Der Sommerurlaub der Deutschen ist auf eine durchschnittliche Dauer von 11,6 Tagen geschrumpft. Aber bei dem Wetter und dem Kanzler und der Gesundheitsreform ist eh´ schon alles egal. Ein Nachruf auf die "großen Ferien".
Zu spät! Wir hatten innerlich schon abgeschlossen mit dem Sommer, wir waren fertig mit ihm und haben deswegen auch nichts mitgekriegt von Reisewelle und Ferienzeit. Waren denn zu irgendeinem Zeitpunkt die flirrenden Innenstädte entvölkert wie nach der Detonation einer Neutronenbombe? Und dafür das Freibad überfüllt, als wäre Pamela Anderson eine Münchner Bademeisterin? Wenn mittags Schlag zwölf nicht die Sonne brüllt, schließen die Bäder bereits um 18 Uhr. Neulich hätten wir uns fast den Schädel gebrochen, denn das Wasser war bereits abgelassen. Ein Schwimmbecken ohne Wasser: Gibt es ein traurigeres Sinnbild für einen Sommer, der so spät den Schnupfen überwand wie Jan Ullrich seinen bei der Tour de France? Also gingen wir nach Hause, ließen die Rollläden runter und schauten uns auf DVD nochmals den Film des letzten Sommers an, ¸¸Swimming Pool", gedreht von einem Mann, der den tröstlichen Namen Ozon trägt. Denn in diesem Jahr gibt es keinen Sommerfilm und keinen Ozonalarm.
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Das Authentische, das wir suchen, findet sich nur noch als Versatzstück in inszenierten Erlebniswelten. Ansonsten ist es am Schwarzen Meer nicht anders als an allen anderen südlichen Badestränden auch, nur billiger. (© )
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Und kaum hat der gefühlte Sommer begonnen, sind in neun Bundesländern schon wieder die Schulferien zu Ende. ¸¸Lass Dich gehen und komm nicht wieder zurück", heißt es in einem aktuellen Werbespot. Zu spät! Gäbe es nicht die Staumeldungen und die Strandtaschenbuch-Offensive der Verlage, wir wüssten gar nicht, dass Ferienzeit ist. Aber auch die Bücher, die uns für den Urlaub empfohlen werden, sind dünner geworden. Das waren noch Zeiten, als James Stewart in ¸¸Mr. Hobbs macht Ferien" sich immerhin vornehmen konnte, ¸¸Krieg und Frieden" zu lesen, wozu er dann im Film doch nicht kam, weil es wie in jedem anständigen Urlaub in der eigenen Familie um Krieg und Frieden ging. Peter Handkes ¸¸Don Juan" umfasst nur 159 Seiten; die Verleger wissen eben, dass die großen Ferien auf eine durchschnittliche Reisedauer von 11,6 Tagen geschrumpft sind. Sommerpause ist, wenn der Sommer Pause hat.
Die Heraufsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit, die Streichung von Urlaubstagen und Urlaubsgeld - all das nagt am Sonnenfleck Ferien. Und die ständig steigenden Ölpreise tun das Übrige. Achtzig Prozent der Deutschen machen auch in diesem Jahr wieder einen großen Sommerurlaub. Nur, er ist eben nicht mehr so groß und führt sie an weniger weit entfernte, dafür preisgünstigere Ziele. Und weil der Urlaub, diese Dehnungsfuge zwischen den Betonplatten, die den Berufsweg pflastern, zu einem leidigen Thema geworden ist, reden wir nicht mehr so gern darüber, geben ihn nur zu Protokoll, seufzend: ¸¸Ja, ja, Bulgarien diesmal, all inclusive". Mit altjüngferlicher Gefasstheit schlucken wir den Schmerz herunter, dass der große Interruptus des Jahres nicht stattfinden wird.
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