Eröffnung: Filmfestival Venedig Wracks im Tutu

Mit "Black Swan" und Natalie Portman wird am Mittwoch Abend das 67. Filmfestival in Venedig eröffnet. Ein Werkstattbesuch bei einem Film, der die Ballettwelt zum Thriller macht.

Von Roland Huschke

Darren Aronofsky denkt scharf nach. Wie hat es Natalie Portman eben noch formuliert? "Dem Mann kommt nichts Unüberlegtes über die Lippen, er ist ein Regisseur ohne Ego. Wenn du eine bessere Idee hast als er, dann nimmt er sie auch. Ohne viel Gerede. Er lässt einen machen, aber wenn er dann mal was sagt, sollte man gut zuhören."

Auch jetzt sucht Darren Aronofsky die richtigen Worte. Wie soll er den neuen Film, den er hier gerade dreht, auf einen kurzen, prägnanten Nenner bringen? Er steht in einem Konzertsaal, der in der Nähe von New York City in einem kahlen Gruselwäldchen liegt. Bob Fosse drehte hier schon "All That Jazz". Diesmal geht es um Ballett - das sieht man schon an den jungen Tänzerinnen, die auf der Bühne gerade ihre Gelenke dehnen. Der Titel lautet "Black Swan". Aber sonst? Gerade will der Regisseur zur definitiven Erklärung ansetzen, da schneidet ihm ein ohrenbetäubendes "Schwanensee"-Crescendo das Wort ab.

Drakonisches Training

Als er schließlich zum Reden kommt, sagt Aronofsky: "Ich mache doch nie Filme, die sich in ein Genre pressen lassen." Also erzählt er lieber, wie er schon vor acht Jahren in einem New Yorker Café mit seiner Hauptdarstellerin Natalie Portman zusammensaß, um eine Ballett-Geschichte auszuhecken. "Nicht die wässrige Version mit viel Pink für pubertäre Mädchen", sagt er. "Sondern etwas in der Tradition dieser gotischen, zutiefst tragischen Stoffe wie 'Romeo und Julia' und ,Schwanensee'."

Durch seine Schwester, eine professionelle Tänzerin, war er vertraut mit dieser seltsamen Welt aus Tutus und drakonischem Training. Auch Portman tanzt seit Kindheitstagen. "Im Kino ist nie gezeigt worden, wie unerbittlich dieser Beruf ist, wie er junge Menschen viel zu früh in Wracks verwandeln kann."

Blutende Füße, ausgekugelte Schultern, zerrissene Nerven - das Premierenpublikum darf sich auf einiges gefasst machen, wenn "Black Swan" an diesem Mittwoch die Filmfestspiele von Venedig eröffnet. Mit seinem fünften Film ist Aronofsky nun schon zum dritten Mal im Wettbewerb am Lido vertreten. Wie riskant so ein Auftritt sein kann, erfuhr er 2006 mit "The Fountain". Da wollte er nichts weniger als den Sinn und Ursprung allen Lebens erklären - und galt am Ende des Festivals als ausgebranntes Wunderkind, das nach den aufregenden Anfängen mit "Pi" und "Requiem for a Dream" nun dem Prätentionssyndrom erlegen war. Dann kam er 2008 wieder, mit "The Wrestler" und dem bis dato völlig ausgebrannten Mickey Rourke - und gewann den Goldenen Löwen.

"Ich mag Festivals", sagt Aronofsky grinsend. "Und am liebsten mag ich sie, wenn ich einen Preis gewinne."

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wieviel Horror im Ballett stecken kann.

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