertealte Stadtteilbrunnen, die ohne ihre längst entwendeten Wasserhähne nur noch Marmorhaufen sind und noch dazu nicht erhöht dastehen wie einst, sondern abgesenkt, weil das Pflaster daneben vielfach überteert wurde,

Häuser in Nebenstraßen, in denen zu meiner Kindheit noch Familien der Mittelschicht wohnten und Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer abends mit ihren Frauen und Kindern Radio hörten, während heute die ehemaligen Wohnungen mit Näh- und Knopflochmaschinen vollgestellt sind, an denen junge Mädchen für den niedrigsten Lohn der ganzen Stadt bis in den Morgen hinein arbeiten, damit irgendein Auftrag fertig wird, der heruntergekommene Zustand, in dem sich alles und jedes befindet,

die Störche, die sich im Spätsommer aus dem Balkan und aus Ost- und Nordeuropa in Richtung Süden aufmachen und beim Überfliegen des Bosporus und der Prinzeninseln von ganz Istanbul beobachtet werden, und schließlich die Männerscharen, die nach Fußball-Länderspielen rauchend nach Hause ziehen.

Wie ein hauchdünner Dunst

Wenn man das Gefühl, das von all diesen Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und sich über die Stadt verströmt, erst einmal tief in sich aufgesogen hat und es wirken lässt, dann wird man irgendwann, wohin man auch blickt, in der Lage sein, es förmlich zu sehen, so wie man an kalten Wintermorgen, wenn plötzlich die Sonne durchbricht, über den Wassern des Bosporus zitternd einen hauchdünnen Dunst aufsteigen sieht.

Hier grenzt sich Hüzün deutlich von der Melancholie ab, die nur den Seelenzustand eines Individuums darstellt, und nähert sich der Bedeutung eines ähnlichen Begriffes an, der von Claude Lévi-Strauss in seinen "Traurigen Tropen" verwendet wird. Wenn sich auch das am 41. Breitengrad gelegene Istanbul vom Klima und den Lebensbedingungen her nicht mit tropischen Städten vergleichen lässt, fühlt man sich durch das Prekäre des Istanbuler Lebens, die Distanz zu den westlichen Metropolen, die für Europäer erst einmal schwer verständliche "geheimnisvolle Aura" der zwischenmenschlichen Beziehungen und das Hüzün-Gefühl an die von Lévi-Strauss gemeinte tristesse erinnert.

Hüzün ist genauso wie tristesse ein treffender Begriff, um nicht vom als Krankheit empfundenen Leiden eines Einzelnen zu sprechen, sondern von millionenfach erlebter Kultur, Atmosphäre, Empfindung.

Der kennzeichnende Unterschied zwischen den beiden Termini ergibt sich nicht daraus, dass Istanbul so viel wohlhabender wäre als Delhi oder Sao Paolo (in den Außenbezirken gleichen sich die Formen der Armut und die Städte als solche ohnehin), sondern aus der Fülle der in Istanbul anzutreffenden Überreste historischer Siege und alter Zivilisationen.

Neben den großen Moscheen und geschichtsträchtigen Bauten erinnern nämlich an allen Ecken und Enden der Stadt auch zahllose Gewölbe, Brunnen und kleinere Moscheen - wie vernachlässigt, unbeachtet und zwischen Betonklötzen eingepfercht sie auch sein mögen - die zwischen ihnen lebenden Millionen von Menschen schmerzlich daran, dass sie Überbleibsel eines großen Reiches sind.

Dies ist die gekürzte Fassung der Rede, die Orhan Pamuk am gestrigen Sonntag im Rahmen der Berliner Lektionen gehalten hat.

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.