Erotikhefte Die längste Praline der Welt

Was Sie nicht mehr über Sex wissen wollen: Mit bizarren Themenmischungen bäumt sich die Erotik-Presse gegen Internetpornos auf. Die Chancen stehen schlecht - wir wünschen ein Happy Weekend.

Von Simon Feldmer

Die Zeitschriftenhändlerin schaut hinter ihrem Ladentisch hervor und sagt unverhältnismäßig laut: "Praline und Coupé wollen Sie? Die sind ganz hinten links, aber viel haben wir nicht mehr von der Sorte." Dann sucht sie die Reste zusammen: Yes, Das neue Oho!, Dynamit, Coupé. Sie packt alles in eine Tüte und sagt: "Den amerikanischen Playboy hab' ich auch. Der ist viel schärfer als der deutsche." Der sei aber für einen älteren Herrn reserviert, dem sie das Heft immer unter dem Ladentisch verkaufe.

Frust im Geschäft mit der Lust: Die Erotikzeitschrift "Praline" will mit einer Erweiterung um acht Seiten der Konkurrenz aus dem Internet standhalten.

(Foto: Foto: oH)

War ja nur eine Frage. Denn zu finden sind Sexblättchen nicht mehr so leicht im Zeitschriftenladen. Die deutsche Erotik-Presse steuert auf ihr eigenes Begräbnis zu. Seit fünf Jahren befinden sich die Auflagen im freien Fall. Bedauern muss man das nicht. Denn was im Internet nachkommt, ist keineswegs besser - und entzieht sich bislang jeder Kontrolle.

Im Netz gibt es nackte Tatsachen kostenlos und anonym, dazu Online-Communities, Kontaktbörsen und harte Sexfilmchen. "Kaum eine Zeitschriftengruppe hat so unter der elektronischen Konkurrenz aus dem Internet gelitten wie die Erotik", sagt Kai-Christian Albrecht, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftengrossisten.

Der Umsatzanteil aller Erotiktitel am gesamten Zeitschriftenverkauf lag 2006 bei weniger als einem Prozent. Tendenz fallend. Männermagazine im Hochglanz-Look zählen hier nicht dazu, tun sich aber ebenfalls schwer.

Der 68er-Aufbruch

Sogar der US-Medienkonzern rund um das Männermagazin Playboy - die bekannteste Erotikmarke der Welt - hat gerade deutliche Verluste gemeldet. Sinkende Werbe- und TV-Einnahmen in den USA sowie die Konkurrenz im Internet machen dem Magazin zu schaffen. In Deutschland ist der Playboy (Auflage 306 400 Exemplare), der mittlerweile von Burda herausgegeben wird, mehr Lifestyle-Titel als Erotikblatt.

Eine Schublade tiefer macht sich Fatalismus breit: "Spätestens in zehn Jahren gibt es uns alle nicht mehr", sagt Jürgen H. Klebe. Klebe war früher mal Hamburg-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Im Volontärskurs saß er mit Alice Schwarzer. Die Wege trennten sich. Seit 22 Jahren macht Klebe, 56, nun Sexhefte in der Waidmannstraße, an der Grenze zum Hamburger Stadtteil St. Pauli. Er ist Chefredakteur der St. Pauli Nachrichten und von mehr als zwanzig weiteren Titeln im Hamburger Spezialverlag SPN, die auf Namen wie Dickerchen Hitparade, Yes und Pfiff hören.

Vor 30 Jahren haben der ehemalige Spiegel-Fotograf Günter Zint und Helmut Rosenberg, ein Hamburger Trödelhändler, das Potential von Kontaktanzeigen in Kombination mit Freikörperkultur erkannt. "Heißes Eisen Autostrich" stand auf der ersten Ausgabe der St. Pauli Nachrichten. Ein Reißer, nicht nur am Hamburger Hafen. Der 68er-Aufbruch bot ein ideales Umfeld. Anfangs eher als Spaßblatt gedacht, übernahmen in den frühen siebziger Jahren für kurze Zeit Autoren wie Henryk M. Broder, Günter Wallraff oder der spätere Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust die studentenbewegte Kommentierung des Blattes. Bis zu 800 000 Exemplare wurden verkauft, heute liegt die Auflage zwischen 50 000 und 80 000 Stück.

Das Geschäft mit dem Fetisch

Inzwischen nennen sich die St. Pauli-Nachrichten "Das Lustblatt Nummer 1". Der Verlag gehört der Großdruckerei Evers aus Meldorf. Eine Tochtergesellschaft des Axel Springer Verlages organisiert den Vertrieb. Doch die Geschichten reißen niemanden mehr vom Hocker. Mit den verbliebenen sechs Mitarbeitern ist der Verlag an der untersten Rationalisierungsgrenze angekommen. Auf dem Titel kleben sexy Skat-Karten, im Heft gibt es vermeintliche Reportagen, wie "Im Seniorenstift geht die Hand unter den Rock: Sex im Altersheim" oder "Lust-Mode für Fuß-Fetischisten". Guten Appetit.

Drei Euro kostet die monatliche Ausgabe. Der Anzeigenmarkt dreht sich um Telefonsex- und Kontaktanzeigen sowie Sammler, die einen alten Satz Playboys verkaufen wollen. "Wir retten uns mit Spezialausgaben: dünne Frauen, dicke Frauen, lange Fußnägel, kurze Fußnägel, behaart, unbehaart", sagt Klebe.

Unzählige Titel machten bis in die neunziger Jahre mit dem Rotlichtlabel gute Geschäfte. Die Wendejahre verlängerten den Boom. Verleger, die auf das schnelle Geld aus waren, fanden mit Slip- und Strippgeschichten im Osten neue Leserschichten. So verkaufte der Hamburger Heinrich Bauer Verlag (Bravo, TV Movie) vor zehn Jahren mehr als 500 000 Stück der Zeitschrift Coupé, die in ihrem Niveau schon immer schwer zu unterbieten war. Im vierten Quartal 2007 waren es im Durchschnitt nur noch 54 302 Stück. Die hauseigene Illustrierte Praline, inzwischen schon über 50 Jahre alt, verkaufte in den siebziger Jahren mehr als eine Million Exemplare pro Heft. Auch die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin konnte als Kolumnistin den Abwärtstrend nicht stoppen.

Statt das Blatt einzustellen, verkaufte Bauer seine Praline im September 2006 an den deutschen Erotikfachmann Robert Gabor. Heute verkaufe man gut 60 000 Stück wöchentlich, lässt der neue Inhaber ausrichten. Gabor, ein ehemaliger Polizist, führt den ungarischen Verlag GLM sowie den Sex-Verlag New Level Establishment in Liechtenstein. Magazine wie Frech & Frivol oder Das neue Oho! gehören zum publizistischen Kern. Seit wenigen Wochen versucht es GLM mit einer neuen Praline. Acht Seiten mehr werden produziert. Die Mischung ist nach dem Relaunch ungewöhnlich. Nun stehen Geschichten wie "Amy Winehouse - ein Star am Scheideweg" im Heft. Dazu gibt es pralle Busen und politische Stammtischrunden: "Mutige Politiker sprechen aus, was sich Millionen Bürger dieses Landes erhoffen: Kriminelle Ausländer abschieben."

Auf Nachfrage, was sich Gabor von seinem Neuerwerb verspreche, wird die Mitarbeiterin des deutschen Verlagsservices einsilbig: Man wolle der Praline noch ein langes Leben bescheren. Weitere Auskünfte seien derzeit leider schwierig. Der Vertrieb der Praline sowie die Hoheit über die Online-Seite www.praline.de liegen weiter beim Bauer-Verlag. Viele Erotik-Aktivitäten des Hamburger Zeitschriftenhauses sind bei der Verlagstochter Inter Publish GmbH in Rastatt bei Karlsruhe gebündelt. Das Interesse an Öffentlichkeit hält sich auch dort in Grenzen.

Kein Wunder: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hat oft mit der Bauer-Verlagstochter zu tun. Werden innerhalb eines Jahres drei Ausgaben indiziert, kann die Bundesprüfstelle die Magazine im voraus indizieren. Die Zeitschrift darf ein Jahr lang nur noch unter dem Ladentisch verkauft werden oder gleich im Pornohandel. Sieben Titel betrifft das zur Zeit, darunter die Bauer-Blätter Blitz Illu oder Das neue Wochenend. Beide sind auch angesiedelt bei der Bauer-Tochter Pabel Moewig Verlag KG, ebenfalls Rastatt.

Eine Anfrage beantwortet Inter-Publish-Geschäftsführerin Sabine Detscher knapp: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihre Fragen nicht kommentieren wollen." Zweiter Inter-Publish-Geschäftsführer ist übrigens der Schwiegersohn des Verlagsinhabers Heinz Bauer: Sven-Olof Reimers.

Und viele Titel blühen im Internet neu auf. Vorgebliche Flirt- oder Kontaktforen werden zu reinen Pornoseiten mit bewegten Bildern. Gerade die Abwanderung von harten Stoffen ins Netz stellt Jugendschützer vor eine schwierige Aufgabe. Friedemann Schindler von jugendschutz.net, der Jugendschutzeinrichtung der Bundesländer für das Internet, sagt: "Die Konfrontation mit pornographischen Inhalten ist im Internet allgegenwärtig, der Zugang ist auch für Kinder und Jugendliche nach wie vor einfach. Jugendgefährdende Websites, Bilder, Videos und Live-Cams sind in allen Diensten des Internets verfügbar." Vor allem die freie Zugänglichkeit unzulässiger Darstellungen im Ausland stelle für den Jugendschutz ein Problem dar, so Schindler. Schmuddel-Magazine sind gegenüber den Sex-Angeboten im Netz fast harmlos. "Dagegen machen wir hier ein Kirchenblatt", sagt St.-Pauli-Experte Klebe. Zumindest ein paar Jahre noch.