Essay über Ausbeutung Unsere neuen Diener

Der Haushalt als zentraler Kampfplatz der Gegenwart: In seinem Essay "Die Rückkehr der Diener" erkundet Christoph Bartmann die neue Heinzelmännchen-Ökonomie.

(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Putzfrauen, Au-pair-Mädchen, Hunde-Sitter: Die Rückkehr der Diener ist in vollem Gange, erklärt Autor Christoph Bartmann. Das Ideal der Gleichberechtigung gilt für sie nicht.

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Die Vorstellung, rund um die Uhr bedient zu werden, ist verführerisch und erschreckend zugleich. Man kann sich dabei wie ein König fühlen, dem alles abgenommen wird, alles zuarbeitet, oder wie ein Todkranker, der allein nichts mehr zu verrichten vermag. Zwischen Souveränitätsversprechen und Entmündigung schillert auch das Serviceangebot in dem Apartmenthaus auf der Upper West Side Manhattans, in dem Christoph Bartmann als Direktor des New Yorker Goethe-Instituts mit seiner Familie wohnte.

Stets zu Diensten

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Der Mieter wird in diesem Haus kundig betreut und zum Zwecke der Wunscherfüllung überwacht. Portiers und Hausmeister, Kindermädchen, Reinigungs- und Pflegekräfte stehen zu Diensten. Boten bringen Pakete, gebügelte Hemden, bestelltes Essen. Wenn ein Katzen-Sitter gebraucht wird, weiß der Doorman Rat. Briefe gibt man, um den Weg zur Post zu sparen, an der Rezeption ab, die sich auch um notwendige Reparaturen kümmert. "Man kann sich von nahezu allen häuslichen Aufgaben freikaufen und dabei stets auf ein Überangebot an kostengünstiger Arbeitskraft zugreifen."

Man muss es lernen, die Serviceangst zu überwinden und Kunde zu sein

Die meisten Servicekräfte sind Latinos aus Mexiko oder Zentralamerika, sie haben die erforderlichen Papiere oder nicht, unterstützen ihre Familien in den Herkunftsländern, für deren Ökonomie sie eine große Rolle spielen. Im Haus wirken die Frauen, während die Männer die Sachen ins Haus bringen. Ob sie nun Luis, Isai oder Ramon heißen, zu Weihnachten erhalten sie einen Dankesbrief und ein Trinkgeld. Das sei zwar, versichert die Hausverwaltung, nicht nötig, man bezahle anständig, aber es befördert das gute persönliche Verhältnis zu den Dienstleistern.

Mit der Fülle der käuflichen Dienste sind nach dem Krieg Geborene oft überfordert, galten Dienstboten doch in den goldenen Jahren der Bundesrepublik als Sozialfiguren der Vergangenheit. Ihre Existenz war schwer zu vereinbaren mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit, sozialem Aufstieg, Emanzipation und Gleichberechtigung. Aber Serviceangst lässt sich überwinden, Kunde sein lernen. Das Serviceangebot in den besseren Wohngegenden Manhattans sorgt dennoch für kulturelle Irritation. Christoph Bartmann hat ihr einen Essay abgewonnen, den lesen sollte, wer sich für den Lebensstil der mittleren Schichten interessiert und nicht glaubt, dass die sozialen Fragen der Gegenwart mit Armutsstatistiken ausreichend beschrieben sind.

"Die Rückkehr der Diener" verbindet Streifzüge durch unsere Lebenswelt mit moralischer Selbstbefragung, ohne freilich den Leser mit folgenlosen Appellen und wohlfeilen Empörungsfloskeln zu langweilen. Wie schon in dem 2012 erschienenen Buch "Leben im Büro", einem Report aus der "schönen neuen Welt der Angestellten", besticht Bartmann auch hier durch einen scharfen Blick für Ambivalenzen, Formulierungen, die sitzen, und jene freundliche Ironie, die meist angemessen ist, wenn es um so inkonsequente, illusionsversessene Wesen wie Menschen geht.

Auf Einblicke in die Servicewelt New Yorks folgen Überlegungen zur Logik und den Paradoxien der häuslichen Arbeit; die Unterschiede zwischen den Dienern von einst und den Dienstleistern der Gegenwart behandelt ein Kapitel zum "Gestaltwandel des Hauspersonals". Es gipfelt in einer klassisch klingenden Alternative: Aufwerten oder abschaffen?

Wäre, da so viele Servicekräfte miserabel bezahlt werden und keine Aussicht auf Aufstieg haben, eine Reform der Dienstleistungswelt zu wünschen - mehr Lohn, mehr Rechte - oder sollte man aus sozial-moralischen Gründen auf einen raschen Abschied vom neuen Dienstleistungsproletariat hinarbeiten? Ob sich das Problem durch Digitalisierung und Maschineneinsatz lösen lässt, fragt Bartmann im abschließenden Kapitel "Transhumane Perspektiven".