Theater Achtung, echte Menschen!

Die ehrlich vorgetragene Geschichte gehört unbedingt zur Performance: Yael Ronens Stück "Point Of No Return" an den Münchner Kammerspielen.

(Foto: David Baltzer/Kammerspiele)

Das Theater huldigt dem Authentischen, es lässt auf der Bühne kochen und essen. Gerade durch diese Art der Performance aber verrät es die Wahrheit - und sich selbst.

Gastbeitrag von Bernd Stegemann

Einst brachte der Schauspieler Curt Bois bei einer Probe mit einer Improvisation den Regisseur Fritz Kortner zum Lachen. Der wollte die Passage aber dennoch nicht übernehmen. Seine legendäre Begründung: Ja, ich habe gelacht, aber weit unter meinem Niveau.

Die Anekdote zeigt, dass jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Theater bedeutet, sich mit seinen Darstellungsmitteln auseinanderzusetzen. Im Theater unserer Zeit ist ein Streit um die Frage entbrannt: Soll auf der Bühne performt werden oder soll durch Schauspielkunst eine zweite, fiktionale Wirklichkeit erscheinen? Sollen echte Menschen auftreten, die authentisch ihre Biografie verkörpern? Oder sollen professionelle Menschen, wie George Tabori einst die Schauspieler nannte, fremde Figuren erspielen?

Glaubt man den aktuellen Trends, so ist die Fragen entschieden: Die Schauspieler werden für ihre Leistungen im Film bewundert, auf der Bühne gehören sie ebenso wie das Drama zum alten Eisen. An ihre Stelle ist der Performer getreten, der seine eigene Existenz zum Thema macht und die mimetische Kunst des Schauspielens durch Performativität ersetzt.

Alles findet hier und jetzt statt. Zum Beweis wird auf der Bühne tatsächlich gekocht und gegessen

Performativität klingt kompliziert, meint aber nichts anderes als eine allgemeine menschliche Eigenschaft. Jede Tätigkeit, die die Realität verändert, indem sie eine besondere Präsenz erzeugt und dabei die Aufmerksamkeit auf sich lenken will, ist ein performativer Akt. Eine laute Stimme, ein langes Schweigen, eine besondere Bewegung, eine auffällige Kleidung können Mittel dafür sein.

Während die Zivilisation sich bemüht, im alltäglichen Miteinander möglichst reibungslos aneinander vorbei zu leben, ist in den Selbstdarstellungsmedien die performative Hervorbringung des Selbst zur beliebten Kulturtechnik geworden. Jedes gepostete Selfie performt die eigene Subjektivität und will dafür Anerkennung bekommen. Mein Ich ist ganz besonders und erschafft sich darum seine eigene Bühne, die zum Zentrum der Welt wird. Vergessen wird bei der Übertragung auf die Bühne, dass das performative Können eine notwendige Grundlage des Schauspielens ist. Es ist selbst noch keine Kunst.

Das Schauspielen nutzt die Mittel der Aufmerksamkeitssteigerung, macht sie aber nicht zum Selbstzweck. Es baut darauf die mimetische Kunst auf. Deren komplizierte Herausforderungen bestehen beispielsweise darin, eine abwesende Realität auf der Bühne erscheinen zu lassen, den Charakter eines Menschen durch seine Gesten zu zeigen oder eine Figur zum Sprechen zu bringen, deren Handeln unbegreiflich ist. Die Souveränität des Schauspielers liegt dabei in der Entscheidung, welche Mittel er verwendet. Seine Kunst ist es, Menschen so auftreten zu lassen, dass sie mehr über sich preisgeben, als sie selbst bereit wären. Eine der schwer zu erlernenden Fähigkeiten dabei ist, poetisch verdichtete Sprache hör- und verstehbar zu machen.

Die Behauptung, das performative Theater sei ein notwendiger Fortschritt in der Kunst, ist also keineswegs selbstverständlich und ihr Erfolg resultiert aus einem Missverständnis, das im paradoxen Begriff des Authentischen liegt. Auto enthes meinte im Griechischen "von eigener Hand", und damit war sowohl die Unterschrift unter einen Vertrag gemeint wie der Selbstmord. Heute ist daraus einer der unklarsten Begriffe geworden, der in Werbung, Politik und Kunst als Goldstandard für Glaubwürdigkeit gilt. Im Authentischen liegt die paradoxe Aufforderung "Sei ganz du selbst" und zugleich der Zwang, dass man auf jeden Fall so wirken soll, als wäre man gerade ganz man selbst.

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Das Selbstbild, das eigene Erleben und die Wirkung auf andere sind aber oft sehr verschieden. Dessen ungeachtet geht der Performer von sich aus und vergrößert seine Individualität. Der Wahrheitsanspruch seines Auftretens gründet sich in der falschen Behauptung, dass er als Mensch über seine eigene Geschichte ebenso souverän verfügen könnte wie über seine Präsenz auf der Bühne. Die alltägliche Erfahrung zeigt hingegen, dass etwa zwischen der Art, glaubwürdig zu wirken, und der Zuverlässigkeit des Charakters große Unterschiede bestehen können. Zugleich ist sich wohl kein Mensch über seine Wirkung vollständig bewusst. So entsteht in der Behauptung einer performativen Authentizität eine Lüge hoch zwei. Weder die Selbstentfremdung des Ich, das in einer Bühnensituation öffentlich spricht, noch der Abgrund zwischen Schein und Wirklichkeit werden hier offengelegt.

Die performative Behauptung leugnet die soziale Wahrheit der Bühne, die darin besteht, dass hier alles nur Schein ist, dass aber in dieser Fiktion eine künstlerische Wahrheit erscheinen kann. Die performative Authentizität lügt, weil sie die Entfremdungen des Lebens und der Bühne leugnet, während die mimetische Lüge die Wahrheit sagen kann, weil sich in der sozialen Situation des Theaters alle darüber einig sind, dass hier gelogen wird.

Die Ursache für diese Verwirrung liegt in der Geschichte der Performance, die in den bildenden Künsten der sechziger Jahre entstanden ist. Die Selbstentblößungen des Performers führten zu einer gesteigerten Gegenwart, in der sich die Zuschauenden ihrer eigenen Rolle nicht mehr sicher sein konnten: Mussten sie eingreifen oder war alles nur "Kunst"? Nach dem Import ins Theater hat sich ihr Wesen verwandelt. Aus den Grenzgängen der Performance wurde die Performativität, die schon immer die Grundlage des Schauspielens war. Aus einer komplexen Kunst, wie etwa der von Marina Abramovic, wird eine schlichte Art, auf der Bühne Präsenz zu erzeugen.