Verlockende Angebote, Drohungen, Machtspiele hinter den Kulissen - darum geht es auch im spanischen Eröffnungsfilm "La Mala Educación (Schlechte Erziehung)".
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Der ehemalige Klosterschüler Pedro Almodóvar erzählt hier vom Kindesmissbrauch an einer Klosterschule, aber am Ende ist das nicht wirklich entscheidend. Wer eine Abrechnung mit der Kirche erwartet hatte, sah sich jedenfalls auf spannende Weise getäuscht: Religion spielt keine Rolle für Almodóvar, nicht einmal als Gegner nimmt er sie wirklich ernst.
Die traumatischen Erlebnisse des Schülers Ignacio, dessen glockenhelle Stimme im Knabenchor erklingt und der zur Gitarre des Padre Manolo auch gerne mal eine steinerweichende Version von "Moon River" zum Besten gibt, sind eher der Keim eines vertrackten film noir voller unerwarteter Wendungen.
Schon bald wird sich der zarte und unverschämt feminine Knabe nämlich seiner sexuellen Macht bewusst. Der erste Übergriff des Padre hat so fast den Charakter eines Deals - und fünfzehn Jahre später, als das Opfer zum Erpresser wird, sind die Fronten endgültig verschoben.
Diese Zweideutigkeit bei einem Thema, das eigentlich eindeutige Positionen verlangt, ist nicht ohne Risiko - aber eben typisch Almodóvar, der nie mit naheliegenden Lösungen langweilt.
Hier interessiert er sich vor allem für die künstlerischen und biografischen Transformationen, die diese Kindheitsgeschichte durchläuft: Zum Zweck der Erpressung niedergeschrieben, gerät sie bald in fremde Hände und von dort auf den Nachttisch eines jungen schwulen Regisseurs, der erkennbar zur Movida gehört, jenem künstlerischen Aufbruch im Madrid Ende der Siebziger Jahre, aus dem auch Almodóvar selber stammt.
Während der Regisseur noch das Manuskript liest, sieht man bereits den Film, den er später daraus machen wird. Die Hauptrolle darin spielt Angel (Gael García Bernal) - ein junger Mann, der behauptet, jener missbrauchte Ignacio zu sein, nun aber eine neue Identität gefunden zu haben. Bald ist klar, dass dies nicht stimmen kann - aber da ist das Spiel schon zu weit fortgeschritten, jetzt kann keiner mehr zurück.
Almodóvar, der Kenner und Beobachter sexueller Obsessionen, hat diese komplexe und sehr schwule Männergeschichte perfekt im Griff. Nur zu einem Meisterwerk wie "Alles über meine Mutter" reicht es diesmal nicht - dafür fehlt die leidenschaftliche Wärme, die er seinen großen Frauenfiguren verleihen kann.
Hinter den Kulissen habe Almodóvar gebeten, diesmal nicht im Wettbewerb zu laufen, heißt es - zu groß sei sonst sein Ehrgeiz, auch zu gewinnen. Wer noch in Erinnerung hat, wie sichtbar enttäuscht er 1999 in Cannes seinen Regiepreis entgegennahm, während die Goldene Palme an den Überraschungssieger "Rosetta" ging, wird diese Geschichte sofort glauben.
Ansonsten ist um die Kandidaten für die Goldene Palme, zu denen mit Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" auch endlich wieder ein deutscher Film gehört, sicher mit aller Macht gerungen worden. Ob dabei verlockende Angebote gemacht, Drohungen, vielleicht sogar Erpressung im Spiel waren - man wird es nie erfahren.
Klar ist nur, dass zum Beispiel Walter Salles' Che-Guevara-Roadmovie "Diarios de Motocicleta" in letzter Sekunde aus dem Programm der Berlinale verschwand, um nun hier an der Croisette zu laufen. Wer die Stufen zum Palais erklimmt, lächelt und gibt über solche Dinge keine Auskunft mehr. Nur die Ausgestoßenen melden sich vielleicht noch zu Wort.
Wie der portugiesische Produzent Paulo Branco, der sich beklagte, der Festivalpräsident Gilles Jacob habe ihm einen Platz für seine Bataille-Verfilmung "Ma Mère" mit Isabelle Huppert versprochen, und dieses Versprechen sei gebrochen worden. Wahr ist, das Branco, der unter anderem sämtliche Oliveira-Filme produziert, einer der Darlings von Cannes war, oft mit unfassbar langweiligen Filmen in den Wettbewerb kam und tatsächlich ein enger Freund von Gilles Jacob ist. Wahr ist aber offenbar auch, dass Jacob nach dem desaströsen Programm des letzten Jahres endgültig nichts mehr zu sagen hat.
"Er hat keinen einzigen Wettbewerbsfilm mehr gesehen", erklärt Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter, nicht ohne einen triumphierenden Unterton. So meint man, den Sieger eines klar gewonnenen Machtkampfs zu erblicken - kurz bevor die Show beginnt, und die glitzernde Fassade wieder geschlossen wird.
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(SZ v. 13.05.2004)
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