Essay "Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte"

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hat die Literaturbriefe Walter Benjamins ins Französische übertragen: Warum er dabei nicht die Ähnlichkeit suchte, sondern die Differenz.

Von Lukas Bärfuss

Als mir die französische Literaturwissenschafterin Muriel Pic vorschlug, gemeinsam einige Literaturbriefe ins Französische zu übersetzen, Briefe, die Walter Benjamin Ende der Dreißigerjahre als Pariser Korrespondent an den Philosophen und Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung Max Horkheimer in New York schrieb, zögerte ich zunächst. Meine Kenntnisse seines Werks waren ziemlich übersichtlich. Ich kannte die Arbeit über Robert Walser, die "Berliner Kindheit um 1900" - und natürlich hatte ich den Aufsatz über das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" gelesen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass mein Wissen ausreicht, um einen Autor seines Rangs zu übersetzen.

Zum Handwerk des Übersetzers hatte ich ein eher loses Verhältnis. Während meiner ersten Versuche, Schriftsteller zu werden, hatte ich französische und amerikanische Literatur ins Deutsche übertragen. Diese Übersetzungen zu veröffentlichen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Es blieben Übungen, an denen ich meine Rhythmik und das Vokabular schulte.

Die Benjamin-Übersetzung sollte ganz anderen Ansprüchen genügen. Eine kommentierte, wissenschaftlichen Standards entsprechende Übertragung in die französische Sprache. Immerhin hatte ich eine ausgewiesene Spezialistin für die Literatur und die Philosophie zwischen den Weltkriegen an meiner Seite. Nicht künstlerische Interpretation war gefordert, sondern Genauigkeit und Treue zur Vorlage. Voraussetzung dafür war, natürlich, zuerst einmal zu verstehen, was Benjamin überhaupt zu sagen hatte und einzusehen, dass ich dies in entmutigend vielen Fällen nicht mit Sicherheit sagen konnte. Oft genug kannte ich die Bezüge nicht, hatte die Literatur, auf die er sich bezog, nicht oder nur ungenügend gelesen, wusste nur ungefähr, wer die Protagonisten seiner Briefe waren. Und dann war da noch dieser Aufsatz aus dem Jahre 1923, den er seiner eigenen Übertragung der Gedichte Charles Baudelaires vorangestellt hatte. In "Die Aufgabe des Übersetzers" hält er fest, was er von einer Übertragung erwartet.

Keine Übersetzung sei möglich, so schreibt Benjamin, wenn sie ihrem letzten Wesen nach Ähnlichkeit mit dem Original anstrebe. Das erstaunte mich, um es gelinde zu sagen, denn war es nicht genau das, was ein Übersetzer versuchen sollte? Um Ähnlichkeit geht es doch, weil vollständige Übereinstimmung unmöglich ist, denn wie Benjamin zur Recht sagt, ist bei "Brot" und "pain" das Gemeinte zwar dasselbe, die Art, es zu meinen, hingegen nicht. Die Wörter transportieren Bedeutung jenseits ihrer selbst: durch den Klang und durch den Zusammenhang, in dem sie stehen. Wenn wir lesen, empfinden wir die Bedeutung eines Wortes mehr, als dass wir es intellektuell durchdringen. Darauf baut die Sprache, sie ist kein logisches System, sondern beinhaltet Atmosphäre, Gefühl, Widersprüche und Ambivalenzen.

Und weiter steht ein Wort nicht nur für die Sache, auf die es sich bezieht. Es erzählt auch seine eigene Geschichte, die sich seit der Niederschrift entwickelt hat. Das, was das Wort damals bezeichnete, existiert nicht mehr, oder hat sich so stark verändert, dass es eine andere Bedeutung angenommen hat. Wenn es auch immer noch Brot und seine vielen metaphorischen Bedeutungen geben mag, jenes bestimmte Brot, das Benjamin gegessen hat, gibt es für uns Zeitgenossen nicht mehr. Wie Benjamin schreibt: "Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte."

Deshalb kann es beim Übersetzen nicht darum gehen, die Bedeutung zu übertragen, die ein Wort für den Autor besessen hat. Man muss auf etwas anderes zielen. Für Benjamin lag der Fluchtpunkt von Übersetzung und Original in der letzten, der reinen Sprache. Zu dieser hin wollen sie sich entwickeln, und wenn man auch nicht an das messianische Ende der Geschichte glauben mag, sicher ist doch, dass sich die Sprachen verändern und eine Übersetzung niemals endgültig, sondern nur vorläufig sein kann. Wenn der Übersetzer seine Erfahrungen an jenen des Autors misst, dann bezeugt er die Entwicklung des Geistes. Nicht die Ähnlichkeit soll er suchen, sondern die Differenz sichtbar machen zwischen der Sprache, die wir haben, und jener, die wir uns wünschen.

Die Welt, aus der Walter Benjamin seine Literaturbriefe schreibt, gibt es nicht mehr. Er porträtiert darin das Pariser intellektuelle Leben am Vorabend des Zweiten Weltkrieges oder, besser gesagt das, was von diesem Leben noch übrig geblieben ist. Unter dem Druck der totalitären Ideologien ist die Freiheit des Geistes längst zerrieben, der Konformismus beherrscht das geistige Klima. Es geht den bürgerlichen Intellektuellen nicht mehr darum, Platz zu schaffen für die Entwicklung von Gedanken. Es geht im Gegenteil darum, Grenzen zu ziehen, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, das Werk vorgreifend gegen die Einwände des Gegners abzusichern.

Nicht die Ähnlichkeit, sondern die Differenz muss man sichtbar machen

Sicherheit wird gesucht, nicht Freiheit. Benjamin hatte diese Abkehr der bürgerlichen Gesellschaft von ihren eigenen Idealen der Aufklärung bereits 1934 beschrieben, in seinem Aufsatz "Zum gegenwärtigen Standort des französischen Schriftstellers". Die Funktion der Intelligenz für die Bourgeoisie sei nicht mehr, ihre aufgeklärten Interessen zu vertreten. Ihr Kennzeichen sei die defensive Haltung. In seinen Literaturbriefen bezeugt Benjamin die Einbunkerung der bürgerlichen Kultur in festgelegten Begriffen. Und er zeigt auch, wie hoffnungslos das Bestreben ist, sich mit dieser Haltung gegen den totalitären Sturm, gegen die Leidenschaft der Mörder zu wehren. Jenes "Bündnis der Niedertracht mit der Unwissenheit", das ehedem in Deutschland geschlossen wurde, steht auch in Frankreich vor dem Durchbruch. Das Vakuum, das durch die Entfernung des Bürgertums von den Idealen der Aufklärung entstanden ist, bietet extremen Ideologien Platz zur freien Entfaltung.

Die Gewalt hat andere Ursachen als zu Benjamins Zeiten, aber sie beherrscht auch unser Bewusstsein. Durch eine Propaganda der Bedrohung werden die Ideale der Aufklärung und mit ihr die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft zerrieben. Eine zu Tode verängstigte Gesellschaft, die sich nicht mehr für Freiheit und Menschlichkeit begeistern will, sucht sich andere, böse Geister. Erschreckend oft kann man heute lesen, dass sich unsere Situation jener in der Weimarer Republik nähere. Mit Benjamin kann man lernen, wie gefährlich jedes Gerede ist, das eine historische Entwicklung leugnet. Eine Übersetzung, gerade auch eine geschichtliche, sollte nicht Ähnlichkeit suchen, sondern die Differenz sichtbar machen zwischen der Gesellschaft, in der wir leben und jener, die wir uns wünschen.

Lukas Bärfuss, geboren 1971, ist Schriftsteller und lebt in Zürich. 2014 erschien sein Roman "Koala".