Früher zweigte ein Gespräch zu einem sehr frühen Zeitpunkt zur Urlaubsplanung ab, der Ausfahrt nach Arkadien. Denn der Urlaub war als Zustand nicht nur der Höhepunkt des Jahres, sondern des Lebens. Im November 1992 kam der Schriftsteller Michel Houellebecq durch ein spanisches Dorf, das keinen Namen hatte. ¸¸Wahrscheinliche hatte man keine Zeit gehabt, ihm einen zu geben - es war offensichtlich, dass kein Haus vor 1980 gebaut worden war". Denn ¸¸die Stadt war ausschließlich von deutschen Rentnern bewohnt". Houellebecq folgerte daraus, dass der Deutsche zu seinem eigenen Land ein Verhältnis habe wie ein Gastarbeiter. Es gibt ein Land A und ein Land B. Land A wird als Arbeitsland angesehen. ¸¸In ihm ist alles funktional, langweilig, unzweideutig". Im Land B verbringt er Freizeit, Urlaub, Ruhestand. Land A liegt im Norden, Land B im Süden, und man müsse daraus schließen, dass Deutschland eine Gegend geworden ist, in der niemand mehr leben möchte. Nicht mal Deutsche.

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Später hat Houellebecq diesen Befund generalisiert. In seinem Tourismus-Roman ¸¸Plattform" aus dem Jahr 2001 schreibt er: ¸¸In den westlichen Ländern war das Leben teuer, es war kalt; man arbeitete viel, es gab Autos und Lärm, und für die Sicherheit in der Öffentlichkeit war nicht ausreichend gesorgt. Und ein paar Seiten später: ¸¸Wir haben ein System geschaffen, in dem es ganz einfach unmöglich geworden ist, zu leben; und dieses System exportieren wir noch dazu." Akkulturation nennen die Touristikforscher den Angleichungseffekt, der daraus resultiert, dass wir in die Fremde das mitbringen, wovor wir von zu Hause fliehen.

Das Authentische, das wir suchen, findet sich nur noch als Versatzstück in inszenierten Erlebniswelten. Ansonsten ist es am Schwarzen Meer nicht anders als an allen anderen südlichen Badestränden auch, nur billiger. Küste und Hinterland trennen kilometerlange Staketenzäune aus Bettenburgen, an der Straße liegen die Spaßbäder, am Meer die Beach-Party-Zonen. Und den Tagesablauf diktieren die Duelltermine: Auf das gemeine Handgemenge am Frühstücksbüfett folgt der Nahkampf um die Liegestühle, der freizeitgestresste Groß- und Einzelhandelsazubis dann sagen lässt, sie bräuchten mal Urlaub vom Urlaub. Dabei ist es doch gerade der Zeitsinn, der sich in den Ferien so schärft, dass die Urlaubsziele in der Erinnerung wie leuchtende Kodachrome-Inseln aus dem Schattenreich der Alltagsamnesie ragen.

Schon Tage und Wochen vor dem Urlaub streckt sich das Bewusstsein wie ein Vektor dem Ferienbeginn entgegen, verlangsamt und intensiviert sich das Zeitempfinden, wenn wir die innere Appretur ein wenig erschlaffen lassen, zu Hundstagedieben werden und aus der Uhrenzeit in die ungemessene Erlebniszeit fallen. Anders als das Herz hat unser Hirn keinen Schrittmacher, seine Inhalte beeinflussen die Struktur der Zeit, bestimmen ihren Takt, bis die Gewohnheit wieder Macht über uns gewinnt, die Thomas Mann ¸¸ein Einschlafen des Zeitsinns" nannte.

¸¸Das Ferienerlebnis" war darum nicht nur ein einst obligatorisches Aufsatzthema, sondern ein literarisches und filmisches Genre. Mit dem Bedeutungsverlust der ¸¸großen Ferien" ist auch dieses Genre weitgehend verschwunden. Eine freiere, individualistischere Gesellschaft braucht keine kollektiven Rituale mehr. Es begann früher ja damit, dass Familienväter sich in Expeditionsleiter verwandelten, abends sich übers Kartenmaterial beugten, die Route wieder und wieder mit dem Zirkel abmaßen und solange mit Kofferpacktechniken experimentierten, bis sie zu Sparkommissaren automobiler Raumökonomie gereift waren.

Denn in die Ferien reiste man mit dem eigenen Pkw, und der war eine Art Forschungsschiff für den Vorstoß in neue Welten. Ein Charles Darwin aber müllt seine ¸¸Beagle" nicht zu, er rüstet sie aus. Im Handschuhfach waltete das Zweckdenken von Pionieren: Sonnenbrille, Rennfahrerhandschuhe aus weichem Leder, eine Dose Schokakola, ein Päckchen Dextro Energen. Vor der Abreise brachte man das Fahrzeug zur Garage seines Vertrauens, also zu einer Tankstelle mit angeschlossener Kfz-Meisterei - und man vertraute grundsätzlich nur einem einzigen Mineralölkonzern, denn nur bei diesem, erklärt der Vater, ist der Treibstoff so hochwertig und rein, wie es unser Wagen verdient. Es gab dort keine Schokoriegel und Energydrinks zu kaufen, sondern nur Flaschenbatterien mit Schmierstoffen und Pflegemitteln sowie Oldtimer-Sammelbilder für den Junior. Ansonsten herrschte die Aufgeräumtheit eines Flugzeughangars, das Werkzeug geordnet wie Operationsbesteck, die Monteure in ihren blauen Kitteln würdig und schweigsam wie Herzchirurgen vor der ersten Transplantation. Man tankte ja damals auch nicht selbst.

Dann, im Morgengrauen, immer im Morgengrauen, konnte es los gehen. Der Vater am Steuer: der Chefpilot, den man im Cockpit nicht ansprechen durfte. Die Mutter in Personalunion Navigationsoffizierin, Stewardess und Bordärztin. Die Kinder auf der Rückbank wurden mit Tabletten gegen Reisekrankheit, selbstgebrühtem Eistee und Omelett-Broten aus der Kühlbox konditioniert, denn man vermied es damals tunlichst, unterwegs Wasser und Proviant aufzunehmen.

Und dann war man über die Alpen und im Süden, und es begann jene Stretta großer Ferien, die über Jahre genauso austauschbar verliefen wie die Vorbereitungen. Und irgendwann: das erste Auto, die erste Liebe, der letzte Abend. Die Luft ist jetzt schon kühl. Aber unterm Pullover glüht noch die Honigsonne. Man wird sich schreiben, ¸¸bien sûr" - erst oft, dann immer seltener. Die Sehnsucht verblasst mit der Sommerbräune.

Jahre später: Neuseeland. Wir sind längst keine Großurlauber mehr, sondern Aktiv- und Extremurlauber, Individual- und Fernreisende, Last-Minute-Bucher. Neuseeland ist ideal für uns, weil dort auf kleinstem Raum alle Klimazonen und Landschaftsformen der Welt vertreten sind. Ein Musterland der geologischen Globalisierung, als wäre es eine Blaupause von Freizeitingenieuren. Morgens Gletscher-, abends Wasserski. Im Bus keiner älter als Anfang zwanzig, alle Backpacker, nicht zwei aus demselben Land. Gestern Mountainbiking, heute Wildwater-Rafting, morgen Whale-Watching. Ideeller Mittelpunkt der Reise ist eine Brücke in Queenstown. Hier wurde angeblich der erste Bungee-Sprung gemacht. Natürlich springt jeder, der hier vorbei kommt, dem Mythos hinterher. 74 Meter im freien Fall. Weil aber alles so schnell geht, kann man sich beim Sprung filmen lassen, gegen Aufpreis.

Denn wir müssen den affektiven Aufpreis ständig erhöhen, um noch chronobiologische Ekstasen zu erleben. Die großen Ferien sind vorbei, die Verlangsamung des Lebens. An die Stelle der Dauer ist die Beschleunigung getreten. ¸¸Gedächtnis", schreibt Vladimir Nabokov, ¸¸ist der Sonnenuntergangsschatten der Wahrheit" und Erinnerung ¸¸das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können". Statt Erinnerungen haben wir den Jetlag. Und das Video, das wir ansehen, wenn wir nicht schlafen können.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.182, Montag, den 09. August 2004 , Seite 11)