Eröffnung des 31. Filmfests München 2013 Mond über der Wüste

Einander zugewandt und abgewandt zugleich: Vater Heinrich (Ulrich Tukur, links) und Sohn Ben (Samuel Schneider) in "Exit Marrakech" von Caroline Link. 

(Foto: StudioCanal)

Ulrich Tukur spielt einen Vater, der seinen verlorenen Sohn aus der Wüste zurückholt, weil der sich im Labyrinth einer Liebesexkursion dort verirrt hat. In "Exit Marrakech", dem Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfests München, zeigt Caroline Link erneut die Fremde als Verlockung und Gefahr.

Von Rainer Gansera

Vater Heinrich (Ulrich Tukur) und Sohn Ben (Samuel Schneider) auf der Terrasse eines Hotels im Hinterland von Marrakesch. Einander zugewandt und abgewandt zugleich. Der Blick des Vaters schweift in die Ferne, als suche er nach Erinnerungsbildern. Der Sohn schaut mit einer Miene verhaltenen Zorns auf den Vater, wie aus einer Defensive, die er gern aufgeben würde. Die Spannung zwischen beiden ist mit Händen zu greifen.

Die Szene stammt aus Caroline Links Film "Exit Marrakech", der am Freitag das 31. Filmfest München eröffnete. Im Kosmos der Caroline Link sind Vaterfiguren der magnetische Pol. Alles dreht sich um die Wahrnehmung und Anerkennung durch die väterliche Instanz.

So in "Jenseits der Stille" (1996), wo Lara, die als Klarinettistin ihren eigenen Weg gehen will, alles dran setzt, die verlorene Nähe des Vaters wiederzugewinnen. "Im Winter ein Jahr" (2008) zeigt eine ähnliche Annäherung zwischen der jungen Lilli und dem Porträtmaler Max. Nun - als Variante des ursprünglich ödipalen Szenarios - folgt eine Vater-Sohn-Geschichte.

Ben ist 17, Internatsschüler, trägt eine Zahnspange, schreibt gute Kurzgeschichten und benimmt sich schlecht. Äußerlich macht er einen smarten, beinahe erwachsenen Eindruck, aber in ihm wühlen die Konfusionen der Adoleszenz. Er ist ein Scheidungskind, das den Vater kaum je zu Gesicht bekam.

In diesen Sommerferien wird er ihn besuchen, in Marrakesch, wo Heinrich, ein renommierter Theaterregisseur, zu einem Gastspiel weilt. Im Prolog zitiert der Internatsleiter (Josef Bierbichler), um Ben aufzumuntern, den ersten Satz aus Tolstois "Anna Karenina": "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich."

Drama von Nähe und Distanz

Die Fremde als Verlockung und Gefahr - auch das ein wichtiges Motiv bei Caroline Link. In ihrem oscargekrönten "Nirgendwo in Afrika" (2001) gab es die kleine Regina, die in Kenia mit kindlicher Selbstverständlichkeit den einheimischen Koch Owuor zu ihrem Vertrauten machte. In "Exit Marrakech" spiegelt sich das Drama von Nähe und Distanz zwischen Vater und Sohn in der Begegnung mit einer Fremde, zu der man sich gleichgültig (Vater) oder mit dem Willen zum Sich-Einlassen (Sohn) verhalten kann.

Heinrich liegt am Hotel-Pool und liest Kurzgeschichten von Paul Bowles. Ben klemmt sich sein Skater-Brett unter den Arm, rollt durch die Gassen Marrakeschs und begegnet in einer Disco der jungen Prostituierten Karima (faszinierend: Hafsia Herzi).

Caroline Link liebt eine Erzählweise, die sich treiben lässt, die nicht sogleich auf definierte Ziele zusteuert, und findet ihre stärksten Momente, wenn die Geschichte einen Sog entwickelt, der die Figuren in sich hineinzieht. Das geschieht bei der Beinahe-Liebesgeschichte zwischen Ben und Karima, die Ben zuerst in ein geheimnisvoll verwinkeltes Stadtviertel zur Kammer Karimas lockt.

Tastende Annäherungsversuche

Dort sitzt er an ihrem Bett und singt als Gute-Nacht-Lied "Der Mond ist aufgegangen". Wie ein Vater, der sein Kind zu Bett bringt. Dann findet er sich neben ihr im Bus, auf dem Weg in Karimas weit abgelegenes Heimatdorf.

Die Vater-Sohn-Geschichte ist nicht vergessen. Ben verirrt sich im Labyrinth seiner Liebes-Exkursion und der Vater muss seine Pool-Idylle verlassen, um den verlorenen Sohn aus der Wüste zurückzuholen.

Es beginnt ein Roadmovie mit prächtigen Landschaften als Kulisse tastender Annäherungsversuche. Schöne Momente, wenn die beiden als einzige Gäste in einsamen Hotels landen, wo immer nur Hähnchen auf der Speisekarte steht, der Vater vergeblich nach Bier fragt.

Hier kann die Regisseurin all ihre Motive verweben und im Mäander der Erzähllinien den Eklat der großen Gefühle vorbereiten. Heinrich sucht Ausflüchte: "Nicht jeder Vater, der um sieben bei seinem Kind auf der Bettkante sitzt, ist deshalb zwangsläufig ein guter Vater." Ben aufgebracht: "Aber du bist einer - oder was?" Antwort: "Wenn du mich lassen würdest!"