Erste Programm-Pressekonferenz Dercon denkt groß

Will den "charismatischen Nullpunkt" des Neubeginns nutzen: Chris Dercon, designierter Intendant der Berliner Volksbühne, zu seiner ersten Spielzeit.

(Foto: dpa)

Wie umstritten der neue Intendant der Berliner Volksbühne ist, wird bei seiner ersten Programm-Pressekonferenz deutlich. Chris Dercon und seinem Team ist die Nervosität anzumerken. Nun will er klotzen.

Von Peter Laudenbach, Berlin

Der Ort für Chris Dercons Pressekonferenz war geschickt gewählt: das Restaurant im Flughafen Tempelhof, wo die erste Volksbühnen-Spielzeit unter seiner Intendanz am 10.September mit Tanztheater eröffnen wird.

Der Andrang ist gewaltig, vier Kamerateams und eine gute Hundertschaft Journalisten sind gespannt auf Dercons Programm, von dem im Vorfeld schon einiges durchgesickert war.

Neben Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock sitzen unter anderem der Choreograf Boris Charmatz, die Regisseurin Susanne Kennedy und die Internet-Erklärerin Mercedes Bunz auf dem Podium.

Nach den heftigen Auseinandersetzungen um seine Ernennung und das Ende von Castorfs Intendanz entschuldigt sich Dercon für einige ungeschickte Äußerungen. Er habe "die Stimmungen und die politische Gemengelage in der Stadt unterschätzt und sicher auch bestimmte Sachen falsch gesagt" - eine Anspielung auf seine Statements, Berlin sei provinziell.

Dercons Leitungsteam ist sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. An diesem Tag gibt es über Castorf kein böses Wort, stattdessen wird die Kontinuität betont, etwa dass der bisherige, für sein Programm sehr geschätzte Musikkurator Christian Morin weiter am Haus bleibe, oder dass der Künstler Tino Sehgal einst im Jugendklub der Volksbühne theatersozialisiert worden sei.

Bitte um Fairness

"Unsere Rahmenbedingungen waren nicht ideal", erklärt Dercon gegenüber seinen Zuhörern, "aber ich glaube, dass Sie uns eine Chance geben müssen."

Diese Bitte um Fairness ist für den Neubeginn einer Intendanz ungewöhnlich, die Nervosität ist Dercon und seinem Team auf dem Podium anzumerken. Am Vormittag soll Piekenbrock bei einer Ensembleversammlung in der Volksbühne in Tränen ausgebrochen sein, aber es soll dort auch Applaus gegeben haben. Bei der Pressekonferenz bedankt sie sich ironisch bei ihren Kritikern.

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Sie hätten durch ihre Befürchtung, der Volksbühne drohe eine feindliche Übernahme, dem neuen Leitungsteam die Kraft gegeben, sich noch genauer und entschlossener mit diesem Theater auseinander zu setzen.

Eine gewaltige Zahl von Schauspielern soll in der ersten Saison auftreten

Jetzt gehe es darum, den "charismatischen Nullpunkt" des Neubeginns zu nutzen. In "Oppositionen wie Tradition gegen Avantgarde oder Tanz gegen Sprechtheater zu denken", sei ihnen "fremd".

Die Frage einer Journalistin, ob denn neben all den Tänzern, Video- und Internet-Künstlern auch Schauspieler engagiert seien, beantwortet Dercon mit einer gewaltigen Zahl: Rund 250 Schauspieler würden in der ersten Saison auftreten. Jeder Regisseur und Choreograf bringe die Darsteller mit, mit denen er arbeiten will, Piekenbrock nennt das eine "Haute Couture"-Besetzung".

Das entspricht nicht der Struktur eines Ensembletheaters, aber Dercon will "nach und nach ein Ensemble aufbauen". Im Vorfeld hätten es auch die schwierigen Rahmenbedingungen schwer gemacht, bestimmte Schauspieler fest ans Haus zu binden.

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