Essay über den Balkan Wiener Kongresschen

Flüchtlinge helfen einander, den Stacheldraht an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien zu überwinden.

(Foto: dpa)

In keinem Gebiet Europas wurden zwischen 1878 und 2000 so viele Grenzen so oft neu gezogen wie in den Ländern, die heute auf der Balkanroute der Flüchtlinge liegen. Die Zersplitterung ist heute noch zu spüren.

Von Gustav Seibt

Immer wenn die Zusammenarbeit in der Europäischen Union misslingt, kehren die älteren, überwunden geglaubten Strukturen der europäischen Geschichte wieder zurück. Das flackerte 1990 auf, als der französische Präsident Mitterrand und die britische Premierministerin Thatcher überlegten, zusammen mit der Sowjetunion die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern - die Entente Cordiale von 1914 schien aus dem Grab zu winken, ein Albtraum für Deutschland. Das konnte im Zwei-plus-vier-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, vor allem durch die Einbeziehung der USA, abgewendet werden.

Als dann Jugoslawien zerfiel, brachen Konfliktlinien auf, die ebenfalls an die Zeit vor 1914 erinnerten: Deutschland und Österreich drangen auf Anerkennung von Slowenien und Kroatien, während England und Frankreich Geduld für Serbien zeigten, den inneren Hegemon des jugoslawischen Staates. Kroatien und Slowenien waren Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gewesen, während das erst 1878 aus dem Osmanischen Reich herausgelöste Serbien ein Feind Österreichs blieb. Man konnte um 1995 den Eindruck gewinnen, die Außenämter von Paris und London würden alte Tischvorlagen des 19. Jahrhunderts aus den Schubladen ziehen. Wiederum löste Amerika das Problem, unter Zugzwang gesetzt von der Maßlosigkeit des serbischen Diktators Milošević und seiner mörderischen Helfershelfer.

Damals kam es zu einem ersten Murren Russlands, das in Serbien einen alten Verbündeten sah. Ungarn, das zweite Hauptland der K.-u.-k.-Monarchie, hatte 1919 im Vertrag von Trianon zwei Drittel seines historischen Staatsgebietes verloren - ein spektakulärer, bis heute nicht geheilter Eingriff in die Landkarte des Balkans. Auch Ungarn war traditionell antiserbisch, vor allem aber anti-osmanisch. Denn Ungarn hatte seit dem späten 15. Jahrhundert die Hauptlast der europäisch-christlichen Verteidigung gegen die osmanisch-türkische Vormacht zu tragen, die seit der Eroberung Konstantinopels 1453 immer wieder an die Donau vorstieß. Die größten Teile des südslawischen Balkans einschließlich Griechenlands hatte der Sultan schon seit dem 14. Jahrhundert unterworfen.

In keinem Gebiet Europas wurden seit 1878 so oft Grenzen neu gezogen wie auf dem Balkan

Damit verkomplizierte sich auch die Religionsgeografie der Gebiete zwischen der Donau und der Ägäis durch den muslimischen Anteil. Der Balkan war im Frühmittelalter teils von Byzanz, teils von Rom aus christianisiert worden. Diese Glaubensspaltung wirkt sich bis heute in der Ausrichtung der serbischen Orthodoxie nach Moskau, dem Erben von Byzanz, aus, während Kroatien und Slowenien römisch-katholisch sind - ein wichtiger Faktor beim Zerfall Jugoslawiens. Denn der rabiate serbische Nationalismus ist auch religiös grundiert, verschärft durch den geringeren Grad der Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt im orthodoxen Kulturraum. Dass Serbien eine starke antimuslimische Tradition hat, hat sich in den Massenmorden der Neunzigerjahre grausam bewahrheitet - auch sie reicht bis ins Spätmittelalter zurück.

All diese Friktionen zwischen Völkern, Sprachen, Religionen erbte Europa seit dem Zerfall des Osmanischen Reichs, der sich über das lange 19. Jahrhundert erstreckte und erst 1920 mit der Gründung der modernen Türkei seinen Abschluss fand. In keinem Gebiet Europas wurden zwischen 1878 und 2000 so viele Grenzen so oft neu gezogen wie in den Ländern, die heute auf der sogenannten Balkanroute der Flüchtlinge liegen. Der Balkan wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zur weichen Stelle oder auch zum Pulverfass des europäischen Gleichgewichts. Hier rückten nach dem Wiener Kongress von 1815 die Interessensphären Russlands und Österreichs einander immer näher, im gleichen Maß, wie das Osmanische Reich schwächer wurde. Russland verstand sich nicht nur als Schutzmacht der christlichen Serben, es drängte auch zum Schwarzen Meer, ja zum Bosporus.

Es gelang den europäischen Mächten im späten 19. Jahrhundert mühsam, ein südslawisches Staatensystem zwischen Griechenland, Bulgarien, Mazedonien, Rumänien und Serbien zu errichten. Übrigens war der erste gewichtige Stein, der aus dem osmanischen Vielvölkerreich herausgebrochen wurde, Griechenland, dessen Befreiungskampf seit 1821 von den Europäern weniger aus kühlem Kalkül als aus Sentimentalität unterstützt wurde.

Es war ein strategischer Fehler, die Türkei auf so großem Abstand zu Europa zu halten

Feind des griechischen Befreiungskampfes und treuer Anhänger der türkischen Großmacht war einer der bedeutendsten Staatsmänner der europäischen Geschichte, der österreichische Staatskanzler Metternich. Er sah wie in einem Albtraum die blutige Unordnung voraus, die aus der Befreiung kleiner Nationalitäten von den Großreichen entstehen würde. Für ihn gab es zu dem Gleichgewicht der drei Mächte Russland, Österreich und Osmanischem Reich auf dem Balkan keine Alternative.

200 Jahre nach dem Wiener Kongress kann man ihm nur ein weiteres Mal recht geben. Der Balkan zwischen Wien und Thessaloniki bleibt bei einer übergreifenden geopolitischen Herausforderung wie dem Flüchtlingsstrom aus Syrien auf dramatische Weise hilflos. Zu den realpolitischen Erwägungen, die Angela Merkel bei ihrer Grenzöffnung im vergangenen Sommer bewegt haben, gehört gewiss auch der Blick auf diesen ungesicherten Raum - hier hätte ein Rückstau von Hunderttausenden leicht zu blutigen Verwicklungen führen können. Deutschland musste auf ungewohnte neue Weise die Last seiner Mittellage schultern, als letztes Zufluchtbecken - eine späte Folge der balkanischen Zersplitterung seit dem 19. Jahrhundert.

Das ethnozentrisch verkleinerte Ungarn löste sich unter Viktor Orbán mit religionskriegerischem Unterton durch Zäune aus der balkanischen und europäischen Solidarität. Und nun versucht Wien, solange eine gemeinsame Lösung zusammen mit der Türkei nicht realisiert wird, also das verkleinerte Österreich, irgendwie seine historische Vormachtrolle zu reaktivieren. Wien, das 1919, nach den Worten Winston Churchills, wie ein riesiges Luxuskaufhaus in einem Armenviertel zurückblieb, kann dabei freilich nur noch eine klägliche Parodie auf den Wiener Kongress aufführen. Dass die hintereinander gestaffelten Zäune der kleinen Balkanländer mehr als Notbehelf sind, glaubt man wohl nicht einmal am Ballhausplatz.

Damit kommt man auf den schon von Metternich diagnostizierten Kern des Problems: das Ausfallen der Türkei aus dem europäischen Staatensystem. Eigentlich sollte, so könnte man denken, die EU auf dem Balkan die Erbschaft Österreich-Ungarn als sanfte Vormacht übernehmen. Diese natürliche Entwicklung wurde zunächst durch den Zerfall Jugoslawiens vereitelt, in den letzten Jahren auch durch Orbáns rabiaten Nationalismus auf Eis gelegt.

So zeigt sich, dass es möglicherweise ein schwerer strategischer Fehler war, die Türkei auf so großem Abstand zu Europa zu halten. Als es in den frühen Nullerjahren um Beitritt oder die Assoziierung der Türkei zur EU ging, polemisierten deutsche Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit kulturalistischen Argumenten dagegen, aber auch mit einem geopolitischen Hinweis: Die EU bekomme dadurch eine Grenze zu Syrien.

Diese Grenze aber rückte seit 2015 immer näher an Österreich und Deutschland heran - zuletzt konnte man glauben, sie läge bei Freilassing. Der kleine Wiener Kongress in dieser Woche war ein hilfloser Versuch, auf diese Lage zu reagieren. Wer, wie Angela Merkel, dagegen auf eine Vereinbarung mit der Türkei setzt, kann sich auf Metternich berufen oder auch nur auf die Landkarte schauen.