Dabei geht es nicht nur um Identitäten und Integration, für die sich Politik und Soziologie zu interessieren haben, sondern auch um jenen Mangel an identitätsstiftender Architektur, für die auch Planer verantwortlich sind. "Architektur insgesamt", so Bloch, "ist und bleibt ein Produktionsversuch menschlicher Heimat." Die Frage nach den Ursachen der Randale ist auch die Frage nach dem Phänomen "Heimat".
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Die Architektur als Produktionsversuch derselben ist also nicht nur symbolisch ins Bild der Kämpfe geraten. Sie ist nicht die Staffage der Debatte - sie ist ein Teil davon. Suburbia, den Vororten wie den Zwischenstädten, fehlt es vor allem an der Differenz der Wohnformen und -größen, an den signifikant gestalteten Übergängen zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Räumen. Die unhierarchisch aneinander geklebten, mit kleinsten Normräumen ausgestatteten Wohnungen versagen sich genauso wie die indifferenten Außenräume jener "Kultur des Unterschieds" (Richard Sennett), durch die Zivilität erst zustande kommt.
Zwar gibt es keine monokausalen Zusammenhänge von Städtebau und Kriminalität. Unstrittig, und von vielen Studien bestätigt, ist aber, "dass Architektur und Wohnungswesen eine Mitverantwortung an der Förderung von Gewaltproblemen haben". Das zielt auf ein räumliches Umfeld, das von den Bewohnern nicht als "eigener Lebensraum" identifiziert und verantwortet wird. Wenn die Täter in Frankreich Kindergärten und Schulen anzünden, dann sind sie nicht nur "Gesindel" (Sarkozy), sie haben auch gar nicht begriffen, dass sie ihre eigenen Gebäude abfackeln.
Bauchschmerzen von Paris
Noch sind es vor allem Autos, die auf der Bühne brennen. Wenn sich die auch räumlich begründeten Identifikations-Probleme der großen, bald schon ins Gigantische wuchernden Stadtgesellschaften nicht lösen lassen, dann wird eines Tages auch die Bühne selbst brennen. Auch Waschbeton ist auf Dauer nicht feuerfest.
Das werden dann auch deutsche Städte erfahren, die jetzt noch beruhigend darauf verweisen, dass in ihnen andere Verhältnisse herrschen, andere Kulturen und eine andere Integrationspolitik. Seltsam nur: Die Stadtansicht von Köln-Chorweiler gleicht bis auf das letzte Stückchen Fugenkitt jener aus französischen Orten, die jetzt ständig im Fernsehen zu sehen sind. Räumlich verursachte Integrationsprobleme sind durchaus vergleichbar in einer Welt standardisierter Wohnmaschinen.
Das Problem hat einen Namen: Massenwohnungsbau, der so billig wie möglich sein muss. Es ist seit vielen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten ungelöst. Schon der Sturm auf die Bastille, der jetzt so gerne zitiert wird und am 14. Juli 1789 zum Symbol der Französischen Revolution wurde, speiste sich nicht zuletzt aus der drangvollen Realität der Pariser Elendsviertel, die - unberührt auch von der polizeilich motivierten Stadtbaukunst Haussmanns - auch später die sozialphysiognomischen Tableaus eines Honoré de Balzac anreicherten.
In St. Denis haben solche Viertel nur eine architektonische Transformation erfahren. Geändert hat sich an der eigentlichen Problematik auch unter dem Flachdach und hinter der Betonwand nichts. Denn die Architektur ist nicht nur zuständig für "mehr Licht, mehr Luft" (Gropius und andere), sondern auch für die räumliche Begründung von Identitäten.
Man muss sich dieses totale Scheitern der entsprechenden Stadtraum-Utopien eingestehen. Unter anderem auch das Scheitern der "funktionalen Stadt", die sich der auf dem CIAM-Kongress (Congrès Internationaux d'Architecture Moderne, 1933) verabschiedeten "Charta von Athen" verdankt. Sie besteht noch immer aus spezifischen, streng getrennten Räumen für Arbeit, Wohnen und Verkehr und übersieht, dass sich der kultur- und gemeinschaftsstiftende Raum gerade aus den Überschneidungen dieser zu "Funktionszonen" reduzierten Lebensbereiche ergibt.
Wobei sich Paris damit hervorgetan hat, das System räumlicher Trennung nach dem Krieg durch etliche Stadtvisionen noch um eine weitere Kategorie zu erweitern: um das außerstädtische Gehege für das Fremde an sich. Das kann Armut sein. Aber auch eine andere Kultur.
Stadtplaner haben an solchen Gehegen mitgebaut. Die Moderne, die immer nur den "besseren Menschen durch eine bessere Architektur" im Sinn hatte, mag uns glänzende Architekturen errichtet haben. Aber stadträumlich ist sie gescheitert und durchaus mitverantwortlich für die Kriege, die in ihren Räumen nicht nur wie auf Bühnen geführt werden.
"Welcher junge Architekt", schrieb der Schriftsteller Julien Green "wird uns eine Stadt der Zukunft geben, eine Stadt, die ebenso verführerisch auf die Generation der Zukunft wirken wird, wie das aus Jahrhunderten entstandene Paris uns zu verzaubern vermochte? Ist es zu viel, von einem Visionär zu träumen, der ein Poet des Raumes wäre?" Städte der Zukunft sind in Paris und Umgebung zu besichtigen: Sie gehen gerade in Rauch auf.
(SZ vom 12.11.2005)
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