Essay-Band Wenn sich das Sonnengeflecht zusammenzieht

Zu seinem 70. Geburtstag hat sich der Wiener Philosoph und Essayist Franz Schuh ein "Magazin des Glücks" geschrieben. Wer es liest, der versteht seine Skepsis gegen die "Anbetung der Mitte".

Von Helmut Böttiger

Es läge zwar nahe, aber leider wird man Franz Schuh wohl kaum in einem jener Wiener Kaffeehäuser antreffen, die dafür eigentlich bestimmt wären. Die stellen heute eh nur angegraute Porträts von früheren Causeuren und Schriftlockenwicklern aus. Franz Schuh ist im heutigen Wien zwar vorstellbar, aber nicht dort. Eine seiner Sehnsüchte ist es, nicht da zu sein, zumindest nicht da, wo man ihn erwartet. Am schönsten ist für ihn eine Art Schwebezustand, der zwar mit der Realität irgendwie verbunden ist, aber vor allem auch mit etwas Anderem. Dass er zu seinem siebzigstem Geburtstag, den er an diesem Mittwoch feiert, einen Sammelband über das "Glück" vorlegt, ist dafür ein profunder Beleg.

Das Kaffeehaus passt als Vorstellung natürlich zu der scheinbar beiläufigen Art, wie Franz Schuh seine Gedanken aus einem vermeintlich unscheinbaren Ärmel schüttelt, zu seinen teils stockenden, teil beschwingten Gedankenläufen, die einem Walzertakt noch aus einer Zeit vor der Erhebung zu einem offiziellen Gemütszustand Wiens zu folgen scheinen. Aber vermutlich wird man den Protagonisten eher in einem Vorstadtbeisl antreffen, in einer Nische abseits des 1. Bezirks. Zumindest legt er das nahe, denn "die Anbetung der Mitte" schließe den "Exzess" aus. In einem der letztlich nie vollständig einsehbaren Fächer seines "Magazin des Glücks", wie es im Untertitel als Parodie einer Gattungsbezeichnung heißt, taucht seine Herkunft aus einem der geschichtsträchtigen Wiener Gemeindebauten aus den Zwanzigerjahren auf, den steingewordenen Verheißungen der österreichischen Sozialdemokratie, und man merkt wirklich auch sonst in jeder Zeile, dass der Autor weiß, wo er herkommt. Der Vater war zwar Kommunist, aber gleichzeitig auch bei der Staatspolizei. Wer das für widersprüchlich hält, ist bei den gelehrten, verzwickten, sowohl natur- als auch kunstschönen Lektionen Franz Schuhs bestens aufgehoben.

Die Isolde und den Tristan können nur Menschen singen, "die durch die Hölle gegangen sind"

Ziemlich am Anfang seiner Glücksschleifen, die weit ausgreifen und bis zu Immanuel Kant oder Arthur Schopenhauer reichen können, taucht einmal unversehens die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf auf. Schuh kann sie nicht leiden, weil sie ein Musterbeispiel für "Virtuosität" ist. Diesen Begriff hat er sich in dem betreffenden Kapitel vorgenommen und weist auf stupende Weise nach, dass er mit dem Begriff der "Impotenz" eng verbunden ist, ja, dass beides eindeutig zusammengehört. Schuh zeigt mit wenigen Strichen die Quälerei auf, die zu der Art "Kunstsingen" wie bei der Jahrhunderterscheinung Schwarzkopf gehört, die Strenge gegen sich selbst.

Die "Anbetung der Mitte" ist ihm verdächtig, weil sie den Exzess ausschließt: Franz Schuh.

(Foto: Maxime Schmid/dpa)

Aber er nimmt "zerknirscht" zur Kenntnis, dass die Isolde oder den Tristan halt nur Menschen singen können, die durch die Hölle gegangen sind. Und deswegen bekommt Elisabeth Schwarzkopf einen "Ehrenplatz" in Schuhs Magazin des Glücks: in einem Fernsehinterview erzählte ein Vertrauter der Sängerin nämlich, dass sie während des Krieges ein Jahr in einem Lungensanatorium in der Tatra verbringen musste. Dort habe sie den einzigen Mann kennengelernt, den sie wirklich liebte. Sie habe nicht einmal ein Foto, es sei nichts daraus geworden, "außer dass, wenn sie an diesen Mann denke, ihr Sonnengeflecht sich zusammenziehe, und dass ihr das eine Ahnung davon gebe, was für ein unglücklicher Mensch sie sei."

Man sieht: Franz Schuhs "Magazin des Glücks" ist vertrackt, und immer, wenn er eine Ahnung davon gibt, das Glück zu erhaschen, wird klar, dass es sich um ein äußerst scheues Wild handeln muss. Dass es allerdings die Schreibweise Franz Schuhs ist, die relativ viel damit zu tun hat, merkt man recht schnell. Manchmal greift er sogar zu Formen, die einen an die Zeit erinnern, als man im Deutschunterricht in der Schule noch Lesen und Schreiben lernte. Solche Kapitel sind wahre "Besinnungsaufsätze" oder "Erörterungen", und zu einer einsamen Höhe schwingt er sich hoch, wenn er die überkommene "Begriffsdefinition" wiedererweckt.

Franz Schuh: Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 250 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

(Foto: )

Er gibt sich das Thema "Hoffnung", landet schnell bei "Utopie", und dann geht es rasant über "Zweifel" und "Enttäuschung" hin zur "Verzweiflung". Sämtliche dieser Wörter werden in ihrem Bedeutungshof ausgeschritten, mit einigen stimmungsvollen atmosphärischen Details versehen und geraten sofort in gegenseitige Schwingungen, so dass völlig einleuchtend wird, dass man all diese Wörter nicht isoliert sehen sollte, sondern sie nur miteinander bestimmte Sinneinheiten erzeugen können, und irgendwo dazwischen lauern auch die schönen Möglichkeiten des Glücks.

Ähnlich hangelt sich der gelernte Philosoph Schuh auch durch die schwierigen Balancesysteme zwischen "Sinn und Sinnlichkeit", lässt dabei Lucien Freuds Waschbecken aufblitzen und führt Balzacs "unbekanntes Meisterwerk" an, um wie jedes Mal in etwas spezifisch Wienerischem zu enden, das er wie selbstverständlich verkörpert und das für Außenstehende nie so richtig greifbar erscheint.

Er weiß, dass man systematisch arbeiten müsste, weiß aber auch, warum er gerade das nicht tut

Es hängt auf jeden Fall mit allen möglichen Mischformen zwischen Sicherheit und Ungewissheit zusammen. Zwischendurch streut Schuh auch Gedichte ein, die zum Teil im Wiener Umgangston gehalten sind, mit stark akzentuierten Umlauten und waghalsigen Diphtongierungen. Das ist oft derb und weiß um die Niederungen, kaum etwas kann so dreckig sein wie das Wienerische, aber andererseits verbirgt sich da auch etwas Verheißungsvolles und Unerreichbares.

"Zum Glück blieb mir nichts erspart", schreibt Franz Schuh, und wer weiß, wo er seinen 70. Geburtstag feiert. Vielleicht "am Nußberg draußen", wie er einmal andeutet. Eines ist sicher: "Man müsste hier systematisch arbeiten", weiß aber genau, warum man gerade das nicht tut.